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Die Poesie des Büroproletariats
von René Wohlhauser

Vor vielen Jahren arbeitete Heinrich für einige Zeit in der Finanzbuchhaltung einer grossen Versicherungsgesellschaft. Als ihn eines Tages der Vorgesetzte rief, um ihm eine neue Aufgabe zu erklären, spürte Heinrich, wie ein starkes, ihn drangsalierendes Gefühl der inneren Zerrissenheit in ihm hochstieg und sich seiner bemächtigte. Denn gerade eben hatte er sich auf seinem Schreibtisch zwischen Bergen von Kontokarten und Abrechnungen ein kleines, gegen aussen hin raffiniert abgedecktes, lyrisches Refugium geschaffen und ein paar Zeilen eines neuen Gedichtes über die Poesie des Büro-Proletariats entworfen. Seine Gedanken waren noch ganz in der Welt der inneren Bilder und im Rhythmus des sprachlichen Ausdrucks verfangen. Und während der Chef sich nun immer mehr in einen bühnenreifen Vortrag hineinredete und dabei an Heinrichs Gesichtszügen die Wirkung seiner theatralischen Gesten abzulesen versuchte, musste Heinrich sich innerlich in schizophrener Weise spreizen und den geistigen Spagat aushalten, einerseits nüchtern zu verstehen, worin seine neue Aufgabe bei der umständlichen Abbuchung der Extraspesen bestand, deren Vorhandensein nicht an die Öffentlichkeit gelangen durfte und auch dem Steuerprüfer verborgen bleiben musste, und andererseits die Stimmung und den Geruch des kaum begonnenen Gedichtes lebendig zu erhalten, um sobald als möglich daran weiterarbeiten zu können. Es war nicht einfach, zwei ihn so äusserst fordernden und ihn in unterschiedliche Richtungen zerrenden Herren gleichzeitig zu dienen.

Seine nach Ausdruck drängende innere Gedankenwelt musste sich noch arg lange gedulden. Wegen anderer, nachfolgender und dringend zu erledigender Büroarbeiten kam er erst am Abend während der Heimfahrt in der vollgepfropften Strassenbahn dazu, seine Aufmerksamkeit wieder dem Gedicht zuzuwenden. Zwischen Müttern mit ihren schreienden Kindern und entnervten Pendlern stehend, den Geruch vom Schweiss seiner Nachbarn in der Nase und von der Strassenbahn so sehr hin und her geschüttelt, dass er sich mit beiden Händen an einer Stange festhalten musste, während er unter dem rechten Arm noch gleichzeitig seine Tasche festgeklemmt hatte – das schien die ideale Situation zu sein, in der sein Kopf in den Zustand der Gärung geriet und fieberhaft gute Einfälle zu produzieren begann. Vermutlich deshalb, weil er sich wieder in der wohlvertrauten, eingeklemmten Sandwich-Position befand, diesmal einerseits zwischen sprudelnden Ideen, die er sich zu merken versuchen musste, verbunden mit der Angst, diese ihm kostbar erscheinenden und noch kaum fassbaren, fragilen Geistesblitze gleich wieder zu vergessen, wenn er sie nicht sofort aufschreiben konnte, und andererseits seinen aus Sicherheitsgründen an die Stange gefesselten Hände, was ihm ebendieses entlastende Aufschreiben verunmöglichte.

