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Die Geburt der Lautpoesie im Unterrichtszimmer
von René Wohlhauser

Nach dem Abschluss der Ausbildung fand Heinrich G. Klarsfeld eine Stelle in einer mittelgrossen Stadt im Nordwesten des Landes. Dort unterrichtete er Lesen und Schreiben an einer Grundschule. Gerne hätte er im Unterricht die grossen Klassiker der Literatur behandelt und zusammen mit den Zöglingen die Schriftsteller der Gegenwart entdeckt, um so den Mief des Schulzimmers durch eine inspirierende kulturelle Atmosphäre zu ersetzen. Da aber die eben erst neu in die Schule eingetretenen und ihm anvertrauten Kinder der ersten Klasse gerade knapp mit ungelenken Fingern ihren eigenen Namen in die Schiefertafel einkratzen konnten, aber noch nie etwas von „Literatur“ gehört hatten, und ihn mit grossen Augen treuherzig anschauten, wenn er das Wort „Schriftsteller“ erwähnte, musste er erkennen, dass seinem Idealismus durch die beschränkte Wirklichkeit des Alltags harte Grenzen gesetzt waren.

Aber er gab nicht auf. Für die letzten zehn Minuten der Lektionen, die er – nach den elementaren Schreib- und Leseübungen – seinen Vorstellungen von einer neuen Kunsterziehung widmen wollte, entwickelte er ein spezielles Unterrichtskonzept. Er nannte es „Literatur für Kinder“. Mit Begeisterung erforschte er die Kindheit bekannter Literaten und stellte sie zu andekdotenreichen Schilderungen zusammen, um auf diesem Wege einen Zugang zu seinen jungen Schülerinnen und Schülern zu finden. Er fesselte sie mit Erzählungen von Lausebengeln, die durch Streiche ihre Eltern ärgerten, die zu nichts Rechtem nutze waren und nur Flausen im Kopfe hatten, die es aber später gewitzt verstanden, diese Flausen literarisch zu vergolden. Dies gelang ihnen, indem sie nicht nur die Faszination des Lesens und Schreibens für sich entdeckten, sondern sich darin allmählich eine spezielle Fertigkeit aneigneten, und sich so in die Lage brachten, ihre bizarren Einfälle und pubertären Flausen zu spannenden Romanen zu verarbeiten, wodurch sie zu angesehenen Schriftstellern wurden. Dass man für das Niederkritzeln dieser komischen Buchstabenzeichen von anderen Leuten bewundert werden würde und man durch das Sich-ausdenken abwegiger und provokativer Ideen, die bei den Erwachsenen in der Regel Ärger hervorrufen, sogar noch reich werden könnte, wollten die Kinder zuerst nicht recht glauben. Aber es weckte ihre Neugier.
Und wenn seine jungen Zuhörerinnen und Zuhörer – durch seine bildhaften Ausführungen in Bann geschlagen – endlich dazu bereit waren, ihm in die nächtliche Welt der skeptisch Grübelnden und manisch Schreibenden zu folgen, liess er die Vorhänge zuziehen, zündete ein paar Kerzen an und rezitierte mit ihnen zusammen auswendig den Beginn von Goethes „Faust“.

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heissem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!

Oder er verband in seinen Erzählungen die Sternensprache von Velemir Chlebnikov mit Motiven aus der Märchenwelt. Und so wurde es für die Kinder das Natürlichste von der Welt, die lautpoetischen Gedichte, die Heinrich mit idealistischer Begeisterung in der Nachfolge seiner ehemaligen naturinspirierten Verse schrieb, mit Inbrunst zu deklamieren und sich daran zu freuen.

