Hundemorde
von Natalie Spalding

Wendula Sieberich zog verächtlich ihre perfekt gezupften Augenbrauen hoch, als sie Verena Schindler, deren Kopf in ein violett-schwarzes Tuch eingewickelt war, die Wohnküche des Clubhauses betreten sah. „Dass die aber auch überall ihre Nase reinstecken muss.“ Der neben Wendula stehende Kriminalbeamte Wälti knapp: „Manchmal ist sie wider Erwarten hilfreich.“ „Mag sein, aber vor allem ist sie peinlich.“ Wendula begrüsste Verena mit aufgesetztem Lächeln, das diese unbeirrt freundlich erwiderte. Ein hochgewachsener Mann mittleren Alters mit schütterem Haar trat entschuldigend zu Wälti: “Ich habe Frau Schindler, na ja... angeheuert. Nicht, dass ich kein Vertrauen in die Polizeiarbeit hätte, aber Sie haben sicher Wichtigeres aufzuklären als Hundemorde.“ Beni Wälti nickte missmutig aber verstand Ruckstuhl. Es war nicht das erste Mal, dass Privatdetektivin Schindler und ihr überdrehter Gehilfe Philibert Imboden ihm in die Quere kamen. Und es wäre auch nicht neu, wenn sie den Fall bereits gelöst hätten, während er selbst, jung und wenig erfahren, noch dabei war, sich einen Überblick zu verschaffen. Bei zwei erschossenen Hunden im über die Region hinaus angesehenen Club „Best Dogs Schnullikon“ kam es Beni allerdings entgegen, die Schindler anzutreffen, erschien ihm dieser Fall doch belanglos und wenig gewinnbringend für seine Laufbahn. „Und was führt Sie hier her?“ wandte sich Verena an Sieberich. „Bringen die Stories über unsere Cervelatprominenz zu wenig Absatz?“ Wendula strich sich durch ihr langes blondes Haar. Die deutsche Journalistin lebte seit Jahren in Zürich und schrieb für die Klatschpresse. Die Story aus einem verschlafenen 2'000 Seelen Kaff nahe der Stadt reizte sie. Ländlich konservative Moral gab quasi ihre Unschuld preis. Auch die reine Landluft stank nach Verbrechen und Abschaum. „Ach wissen Sie, Frau..., wie war noch gleich der werte Name?“ „Schindler“, Verena geduldig. „Ach ja, entschuldigen Sie, in meinem Metier trifft man viele bedeutende und glamouröse Menschen. Da entfallen mir die Namen der schlichteren Personen schon mal. Bei den vielen Hunden, die derzeit Menschen angreifen, muss diese Geschichte einfach interessieren. Immer mit der Zeit gehen, Frau Schild.“ Wendulas Blick fiel auf eine hölzerne Kommode. „Oh, hübsche Armbanduhr, teuer!“ Ruckstuhl irritiert: “Die gehört unserem Heinz Schneebeli, er hat sie neulich vergessen.“ Philibert trat aus dem Nebenzimmer in die Wohnküche zur Gruppe. Theatralisch gestikulierend empörte sich der gepflegte jüngere Mann: „Hier drinnen Verena, Liebes, hier fühle ich ganz deutlich negative Energie. Der Mörder muss vor kurzem hier gewesen sein oder er ist es noch!“ Obwohl Philibert durch sein Auftreten, das unweigerlich an die mit Klischees behaftete Darstellung eines Schwulen in einem Lustspiel erinnerte, seine Glaubwürdigkeit manchmal untergrub, war es kurz still. „Tja, wenn wir dich und mich ausschliessen, Phili, dann blieben noch Herr Wälti, Frau Sieberich und Herr Ruckstuhl“, knüpfte Verena an. Der Präsident des Clubs säuerlich: „Also bitte, dann hätte ich Sie wohl kaum engagiert. Wir haben einen nationalen Ruf zu verlieren. Bei uns hat’s nur Tophunde. Zudem haben Sie diesen Fotografen vergessen, der eben noch hier war...“ Verena aufmerksam: „Fotograf?“ Wendula klärte sie mit wegwerfender Handbewegung auf: „Hanni war hier. Wie der immer weiss, wo er seine Nase reinstecken kann...“ Verena treffsicher: „Das frage ich mich in Ihrem Fall auch.“ „Hanni Möhrli?“ Philiberts Empörung wuchs und entlud sich vulkanartig: „Bei einem derart negativen Energiefeld muss ein feinfühliger Mensch wie ich ja energetische Schocks erleiden!“ In der Tat zierten rote Pusteln seinen schlanken Hals, sah Verena, behielt ihre Entdeckung jedoch für sich. Auf keinen Fall wollte sie bei ihrem zuweilen hysterischen Kollegen einen hypochondrischen Anfall auslösen. „Also“, stattdessen rekapitulierend „vor drei Tagen wurde ein Labrador erschossen. Hier auf dem Club-Parcours. Aus nächster Nähe?“ „Aus etwa 30 Metern Entfernung, wohl aus dem Holunder beim Parcours“, informierte Beni Wälti. „Und heute Morgen war es ein wunderschöner Hovawart, eine Schande. Wieder hier auf der Anlage. Wieder vor den Augen seines Besitzers. Wieder aus dem Holunder?“ fragte Verena Wälti. „Ja. Die Projektile stammen in beiden Fällen aus derselben Vorderschaftrepetierflinte, für Laien auch pump action. Es muss sich also in beiden Fällen um denselben Täter handeln.“ Verena spekulierte: „Täterin oder Täter könnte also Mitglied des Clubs oder aus der Umgebung sein. Vielleicht ein Anrainer? Denkbar wäre auch eine Person, die aus jeglichem Grund Hunde hasst. Oder es ist einfach ein herumballernder Verrückter. Was denken Sie, Herr Ruckstuhl?“ „Jemand aus dem Verein? Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir sind alle Hundeliebhaber. Warum sollten wir...?“ Verena kritisch: „Neid, Missgunst. Der Schönheitswettbewerb steht an.“ „Nein, niemals“, Ruckstuhl entschieden. „Und mit dem Nachbar Meier gibt’s ab und zu Knatsch wegen des Gebells. Aber Meier ein Hundekiller...?“ Ruckstuhl betrachtete staunend, wie Verena ihren massigen Körper aus dem braun-grün geblümten Tuch schälte, wodurch ein senfgelbes Tuch zum Vorschein kam. „Wie standen die Chancen des Labradors und des Hovawarts beim Wettbewerb?“ „Die des Labradors wären als ‚sehr gut’ einzustufen, die des Hovawarts als ‚vorzüglich’. Welch Jammer, so einen Prachtkerl hat man selten im Club“, schwärmte Ruckstuhl. „Ich hätte gerne noch die Adressen sämtlicher Clubmitglieder“, verlangte Verena abschliessend.