Er musste aber dringend irgendeinen Weg finden, um die noch frei umherschwirrenden und vom Schreckgespenst des Verschwindens bedrohten Ideen schriftlich festhalten zu können. Denn sollte er auch nur ein einziges Bruchstück davon verlieren, so war ihm die metaphysische Strafe sicher. Entweder würde er zusammen mit allen andern Kultursündern der Welt gleich in die zermalmenden Zahnräder der Hölle gestossen werden, oder er müsste seinen vergesslichen Kopf bis zur Neige seines Lebens durch eine nimmer aufhörende Flucht vor dem Groll der rächenden Götter in Sicherheit zu bringen versuchen. Ruhelos müsste er umherirren, ständig auf der Suche nach dem Verschwundenen, könnte nachts kein Auge mehr zutun und tags sich auf nichts anderes mehr konzentrieren als auf mögliche Rekonstruktionshypothesen der abhanden gekommenen Teile. Er hätte keine Chance, der unbarmherzigen Verurteilung zu entkommen, mit der seine Schuld gesühnt werden müsste. Er könnte durch nichts mehr Absolution von dieser auf ihm lastenden Verdammung finden, die er durch das – wenn auch unabsichtlich begangene Verbrechen – an der für jeden Künstler doch heiligen Inspiration auf sich geladen hätte. Die Strafe würde solange andauern, bis er die unvorsichtig verlorenen Eingebungen mindestens teilweise wieder aus dem Orkus des herabgefallenen Wissens befreit und zum Wohle und, wer weiss, vielleicht gar zum Heil der Menschheit zurückgeholt hätte – falls sich dann jemals überhaupt noch irgend jemand dafür interessieren sollte … Das wäre er seinem inneren Auftraggeber schuldig. Denn dieser hatte ihn, den einfachen, unbedeutenden Menschensohn mit dem offenbar labilen Gedächtnis, als Empfänger und Übermittler für die, wie Heinrich ehrfurchtsvoll wohl zu glauben gezwungen war, unschätzbare geistige Kraft dieser Ideen auserwählt. Und dieser innere Auftraggeber forderte von ihm nun gnadenlos die Erfüllung der ihm zugewiesenen Aufgabe ein. Wie er das zustande bringen sollte, war seine Sache. Die Mission der Wiederbeschaffung unachtsam verloren gegangener Einfälle würde zu seinem alleinigen Lebensinhalt, zu seinem Daseinsziel und zu seiner einzigen Existenzberechtigung anwachsen. Und ihre Erfüllung würde dennoch auf immer unmöglich bleiben.
Da er das Potenzial noch unbearbeiteter Ideen nicht abzuschätzen in der Lage war, musste er bei jedem Akt der magisch sich vollziehenden, in gewisser Weise fast unerklärlich weihevollen Empfängnis von Inspiration davon ausgehen, dass er dabei die alles entscheidenden Passagen seines Œuvres, den genialen Ureinfall, die nur für einen kurzen Augenblick des Aufleuchtens erschienene Lösung des Weltenrätsels, ja, unter Umständen gar die Erleuchtung selbst geschenkt bekommen haben könnte – und im Falle eines Verlustes nie mehr wiederfinden würde. Der Kern der Idee ist ja auch schon dann präsent, wenn das Material womöglich im sozusagen unbehauenen Rohzustand noch nicht seine volle Wirkungskraft zu entfalten vermag und erst unscheinbar daliegt, statt schon in bearbeiteter Form zu leuchten. Gewisse Chancen zeigen sich nur einmal im Leben. Davon war er überzeugt. Zwar würde er alsbald wieder neue Wendungen und darunter sicher auch durchaus brauchbare, vielleicht sogar ausserordentlich suggestive Bilder finden, aber die substanziell wesentlichen, alles überragenden und, wie er seinem inneren Dämon nicht auszureden vermochte, vielleicht gar phänomenalen Momente, die das ganze Werk auf eine höhere künstlerische Ebene hievenden – oder es mindestens vor einem qualitativen Absturz rettenden – Partikel würden für immer verschollen bleiben. Bestimmt wären – wie er im Falle eines Verlustes nicht mehr verifizieren und deshalb auch nicht ausschliessen könnte – diese momentan noch unentschlüsselten, freischwebenden Gedankenblitze die zentralen Stellen nicht nur seines Werkes, sondern seines ganzen ansonsten vertanen Lebens gewesen. Sie wären ihm, undeutlich zwar noch, für einen kurzen Moment nur vor dem inneren Auge erschienen und hätten ihm Sinn und Gesetz der Existenz offenbart – sobald er nur nahe genug an sie herangekommen wäre, um sie zu entziffern. War er sich – so hörte er es warnend aus seinem Inneren rufen und seine, allem Anschein nach nachlässige Haltung tadeln – in seiner Kleingeistigkeit denn nicht bewusst, welch unersetzliche Schätze ihm da entgehen könnten, wenn er sie nicht mit allen Mitteln festzuhalten versuchte, um sie zu studieren und daraus zu schöpfen? Ein transzendentaler Lichtblick vielleicht, ein erlösendes Geschenk des Himmels, die Offenbarung, die langersehnte Rettung aus dem Diesseits – in einen metaphorisch verschlüsselten, literarischen Ausdruck verpackt und der Ausdeutung durch zukünftige Generationen harrend. Und dies hätte er sich einfach so entwischen lassen, hätte wegen lächerlichen äusseren Umständen, wie körperlicher Verletzungsgefahr bei nicht sicherndem Festhalten in der unruhigen Strassenbahn, nicht alles daran gesetzt, um sich das Kostbare zu bewahren? Es wäre für immer verloren gewesen. Keine Exegeten, die diese chiffrierte Botschaft des Allmächtigen für die Menschheit hätten fruchtbar machen können. Wie unter einem Fluch würde es ihn bis an sein Lebensende aufgewühlt im Dunkeln weiter umhertreiben, auf der Suche nach dem Essentiellen und Verborgenen, um noch wenigstens einen Abglanz des unfassbar Entschwundenen zu erhaschen. Und die Menschheit müsste weiterhin, umnachtet von Blut und Gewalt, sich vorantappen, weil das tiefere Wissen durch seine Nachlässigkeit ihr weiter vorenthalten bliebe. Und dies wäre alleine seine Schuld, weil er die ihm anvertraute, verklausulierte Wegbeschreibung nicht sorgfältig genug aufbewahrt hätte, um dem leidenden Menschengeschlecht den befreienden Weg zum Ort der Rettung weisen zu können. Nur das wiedergefundene, richtige Wort könnte uns alle erlösen, dessen war er sich gewiss, falls die Decodierung der Geheimzeichen jemals gelingen sollte. Es allein wäre imstande, uns aus diesem Jammertal wegzuführen in eine noch unbekannte, neue Sphäre des Seins, denn nur ihm war in Form dieses Wortes die Pforte zur Erlösung für einen Sekundenbruchteil erschienen. So aber werden wir alle eben weiter hienieden im alltäglichen Schlamm ausharren müssen. Göttliche Eingebung vergisst man nicht ungestraft. Oder waren das alles nur Hirngespinste, notwendige Wahnvorstellungen, um überhaupt etwas zu Papier bringen zu können?

Doch schreiben in dieser ungemütlichen Lage – in der schaukelnden Strassenbahn zwischen schwitzenden und schwatzenden Fahrgästen stehend – schien nicht möglich zu sein. Er konnte doch nicht eines hypothetischen Gedichtes wegen Stange und Tasche einfach loslassen und riskieren, bei der nächsten Kurve durch die dann wohl zu recht keifende Menge geschleudert zu werden. Er musste aber! Denn je mehr er unter der Unmöglichkeit des Aufschreibens zu leiden begann, um so wilder wucherten, sprossen und schossen die Blüten seiner lyrischen Phantasie durch seinen gedanklichen Innenraum. Schon fingen sie an, sich gegenseitig zu überlagern und zu durchmischen, so dass sich in seinem Kopf verschiedene Fassungen gleichzeitig um den Platz in seinem Gedächtnis balgten und er sich des ursprünglichen Anfangs gar nicht mehr richtig entsinnen konnte. Das war die höchste Alarmstufe! Jetzt musste er schreiben, sonst war alles verloren! Also klemmte er sich irgendwie die Tasche zwischen die Beine, hielt sich immer noch mit der linken Hand an der Stange fest, kramte mit der rechten einen Bleistift aus der Hosentasche, steckte ihn sich in den Mund, kramte weiter nach einem Stück Papier … Achtung eine Linkskurve, er trat der Dame hinter ihm auf den Fuss und murmelte mit dem Bleistift im Mund ein unverständliches „‘tschuldigung“, kramte weiter in der Hosentasche nach dem verdammten Stück Papier, das er doch für solche Notfälle immer bei sich trug, kriegte es endlich zu fassen, klemmte es zwischen zwei Fingern der linken Hand ein, mit der er sich ja immer noch an der Stange festklammern musste, während er mit der rechten Hand den Bleistift aus dem Mund nahm und zum Schreiben ansetzte … eine Vollbremsung wegen eines Lastwagens, der der Strassenbahn den Vortritt abschnitt, drückte die stehenden Fahrgäste wie eine Flutwelle nach vorne. Alles fluchte.