gelsüraga

gelsüraga promu kose
kuragara maru frabu

togeriso wira setu
lesamiro kuma fere


hang gomeka

hang gomeka nik mara
sik nurima sang hak

mek nikora sem kira
lem warina rek tak


suragimanä

suragimanä lamanirago
gimanäsura niragolama

näsuragima golamanira
ragimanäsu maniragola

Als diese fremdartigen Klänge jedoch über die Begeisterung der Kinder an die Ohren ihrer Eltern gelangten, zeigten diese sich gar nicht begeistert und alarmierten besorgt die Schulbehörden. Diese wiesen den experimentierfreudigen Neuling im Lehrkörper darauf hin, dass auch er sich an die gängigen Normen und tradierten Gewohnheiten, und im speziellen an den Lehrplan zu halten habe, und dass neue, ausgefallene Ideen und Initiativen ganz und gar unerwünscht seien: Primär sei die Unterrichtszeit zum Erlernen praktisch verwertbarer Fertigkeiten einzusetzen. Falls dann wider Erwarten doch noch Zeit übrig bleibe, so schrieb dieser Lehrplan für fortgeschrittene Leserinnen und Leser Heimatautoren wie Peter Rosegger vor.

Damit beraubte man Heinrich seiner grossen Vision. Diese vier beengenden Jahre am Lehrerseminar hatte er nur durchgehalten, weil er sich am Strohhalm einer Utopie festgeklammert hatte: die Utopie der Erziehung eines besseren Menschen durch die Kunst. In diese Weltverbesserungsphantasie hatte er seine ganze Hoffnung investiert und daraus den Sinn seiner beruflichen Tätigkeit abgeleitet. Nun fühlte er sich betrogen. Und dieser Betrug knickte ihn, beraubte ihn seiner Kräfte, so wie einst der gemeine Betrug dem biblischen Samson die Kräfte raubte, nachdem ihm seine geliebte Delila, während er schlief, die Haare abgeschnitten hatte.

Heinrich überlegte sich, den Grundschullehrerberuf aufzugeben.


Den Lebensunterhalt verdiente er sich seitdem mit dem Erteilen von Abendkursen. Er gab Deutsch an Ausländer und Nachhilfeunterricht in Deutsch an Inländer an einer grossen, international tätigen Sprachschule. Doch je grösser eine Institution ist, um so kleiner wird anscheinend die Bedeutung des einzelnen Mitarbeiters. Er trug die anonyme Nummer 351, sah den Direktor nur kurz bei seiner Anstellung und in der Folge bloss noch von Ferne bei den jährlichen Lehrerkonferenzen.

Leider waren die erwachsenen Kursteilnehmer nicht in der gleichen Weise für Neues und Ungewöhnliches zu begeistern wie ehemals die Kinder. Sie liessen ihn deutlich spüren, dass sie die Behandlung von literarischen Texten als verschwendete Zeit betrachteten, da sie darin für sich keinen direkten, ökonomischen Nutzen erkennen konnten, und dass sie nicht gewillt waren, für so etwas ihr Kursgeld zu bezahlen. Nebst der überwiegenden Mehrheit der Teilnehmer, die im Rahmen staatlich bezahlter Programme seine Kurse besuchte, gab es tatsächlich auch noch ein paar Vereinzelte, die den Unterricht selbst berappten, wenn auch zu einem sehr niedrigen, ermässigten Tarif. Sie drohten mit einer Beschwerde bei der Direktion und beharrten darauf, dass sie als zahlende Kunden mitbestimmen durften, wie der Unterricht zu gestalten sei.
Viele von ihnen waren zu faul, um sich Notizen zu machen. Sie erwarteten von ihm, dass er seine Erklärungen jede Stunde getreulich wiederholte, da er erstens dafür bezahlt werde, und da zweitens ja das Wiederholen allein die Chance in sich berge, dass sie es vielleicht doch noch einmal kapieren würden. Besonders, da er nicht erwarten dürfe, dass sie sich auch noch zuhause mit dieser Materie herumschlagen würden, denn dort, ohne die Hilfe seiner Erklärungen, wären sie vollkommen aufgeschmissen. Da blickten sie überhaupt nicht mehr durch.
Statt ihre grauen Zellen über Gebühr mit unverständlichen Schriftsteller-Elaboraten zu beanspruchen oder sich womöglich gar durch kritische Texte ihre liebgewonnenen Gewohnheiten in Frage stellen zu lassen, verlangten sie nach grammatikalischen Trockenübungen auf einfachstem Niveau. Erstaunlicherweise wussten sie instinktiv, wie man diesen prosaischen Übungen die abweisende Härte der Abstraktion nahm und sie zu sinnlichen Exerzitien verwandelte.
So insistierten sie auf dem, im Chor gesprochenen, gebetsmühleartigen Ableiern der Konjugationen der immer gleichen paar Verben,

