An einem Tag wie jedem anderenvon beagle17
Ich blicke aus dem Fenster. Häusergruppen, Blöcke, Strassen, Autos und ein paar Fussgänger ziehen an mir vorbei, gefolgt von grünen, beige-braungefleckten Riesen. Ein stolzer Berg folgt dem nächsten. Wo ich auch hinblicke, sind nur noch Berge. Gesprächsfetzen aus allen Richtungen suchen sich einen Weg in mein Gehör. Frauen- und Männerstimmen, junge Stimmen, ältere Stimmen. Aus manchen Winkeln auch Schweigen. Das Schweigen hebt sich aus dem Stimmengewirr hervor wie ein weisser Fleck auf einem von Farben geprägten Gemälde. Ich blicke in die Richtung, aus der das Schweigen stammt. Ein Junge blickt gedankenverloren aus dem Fenster, in seinen Ohren zwei schwarze Knöpfe, gefolgt von einem dünnen Kabel, das irgendwo in seiner Hosentasche endet. Ich frage mich, was für Musik wohl gerade in sein Gehör dringt und wieso er sich nicht zu dem Mädchen hinter ihm setzt und dem Schweigen der beiden ein Ende setzt. Auf einem Sitz ein paar Meter weiter wieder Stille. Eine betagte Dame, versunken in einen Liebesroman. Ich frage mich, ob sie alleine unterwegs ist um alleine an einem anderen Ort einsam zu sein und ob sie ihren Mann verloren hat oder ob sie gerade auf dem Weg zu ihm ist. Dann konzentriere ich mich auf das Schweigen, das von mir aus am nächsten liegt. Es kommt von dem Menschen, unmittelbar gegenüber. Die Spitzen der dunklen, gewellten Haare liegen auf ihren Schultern. Ihre graublauen Augen auf ein Buch gerichtet, das auf dem kleinen Tischchen zwischen uns liegt. Ich schaue sie an und denke an den Tag zurück, an dem ich sie das erste Mal getroffen habe. Auch sie hat Kopfhörer in den Ohren, doch die Musik ist so leise, dass ich nicht einmal ein Rauschen wahrnehme. Ich denke an den Klang ihres Klavierspiels, was mich an das Klavierspiel meiner Mutter denken lässt. Und an das meines Vaters, welches ich das letzte Mal über drei Jahre zuvor gehört habe. Ich will meinen Gedanken befehlen, in eine andere Richtung zu gehen. Doch noch bevor ich daran denken kann, an etwas anderes zu denken wird es draussen plötzlich dunkel. Nur noch das fahle Licht der schwachen Lampen an der Decke, die an diesem Tag noch schwächer sind als sonst, verhindert die völlige Finsternis. Licht, Farben und Formen, die eben noch das Bild, das an mir vorbeizog, prägten, sind wie weggeblasen, wie das Schwarz, das erscheint, wenn man den Fernseher ausschaltet. Das Geräusch des Rollens wird deutlicher, Stimmen und Geräusche klingen gedämpft und einige Gespräche verstummen ganz. Ich frage mich, wieso sie aufhören zu sprechen, denke, dass es wohl an der plötzlichen Dunkelheit um sie herum liegt oder vielleicht, weil sie sich sowieso nicht wirklich viel zu sagen haben. Dann denke ich an die Zeit als Kind, in der das Löschen des Lichts bedeutete, dass man schlafen sollte. Vielleicht hörten die Leute deshalb auf zu sprechen. Ich schaue mich noch einmal um, beobachte die Leute, wie sie auf ihren Sitzen auf die nächste Station warten. Ich frage mich, wohin sie gehen und ob sie auch denken, dass das Leben an sich eine einzige, lange Zugfahrt ist, von der wir nicht wissen können, wo sie eines Tages endet. Ich stelle mir vor, wie viele Bücher es geben würde, wenn jeder Gedanke jedes Menschen aufgeschrieben würde und ob man danach immer noch so viel denken würde. Ich denke an die Zeit, in der meine Gedanken einer endlos scheinenden Leere gewichen waren und daran, wie fern mir diese Zeit erscheint.