Philibert fasste sich mit dem Handrücken erschöpft an die Stirn. „Oh Paul, oh Paul. Wir haben 20 erfolglose Gespräche mit 20 langweiligen Menschen hinter uns. Und jetzt krieche ich in diesem Busch herum. Bin ich denn ein Suchhund? Wie ich diesen Fall hasse!“ Verena gelassen: „Falsche Einstellung, Phili, wir haben Erfolg. Aufgrund der Alibis hat sich der Kreis der Verdächtigen stark reduziert. Es bleiben Nachbar Meier, die Pollis, die Woodtlis, Neumitglied Elsi Trachsel und mit Vorbehalt die Schauflers.“ Phili seufzte enerviert. „Wobei Schauflers..." Verena laut denkend „...die haben sich wie Pollis und Woodtlis für den ersten Fall gegenseitig ein Alibi gegeben. Was so was wert ist, weiss man ja. Aber im zweiten Fall sind ihre Alibis dicht. Schaufler hatte Heinz Schneebeli zu Besuch, der sich exakt zur Tatzeit auf den Heimweg begab, seine Frau war beim Friseur.“ „Rein energetisch würde ich die aber nicht streichen, ich habe da ja ein ganz komisches Gefühl.“ „Gegen wasserdichte Alibis haben Gefühle wenig Brot, mein Lieber. Richte also deinen energetischen Fokus auf andere“, motivierte Verena Phili ohne die Vermehrung seiner Pusteln zu erwähnen. Philibert empörte sich wortlos und kroch aus dem Holunderstrauch. „Nichts zu finden, Phili. Der Wälti arbeitet sauber. Hm, dieser Nachbar Meier hat was sehr Verbissenes. Vielleicht dreht der ab und zu durch?“ Philibert überlegte kurz: “Schwierige Frage. Ich bin nicht ganz unbefangen. Der Mann hat eine Rückenverlängerung, Paul, Paul!“ Verena lachte: „Du bist nie unbefangen. Aber trotzdem unbezahlbar.“ Philibert lächelte selbstgefällig, seine Fingernägel auf deren Sauberkeit kontrollierend.

