Blueberry Hillvon Silber Mund
Es hiess sie könne das Wetter riechen. Kommender Schnee roch nach Wäsche, ein richtig heftiger Sturm nach Mandeln und wenn der Föhn über die Alpen blies und dem Tal Kopfschmerzen machte, glaubte sie Kamelien zu riechen. Jene nämlich, die im Süden blühten und mit dem heissen Südwind nach Norden flogen. Sie konnte dem Wind nie widerstehen und spielte mit ihm, liess sich die Röcken blähen und diesen ihre die Nadeln aus den Haaren reissen. Manche Haarnadeln flogen bis in den Garten des Nachbarn, der sie sorgsam aufhob und in sein Taschentuch wickelte. Der Südwind war es auch, der ihr die Nüsse aus den Taschen riss, die sie immer sammelte, und sie auf dem ganzen Feld und der kleinen Strasse herum rollen liess. Ein paar Nüsse schlugen Wurzeln und wurden im Lauf des Lebens zu prallen Nussbäumen. Die anderen gingen kaputt, als die Leute darüber stolperten.
Die Menschen hier waren arm. Sie würden sich aber niemals als arme Leute bezeichnen: Die meisten hatten eine Kuh im Stall, ein paar Schafe und einen oder zwei Söhne, die in der weit entfernten Stadt arbeiteten und ihnen zwei Mal im Jahr etwas Geld schickten. Arm waren immer die anderen.
Die Wiesen waren saftig, der See nie trocken und das Wetter meinte es gut mit ihnen.
Die Frauen gruben in den Gärten Furchen um Kartoffeln zu pflanzen, setzten Zwiebeln und säten Karotten . Sie wischten die Böden bis sie sauber waren und summten alte Lieder, die ihnen schon ihre Mütter vorgesungen hatten, wenn sie die Wäsche im Wind stramm zogen und mit Wäscheklammern an den Leinen festmachten. Ihre Männer, von eher geringem Wuchs aber zäh wie altes Leder, pflügten die Felder, brachten die Kuh auf die Weide und waren abends meist so müde von Wind und Wetter, dass sie auf ihren Frauen einschliefen.
Manche von ihnen schoben dann den Mann grunzend von sich auf seine Seite des Bettes und schliefen selber mit wilden Träumen ein.
Junge Männer waren keine im Tal, wenn man diejenigen nicht rechneten, die ein einfaches und sonniges Gemüt hatten, dass sie nirgends zu brauchen waren, waren da noch fünf Männer. Solche die darauf warteten, dass sie gehen konnten.
Drei davon waren ihre Brüder, einer zu jung, der andere zu faul und der dritte hatte einfach noch keine Arbeit gefunden. Der vierte war ihr Nachbar, seine Frau war gestorben aber eigentlich galt er noch als jung.
Der fünfte war der, der jetzt in einigem Abstand hinter ihr her lief. Sie hatte ihn noch nicht gesehen, sie war zu sehr damit beschäftigt, sich ihr flachsblondes Haar aus dem Gesicht zu streichen und wilde Hagebutten zu pflücken. Der Wind blies, ein kalter Nordwind der salzig schmeckte wenn man den Mund öffnete, und ihm ihren Duft so sehr ins Gesicht wehte, dass sein Blut dermassen in Wallung kam, dass er trotz der Kälte schwitzte . Sie hatte ihm kürzlich, als er sich beim Feuer machen die Hand verbrannte, diese mit der Milch einer Ziege eingerieben und damit den Schmerz zum abklingen gebracht.
Er hasste diese Gegend, mochte den Schlamm nicht in dem die Kühe stecken blieben und die er befreien musste. Mochte den stetigen Wind nicht, der nie Ruhe gab und am Getreide zerrte und riss, bis dieses sich nutzlos flach in den Boden drückte. Verabscheute die Schafe, die grenzenlos dumm waren und die wenigen Blumen frassen, die in den Gärten wuchsen. Früher machte er sich mit seinen Freunden einen Spass daraus die Schafe zu jagen, sich ihnen zu nähern als wären sie Wölfe und ihnen dann „Ihr seid nur blöde Schafskottlets“ zuzurufen.
Das Dorf ekelte ihn mit den Geschichten, die schneller als das Echo die Runde machten.
Es gab Dinge, die liebte er an dieser Gegend. Die seltene Stille, wenn der Wind mal selber Atem holte und schwieg oder das grenzenlose Grün im Frühling, das Schilfgras das am See wuchs und knisterte, wenn er seine Schritte hindurch pflügte. Am meisten liebte er sie.
Sie war mehr als Zuflucht und Trost, sie war Wärme und der Ursprung seiner grenzenlosen Lust die sich wie ein Steppenbrand in seinem Körper ausbreitete, wenn er sie sah. Und ihn selber zu einer Marionette machte, die nicht anders konnte als ihr zu folgen. Sie war der Grund, dass er noch im Dorf war.
Sie spürte jetzt dass er in ihrer Nähe war, ohne dass er sich bemerkbar machte. Ihre Stimmung änderte sich: Sie lief langsamer auf der noch warmen Erde des Spätsommers, vorbei an den letzten Hagbutten, die sie nun nicht mehr interessierten, ihre Taschen waren voll und schwer davon. Sie glaubte dass ihr Herzklopfen die Vögel dazu brachten, angespannt und still der Dinge zu harren, die da passieren würden.
Ihr Mund war trocken, sie atmete flach und gab sich Mühe, ihre Schritte so langsam zu machen, dass er ihr ganz bestimmt folgen konnte.
Beim kleinen Hügel wo die Blaubeeren wuchsen, so viele dass sie den ganzen Winter Blaubeerkonfitüre würde essen müssen, blieb sie stehen ohne sich umzudrehen. Stand still.
Sie hörte seine Schritte die ohne zu zögern näher kamen und schloss die Augen, als er ihre Haare im Nacken weg schob, damit er mit seinen Lippen Feuermale auf ihrer Haut hinterlassen konnte.
Sie liebten sich, wie sie es oft taten. Wortlos. Lange und zärtlich, wild manchmal. gerade dort, wo sie eben zusammen trafen . Sie beide. Heute lag sie unter ihm auf einem Bett aus zerquetschten Blaubeeren, schrie ihre lustvolle Liebe in den Nordwind und ergab sich seinen Händen, die niemals suchen mussten, weil sie fanden oder gefunden wurden. Sie verlor ihre Hagebutten und irgendwann würden dort Rosen blühen, die jenen, die es wagten ihre Nasen in die Blütenblätter zu stecken, eine unerklärliche Lust nach Liebe wecken würden. Die sie ungeduldig nach Hause trieb, um sich an der Frau oder dem Mann zu vergnügen oder vielleicht unterwegs dorthin einer Magd oder einem Burschen unbegrenzte Freude zu bereiten.
Sie liebten sich noch, als der Mond hinter einer Wolke hervorkam und sie wund war und später Ringelblumen aus dem Garten an ihre Stelle zwischen den Beinen über Nacht legen würde.
Sie atmeten die gleiche Luft. Rochen beide nach süssen Beeren und dem Honigduft von Menschen, die nie genug voneinander bekommen.
Wortlos trennten sie sich. Weil es nichts zu sagen gab. Auch morgen nicht.