Ich habe, du hast, er hat …

und dem unzählige Male repetierenden, stumpfen Deklinieren einer engen Auswahl der gängigsten Hauptwörter,

Das Dach, des Dachs … oder des Daches?
dem Dach … oder dem Dache?

was sie mit der Zeit vor sich hersagten wie ehemals die Sprüchlein zum Sankt Nikolaus. Einige murmelten es auch nur in sich hinein wie bei einer Andacht, bewegten fast nur die Lippen, ohne eigentlich zu sprechen. Andere wiederum versenkten sich in den Sprachrhythmus, wippten dazu den Kopf und den Oberkörper hin und her wie bei einer Meditationsübung, ohne die innere Funktionsweise und die Bedeutung des Aufgesagten zu verstehen. Aber Heinrich durfte nicht so kleinlich sein und musste auch das Positive sehen, denn das Gemurmel hatte andererseits als Ausgleich für alle eine sehr beruhigende Wirkung, so als wäre es Teil einer feierlichen sakralen Handlung. Es vermittelte den Anwesenden das wohlige Gefühl von Geborgenheit und Aufgehoben-sein inmitten einer tragenden Gemeinschaft. Es war für sie fast so, als würden sie in einen tranceartigen Zustand hineingewiegt, wo ihnen der Stoff eingegeben wird wie im Schlaf. Alles schien so einfach zu sein. Sie brauchten nur herzukommen, sich gemütlich einzurichten, zu murmeln, und alles andere ergab sich von selbst. Sie sahen keinen Grund, sich das Leben unnötig schwerer zu machen. Sie glaubten, damit etwas für ihre Weiterbildung getan zu haben, und täuschten sich darüber hinweg, dass sie im Grunde genommen nur auf der Stelle traten. Wenn er sie so machen liess, waren sie sehr zufrieden mit seinem Unterricht. Beseelt und erfüllt vom Geist des gemeinschaftlichen Erlebnisses zottelten sie gut gelaunt nach Hause.
Für die Diktate und zum selbst Lesen wünschten sie sich sogenannte „normale, gut verständliche“ Texte. Es sollte etwas Leichtes und Lustiges sein, das ihnen Freude bereitete. Denn Freude sei wichtig für die Lernmotivation. Beliebt waren zum Beispiel die einfachen, einwenig humoristisch aufbereiteten Leseübungen aus den Lehrbüchern, welche Anekdoten aus der Berufswelt erzählten, in denen meistens am Ende der Vorgesetzte der Dumme war und sich mit abgesägten Hosen vor der grinsenden Belegschaft blamierte. Diese Geschichten waren als Auflockerung zwischen den beispielhaften Bewerbungsschreiben und Musterbriefen eingestreut, um diese prosaischen Brocken etwas verdaulicher zu machen. Diese Bewerbungsschreiben und Musterbriefe aber, eigentlich die Hauptsache in diesen Lehrbüchern, waren den Teilnehmern viel zu trocken, zu langweilig und zu wenig ansprechend. Da waren sie sehr findig im Aufzählen von Gegenargumenten, wenn es darum ging, sich nicht damit befassen zu müssen. So etwas würden sie ohnehin gleich wieder vergessen. Solche Motivationskiller seien nicht gut für sie. Das würde ihrer Lernmoral schaden und eine Hemmschwelle aufrichten. Oder sie würden dadurch Bauchweh kriegen, so dass sich ihr Körper physisch weigern würde, weiterhin den Weg zum Unterricht unter die Füsse zu nehmen.
Da wären ihnen als Alternative zu den Lehrbüchern einige Zeitungsausschnitte schon lieber. Aber bitte keine tiefschürfenden, ernsten politischen Analysen. Am liebsten den primitiven „Witz des Tages“, bei dem manche auch noch bei der fünften Diktatwiederholung lauthals auflachen mussten. Oder, als Lohn zum Wochenende, könnten sie sich – und das sei ja auch schon fast Literatur – eventuell einige Passagen aus einem seichten, leicht frivolen Unterhaltungsroman vorstellen. Aber das sei dann schon das Höchste, was er ihnen literarisch zumuten könne. Er solle sich endlich klar darüber werden, dass ihre Deutschkenntnisse zu mehr einfach nicht ausreichten, deshalb seien sie ja hier.