Am folgenden Tag passierte es erneut. Dieses Mal hatte es Mops Balduin von Schauflers erwischt. Frau Schaufler kniete neben ihm, hielt ihn im Arm und weinte hemmungslos laut. Ihr Mann schien erstarrt. „Frau Schindler, Herr Wälti... Elsi Trachsel und ich übten nur ein wenig den Parcours mit den Hunden. Dani und meine Frau kochten das Mittagessen, es war ihr Turnus heute.“ Sie schluchzend: “Wir hörten draussen den Schuss und schauten nach, da war mein Balduin schon tot. Ein Glück haben wir noch Adnan!“ Es herrschte helle Aufregung und die ersten Gespräche mit den Vieren halfen wenig. Sie erzählten von dem Schuss aus dem Strauch, dem gusseisernen Topf, den Frau Schaufler in der Küche vor Schreck hatte fallen lassen und dem toten Mops. Immerhin konnte Verena nun Frau Trachsel, die aufgebracht verkündete, sie würde sofort aus diesem Skandalclub treten, von der Verdächtigenliste streichen.

Man suchte Ruhe in Schauflers Heim. Wendula, die ebenfalls im Clubhaus gewesen war, hatte diesen Ortswechsel nicht verkraftet und Verena hinterher gehöhnt, es müsse ja sehr spannend sein, einen Hundemörder zu suchen und mit Leuten zu arbeiten, die bei Folklore Musik die Boxen zum Beben und Nachbar Meier zu wutentbranntem Brüllen brächten.

Auf die Frage nach seinem Verdacht äussert Schaufler vorsichtig: „Wissen Sie, ich möchte niemanden beschuldigen...“ Verena neugierig: „Frau Sieberich erwähnte vorhin laute Musik, die ihren Nachbar kurz vor dem Mord in Rage gebracht haben muss...?“ Schaufler nickte. „Meier ist ok, ich kenne ihn seit Jahren. Er ist impulsiv, aber er ist kein Hundekiller.“ Frau Schaufler ergänzte: „Dani hatte einen Disput mit ihm wegen der Lautstärke, da holte ich gerade Zwiebeln im Auto. Aber ich konnte den Streit rasch schlichten.“ Philibert schwebte elegant durch das Häuschen und sog, sich am Hals kratzend, Energien auf. „Irgendetwas ist hier negativ, aber ganz negativ“, murmelte er vor sich hin, was Verena nicht entging. „Hatten Sie in den letzten 24 Stunden Besuch, Herr Schaufler?“ „Ja, gestern abend, diesen Fotografen. Er sagte, er besuche alle Clubmitglieder und fotografiere deren Heim für sein Archiv. Arbeitet er für die Polizei?“ „Nicht offiziell, aber er stellt seine Bilder der Polizei zur Verfügung, was meist nichts bringt. Er ist nett und er hat eine Schraube locker...“ Philibert schlug sich mit dem Handrücken auf die Stirn. „Ich wusste es! Möhrli löst in mir einen Energieschock aus. Oh Paul, oh Paul!“

Es bedurfte raffinierter Überredenskunst kombiniert mit viel Gelassenheit, Philibert über die Schwelle zu Möhrlis Wohnung zu bewegen, in der es muffig und gleichsam chemisch roch. „Wann waren Sie denn so bei all den Mitgliedern?“ wollte Verena wissen, während sie die Fotos betrachtete. „Das sieht man doch, Datum und Uhrzeit sind auf allen Fotos mit drauf. Mache ich immer so“, Möhrli stolz. Verena spähte auf den Fotos nach Kleinem, scheinbar Unwichtigem. „Warum starrst du denn das Foto mit dem Fernseher so an?“ unterbrach Philibert das emsige Suchen. Verena wandte sich ihm Gedanken versunken zu. „Du lebst! Kein Energieschock! Deine Pusteln sind sogar weniger geworden.“ Ungläubig fasste sich Phili an den Hals. „Vielleicht habe ich Antikörper gegen Möhrli entwickelt.“ Verenas Lachen liess ihre Locken tanzen: „Das werden wir sehen...“

„Warum vertrauen wir Wälti nicht?“ jammerte es aus dem Holunder. „Sicher ist sicher.“ Verena befreite ihren gelben Turban von Blättern, während Philibert aus dem Busch kroch und sich über negative Energien echauffierte, die seinem Hals juckende Pusteln beschert hätten. Verena abrupt eilig: „Ich muss sofort zu Wälti, der soll was recherchieren für mich.“ Sie liess Phili einfach stehen und der freute sich darüber.