Ich schaue wieder in das Gesicht meiner Freundin. Es wirkt angestrengt und konzentriert. Sie scheint in ihrer Welt versunken zu sein, umgeben von einer grossen, unsichtbaren Luftblase. Ich denke an unser Reiseziel, den See, und frage mich, wie sich jene Menschen wohl fühlen, die die riesigen Bergmauern um sich herum nie verlassen und ob sie nie das Bedürfnis verspüren, in die Ferne zu blicken, den Horizont zu sehen.
Die Fahrt durch den Tunnel erscheint mir länger als sonst, doch gerade bevor ich anfangen kann, mich zu langweilen, durchflutet das Tageslicht den Zug, lässt mich blinzeln und meine Pupillen verengen. Die stolzen Riesen sind weit in den Hintergrund gerückt und machen den kleineren Platz. Ein paar mehr oder weniger in eine Reihe gestreute Häuser am Rand, ein paar einzelne auf den Hügeln. Dann noch einmal Dunkelheit zu beiden Seiten, die Stimmen werden nochmals leiser, meine Pupillen wachsen noch einmal schlagartig. Dann wieder grelles Licht. Wieder von Tannen übersäte Hügel, ein paar Häuser hier, ein paar da, allesamt holzbraun. Ein schmaler, unauffälliger Fluss, der so schnell wieder aus dem Bild verschwindet, wie er gekommen ist. Ich denke an den See, der gleich das Bild zu unserer Rechten prägen wird. Doch zuvor noch einmal der Fluss, dieses Mal deutlicher, doch versteckt hinter einem Meer von Sträuchern. Er fliesst mit uns in die gleiche Richtung, doch viel gemächlicher. Er wirkt wie ein alter weiser Mann, neben den gehetzten Menschen von heute. Er nimmt sich Zeit, die Zeit, die er braucht, und fliesst gemütlich weiter seinen Weg entlang. Die Gespräche werden wieder lauter, neue entstehen. Dann kommt endlich der See. Meine Freundin blickt auf, wie immer, wenn er erscheint. Wir schauen uns den See an, wie immer. Ich frage mich, ob wir die einzigen sind, die die Schönheit des türkisfarbenen, schimmernden Wassers wahrnehmen, denn die anderen blicken immer noch in die Gesichter ihrer Gegenüber oder starren Löcher in den Boden. Ich freue mich auf das Gefühl des kalten Wassers auf meiner verschwitzten Haut.
Als der See wieder aus meinem Blickfeld rückt, entspanne ich mich wieder auf meinem Sitz. Der Zug hält an, spuckt ein paar Menschen aus und nimmt mindestens doppelt so viele wieder auf. Die paar freien Sitze bleiben nicht lange frei. Der Zug ist voll, voll mit Leuten die irgendwo hin wollen. Der Zug schliesst seine Türen wieder, wartet einen Moment und fährt dann weiter. Die Gespräche häufen sich. Links, rechts, vorne, hinten, überall Gesprächsfetzen, die sich in meinem Gehör zu einem einzigen Brei vermischen. Es erinnert mich an das Durcheinander von Klängen und Rhythmen, wenn man verschiedene Lieder gleichzeitig laufen lässt.
Dann geht es plötzlich ganz schnell.