Obwohl er lange hin und her überlegte und nach wie vor von der Richtigkeit seines ethischen Standpunkts überzeugt war, brachte es Heinrich in dieser angespannten Konfliktsituation nicht über sich, sich mit dem Hinweis auf eine ungeschriebene berufsethische Verpflichtung zu einer umfassenden Ausbildung über diese klaren Forderungen hinwegzusetzen und den Kursteilnehmern die anspruchsvollen literarischen Texte einfach selbst vorzulesen oder sogar noch zu verlangen, dass sie ihm im Chor einige ausgewählte und besonders ausgefallene Passagen nachsprechen sollten, wie er es vormals bei den Kindern getan hatte.
Zudem hätte er argumentieren können, dass sich ihre Chancen bei Bewerbungen bestimmt erhöhen würden, wenn sie als zusätzliche Qualifikationen etwas Bildung in die Waagschale zu werfen vermöchten. Und diesbezüglich würden sie beim Aufbau ihres Bildungskontos eine wesentlich grössere Langzeitwirkung erzielen, wenn sie die Texte selbst läsen, statt sich alles von ihm vorkauen zu lassen.
Doch was soll’s? Er machte sich keine Illusionen darüber, dass das mühsame und aufreibende Buchstabieren der Kursteilnehmer, das ihn oftmals an den Rand der Geduld und fast zur Verzweiflung brachte, deprimierend enge Grenzen in bezug auf die Textschwierigkeit gesetzt und ihm die ganze Freude am schönen Literaturausschnitt vermasselt hätte. Sie hätten es bestimmt zustande gebracht, einen wohlgesetzten Text durch Stottern und Versprechen dermassen zu verunstalten und sich ob den für sie ungewohnten Formulierungen spöttisch und in lautem Ton miteinander zu unterhalten, die in ihren Ohren gestelzt wirkende Kunstsprache nachzuäffen und zu verhunzen und sich dabei halb totzulachen, so dass er – schockiert und erzürnt über soviel kreuzfidelem Primitivismus, und zudem offenbar machtlos dagegen – keine andere Möglichkeit mehr gesehen hätte, als den Versuch schleunigst abzubrechen, reumütig und desillusioniert die Blätter wieder einzusammeln und zu den Leseübungen für Anfänger zurückzukehren.

Mit jahrelangen beharrlichen Fördermassnahmen in kleinsten wohldosierten Schrittchen versuchte Heinrich trotz allem und im festen Glauben an seine Ideale, die ihm anvertrauten Kursbesucherinnen und Kursbesucher eine Stufe weiterzubringen. Durch Hätscheln und Mut-zusprechen, dass es sich bestimmt auch für sie lohnen würde, noch weiterzumachen, und: jaja, es hätte bestimmt einen Sinn, jetzt nicht aufzugeben, er sähe da durchaus noch ein gewisses vorhandenes Potential oder zumindest vielversprechende Ansätze, und indem er ihnen bessere Berufschancen für die Zukunft in Aussicht stellte, versuchte er sie bei der Stange zu halten. Wenn die Leute dann endlich soweit gewesen wären, literarisch anspruchsvolle Werke überhaupt lesen und in rohen Umrissen verstehen zu können, und, wer weiss, vielleicht gar Gefallen daran zu finden, und er schon in grosser Vorfreude auf das endlich in Reichweite herangerückte Ziel in nächtelanger Extraarbeit die Textausschnitte zusammenstellte, so war dies aber jeweils stets der Moment, wo auch die Beharrlichsten unter ihnen, diejenigen, die am längsten bei ihm durchgehalten hatten, fanden, dass jetzt auch sie genug gelernt hätten und es an der Zeit sei, den Unterricht zu verlassen.