Er nicht. Er ertrug still, freute sich innerlich sogar an der äusseren Lebendigkeit der Situation, die auch sein Inneres animierte, versuchte sich zu konzentrieren, und während die Strassenbahn wieder anfuhr und es nun irgendwie weiterging, holpernd und ruckartig, war er unter höchster Anspannung aller Kräfte bestrebt, den unmöglich scheinenden Schreibakt zu vollziehen. Dabei – wie könnte es anders sein – schaffte er es kaum, zwei Buchstaben in lesbarer Form nacheinander auf’s Papier zu kritzeln. Mehr eine graphische Gedankenstütze, als eine entzifferbare Schrift. Egal. Wenigstens das. Mit jedem weiteren Strich wurde sein Inneres spürbar um einige Zentner der ihn niederdrückenden Bürde entlastet. Je mehr seine Hand sich bei den beeinträchtigten Schreibversuchen verkrampfte, um so mehr begann eine wohltuende Erleichterung seine inneren Verkrampfungen zu lösen. Jetzt durfte bloss die Bleistiftspitze nicht abbrechen. Sie hielt. Er dankte Gott. Seine Mitfahrer gafften ihn an, als sei er dem Irrenhaus entlaufen. Er war glücklich. Glücklich darüber, dass es ihm doch noch gelungen war, die Poesie der Arbeitswelt auf dem Büro-Teppich zu erspüren, und diese eigenartige Stimmung des Empfangens und alles damit Verbundene, Unsagbare, das sich nur zwischen den Zeilen mitteilen lässt, das aber für das geistige Vorankommen der Menschheit viel wichtiger ist als der eigentliche semantische Text, in seinem Innern zwischenzuspeichern, bis er es irgendwo in schriftlicher Form niederlegen konnte, um es somit – wie sein Auftrag es von ihm verlangte – weiterzugeben. Und sei es nur als Flaschenpost, die vielleicht irgendeinmal entdeckt werden würde und einem anderen Wesen als tief prägenden Eindruck einen unverwischbaren Moment des Daseins schenken könnte.

Ob Büro oder Strassenbahn, er liebte dieses durch seine Kunstfeindlichkeit künstlerisch optimale Umfeld, die heimelige Situation des inneren Zusammengequetschtseins und die mühevoll gelingende Überwindung der äusseren Widerstände, ja, das Sich-reiben am Widerstand überhaupt, den Sieg über die versuchte Verhinderung seiner Kreativität, das geglückte Zusammenfügen der auseinandergerissenen Teile seines Lebens im Kunstwerk, und die Geborgenheit in der anonymen Masse, die ihn ja trotz aller schiefen Blicke auch als schrägen Aussenseiter in ihrer Mitte aufnahm, die Verankerung in der grau behangenen Alltagswelt, die mit ihrer bleiernen Materialität sozusagen den dialektischen Humusboden hergab, aus dem seine Phantasie die überlebenswichtige geistige Gegenkraft zu entwickeln vermochte und aufblühte und einige – vielleicht bemerkenswerte oder vielleicht auch nur tröstende – Gedanken über die poetische Inspiration eines Büroangestellten produzierte.