Es war der grosse Tag des nationalen Schönheitswettbewerbs. Gespannt verfolgten die Teilnehmenden das Geschehen. Schauflers Border Collie Adnan gewann ein CACIB mit Bewertung „vorzüglich“. Stolz strahlte das Ehepaar über die Anwartschaft auf einen internationalen Titel, ihre hysterische Freude war kaum nachvollziehbar für Menschen ohne Hund. Wälti und Schindler, gerade erst angekommen, traten auf Schauflers zu. Er überrascht: “Sie hier in Zürich? Wie schön!“ Wälti unumwunden: „Herr und Frau Schaufler, ich muss Sie festnehmen wegen Mordes an drei Hunden“. Er entsetzt: „Was? Aber wir sind unschuldig, das beweisen unsere Alibis.“ Verena trocken: „Ihre Alibis beweisen vor allem Ihre Kreativität. Das Erste gaben Sie sich gegenseitig, platt und wenig überzeugend. Das Zweite ist raffinierter. Frau Schaufler war beim Friseur. Und Sie, Herr Schaufler, hatten Ihren Freund Schneebeli zu Besuch. Hm, wann exakt ging der?“ Schaufler beunruhigt: „Wie schon gesagt, um 10.45 Uhr.“ Verena ungeduldig: „Das war eine rhetorische Frage. Ihr Freund Schneebeli bestätigte, dass er zur Tatzeit, um 10.45, gerade Ihr Haus verliess. In Wirklichkeit war es aber erst 10.30 Uhr. Sie hatten alle Uhren in ihrer Wohnung um 15 Minuten nach vorne gestellt und Schneebelis Uhr lag ja im Clubhaus, wie Wendula bemerkte. Ihnen reichte die Viertelstunde, um den Hovawart zu erschiessen. Leider vergassen Sie, die Uhr an Ihrem DVD-Gerät wieder zu richten. Für einmal waren uns Möhrlis Fotos hilfreich, denn die Aufnahmezeit auf dem Foto stimmte nicht mit der Uhrzeit des fotografierten DVD-Gerätes überein. Differenz: 15 Minuten. Als wir tags darauf bei Ihnen waren, stimmte die Uhrzeit wieder. Zudem hätten Sie ihre Trainingskleidung nicht so unachtsam im Bad hängen lassen dürfen. Phili schaut sich gerne Badezimmer an und wurde sofort von Pusteln befallen. Genau wie am Tatort, beim Holunderstrauch, auf den er hoch allergisch ist. Das dritte Alibi ist dann schon sehr ausgeklügelt. Frau Schaufler und Dani hörten beim Kochen so laute Musik, dass Meier vor Wut aus dem Fenster brüllte. Sie, Frau Schaufler, gaben vor, Sie hätten die Zwiebeln im Auto vergessen. Während die Herren stritten, feuerten Sie, im Schutze der lauten Musik für die Streithähne nicht hörbar, auf Ihren eigenen Mops. Als Sie in die Küche zurück kehrten, fiel ein zweiter Schuss, dieses Mal für alle hörbar – doch unecht. Sie benötigten nach dem ersten Schuss eine Minute für die Rückkehr in die Küche, die Schlichtung des Streits und das Starten des tragbaren CD Players, der im Nebenraum steht und den Schuss abspielte. Den gusseisernen Topf liessen Sie fallen, um den zweiten Knall für Frau Trachsel erklärbar zu machen. Schliesslich eilten Sie mit Dani, dem nichts ahnenden Alibigeber, hinaus. Raffiniert!“ Herr Schaufler kühl: „Das können Sie nicht beweisen! Und überhaupt, warum sollten wir das tun?“ „Deswegen!“ Verena zeigte auf den Preis. „Sie sind seit Jahren sehr fanatische Hundefans. Aus dem letzten Verein flogen Sie raus, wie Kollege Wälti heraus fand. Sie wollen Geld und Ruhm mit ihren Hunden erlangen, dafür musste gar ihr Mops sterben. Was Beweise anbelangt, die Spurensicherung aus Zürich ist unterwegs. Die werden im Holunder sicher etwas von Ihnen finden, vielleicht ein Haar? Davon verliert man täglich bis zu 100! Wussten Sie das?“ Wälti nickte auf den Erfolg dieses Bluffs hoffend. Spurensicherung aus Zürich wegen ein paar toter Hunde... Frau Schaufler brach ein: „Wir wollten internationale Anerkennung. Unser Adnan sollte der Schönste sein. Die Konkurrenz ist hart, da dachten wir...“ „...wenn Sie ein paar Konkurrenten und den eigenen Hund beseitigen, wird schon keiner auf Sie kommen und der Weg wird freier für Sie...“ Wälti nahm die geständigen Schauflers und Adnan mit auf den Polizeiposten.

Später berichtete Verena dem wegen Energieschock bettlägerigen Philibert von der Festnahme. „Toll gelöst, chapeau, Verena“, Philibert bewundernd. „Danke, aber ich hatte auch das nötige Quäntchen Glück und deine unbezahlbare Allerg... ähm Energie.“