Der Zug bremst und drückt mich mit dem Rücken in den Sitz, meine Freundin schwenkt nach vorne. Die gleiche Bewegung zu allen Seiten. Die Gespräche verstummen auf einen Schlag. Ich denke an die Kraft und das Gewicht des langen Giganten und an den Menschen, der ihn und die hunderten von Menschen, die darin sitzen, führt. Ich frage mich, was er wohl gerade gesehen hat dass er ihn so schnell zum Stehen bringen will. Ich blicke in das Gesicht meiner Freundin und sehe Anspannung, Verwirrtheit und eine Spur Angst. Ich denke, dass sie wahrscheinlich gerade das Selbe denkt wie ich und versuche den Gedanken zu verdrängen. Doch der Gedanke bleibt und hinterlässt ein grauenvolles Bild in meinem Kopf. Ich blicke wieder in die Runde, sehe Menschen, die alle still auf ihren Plätzen sitzen und auf das Geräusch des Lautsprechers warten. Doch der Lautsprecher bleibt stumm. Vereinzelte, unsicher klingende und leise Gespräche lösen ganz langsam das Schweigen ab und beginnen sich zu vermehren. Ein Zugbegleiter, beinahe rennend, eilt durch den Gang, vorbei an den verwirrten Blicken. Ich stelle mir vor, wie er die Kabine des Lokführers betritt und in sein Gesicht blickt, das blass vor Schrecken und regungslos auf das Gleis gerichtet ist. Ich frage mich, wieso ich mir solche Gedanken mache, nur weil der Zug stehen geblieben ist…Und die Antwort folgt aus den Lautsprechern über den Köpfen der Leute, eine weibliche, junge zitternde Stimme lässt die Gespräche wieder verstummen: „Geschätzte Fahrgäste…Aufgrund eines Personenunfalls ist die Weiterfahrt zur Zeit nicht möglich…bitte bewahren Sie Ruhe und bleiben Sie im Zug…“ Ein kalter Schauer fährt mir über den Rücken, als ich höre, dass sich meine Befürchtung bestätigt. Mit der Durchsage endet auch das kurze Schweigen und die Gespräche beginnen von neuem. Ich blicke in das entsetzte Gesicht meiner Freundin und frage mich, ob sie dasselbe Bild vor Augen hat wie ich. Ich denke wieder an den Lokführer und daran, wie schrecklich es sein muss, wenn plötzlich ein Mensch vor ihm auf dem Gleis steht und darauf wartet, von ihm getötet zu werden und dass er ein Leben lang davon geprägt sein wird und an die Zugbegleiterin und ihren Kollegen, die den Anblick nie vergessen werden. Ich stelle mir vor, wie all die Menschen, die hier sitzen, an das Zug-Ende laufen, weil sie sehen wollen, was passiert ist und wie sie es bereuen wenn sie gesehen haben, was sie sehen wollten. Ich denke an den Menschen, der sich entschliesst, mit einem Sprung seinem Leben ein Ende zu setzen und frage mich, ob dieser Mensch wusste, dass er nicht nur sein Leben zerstört. Später erfahre ich, dass es zwei Menschen waren. Zwei Menschen, die sich liebten. Ich frage mich, ob sie es beide wollten oder ob er sie, oder sie ihn mitgerissen hat und daran, dass die Wahrheit mit ihnen von dieser Welt gegangen ist, frage mich was sie dabei fühlten und ob ihre Seelen zusammenbleiben werden. Ich denke an den goldenen Schuss einer meiner besten Freunde und an den Sprung meines Vaters, an die Tiefe unter der Brücke und an den Schmerz meiner Mutter, meiner Schwester meines Bruders und an die Trauer und Wut aller Menschen, deren Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Bruder oder Schwester sich selbst aus dem Leben reissen. Und an die Verzweiflung der Menschen, die keinen Ausweg mehr sehen und nicht mehr unterwegs sein wollen, unterwegs an einen unbekannten Ort. Menschen, die während der Fahrt des Lebens einfach die Notbremse ziehen und im Nirgendwo aussteigen. Ich frage mich, wie viel es braucht um so zu enden und denke an das Glück all der Menschen, die diese Qualen nicht leiden müssen und an das Elend derer, die sich ein Leben lang Vorwürfe machen. Ich frage mich, ob die Menschen, die es taten, es noch einmal tun würden. Ich denke an die Menschen und ihre Erklärungen. Ich höre die Worte Egoismus, Feigheit und Verzweiflung und frage mich, ob wir ein Urteil fällen dürfen über etwas, was wir nie an unserer eigenen Haut erlebt haben. Ich denke an die Gesichter ihrer Eltern, ihrer Brüder und Schwestern und ihrer Freunde, wenn sie erfahren, dass sie nicht mehr leben und nie wieder zu ihnen zurückkommen und ich denke an heute, einen Tag wie jeden anderen, an dem niemand mehr von ihnen spricht, niemand ausser jenen, die sie liebten.
Ich öffne die Augen und blicke aus dem Fenster. Ich bin unterwegs, und mit mir alle anderen, die zusammen eine Gesellschaft bilden. Eine Gesellschaft, in der kein Platz ist für Menschen, die keinen Ausweg mehr sehen. Und wie ein Regentropfen, der in einen Eimer voller Wasser fällt, verschwinde ich darin und werde wieder zum Teil eines Ganzen.