Dunkelblauvon DoReMiLa
Als ich des Morgens erwachte, schien die Sonne auf der rechten Seite unseres Hauses. Die linke Seite war komplett eingetaucht in Dunkelblauer Farbe. Nebelschwaden lagen am Boden und meine Gedanken dämmerten am fernen Horizont. Es waren dieselben, die mir von merkwürdigen Umständen sowie folgender Geschichte erzählten.
In einem einsamen Bus, der auf seiner wohlbekannten Bahn, durch das Quartier kreist, sitzt ein einzelner Passagier. Er befindet sich auf der Dunkelblauen Seite, schaut aber angestrengt aus dem rechten Fenster. Es fallen einzelne helle Lichtstrahlen ein und blenden ihn. Das Schaukeln des Busses wirkt beruhigend. Der Bus selber ist noch nicht ganz erwacht, heute fällt es ihm etwas schwerer. Er fühlt sich ganz steif und unbeweglich. Hat er doch eine anstrengende Woche hinter sich, einen Transport nach dem anderen. Seine Aufgabe ist es Passagiere an ihr Ziel zu Befördern. Türe auf. Türe zu. Türe auf. Türe zu. Immerzu. Im Kreise.
Der Bus kennt nebst unserer auch andere Strassen. Sie gehören zu seiner stündlichen Runde, die fast täglich anfällt. Je nach Auslastung und Nachfrage stehen an manchen Daten auch Extrafahrten und Exkursionen an. Er sieht somit allerlei Menschen: Alte und Junge, Einsame und Gesellige, Komplizierte und Lockere, Grobe und Feine, Braungebrannte und Bleiche, Lesende und Redende, Schreibende und Singende, Handyhörende und Kopfhörende, Nichtshörende und Zuhörende, Quereinsteiger und Direkteinsteiger, Stampfende und Schleichende, Reisende mit einem Hündchen und solche mit einem Hund, Erfolgreiche und Enttäuschte, Laute und Leise Menschen. Manchmal kann er anhand ihres Benehmens ihren Beruf erraten. Er weiss: Das Ziel der meisten Passagiere ist ihre Arbeit.
Nicht jeder scheint seine Arbeit zu lieben. Ihre Gesichter erzählen dies dem Bus auf ihre Weise. Der Bus liebt auch nicht alles an seiner Arbeit. So sind ihm löchrige Strassen und drängelnde hupende Autos zuwieder. Hingegen mag er wieder Momente, wenn Menschen aus aller Welt und Kulturen mit ihm reisen und fröhlich in den verschiedensten Sprachen drauf los reden.
Der Dunkelblaue Morgennebel beginnt sich allmählich aufzulösen und es wird langsam heller. Zum einsamen Passagier gesellen sich noch drei Schüler. Es geht weiter bergauf, steil. Und Rumpelt. Unmittelbar oben angelangt biegt der Bus ab nach rechts. Noch eine Kurve, dann geht's geradeaus weiter. Er hält an und der einsame Passagier steigt aus, unbemerkt, während der Bus über die Erlebnisse des letzten Monats nachdenkt.
Da stieg eines Morgens auf der dunkelblauen Seite eine Frau fälschlicherweise ein. Der Bus empfing sie zum ersten Mal als Passagierin an Bord. Sie war schon früher aufgefallen, weil sie täglich mit einem anderen Bus der Nr. 15 zur Arbeit fuhr. Ihre oft mürrische Art fiel auch auf. Schuld daran war wohl der frühe Nebel und die Dunkelblauen Morgenstunden dieser Jahreszeit. Er hätte sie nun warnen können mit einem kleinen Hinweis, indem er an anderer Stelle hielt wie sein Kollege Nr. 15. Nein, er tat es nicht und plazierte sich anderselben Stelle und zeigte ihr voller Stolz seine einladenden warmen und gepolsterten neuen Bussitze. Sie nahm zufrieden Platz und wartete auf die Abfahrt. Und die fand statt. Nur nicht in die erwünschte Richtung. Das Fräulein erschruk über die geänderte Fahrtrichtung, wurde wütend und beschwerte sich sogleich laut beim Chauffeur. Gerne hätte der Bus ihr von Venedig erzählt oder von einer dunkelblauen Bucht mit türkisfarbenen Kieseln, jedoch konnte er nicht sprechen. Und es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr endlich sein Nummernschild Nr. 19 zu zeigen, worauf sie kleinlaut beigab und erschüttert feststellen musste, im falschen Bus zu sitzen. Nun wusste sie nicht mehr, was aus der Situation werden sollte: Zur Arbeit kam sie sowieso zu spät, aber wann und wie würde sie überhaupt da ankommen?!
Sie wendete sich wieder an den Buschauffeur, der ihr bloss raten konnte sitzen zu bleiben, bis sie wieder bei derselben Haltestelle waren, damit sie von da aus umsteigen konnte. Unterwegs sah sie unzählige kleine Bauernhäuser, Dörfer, Dorfbrunnen und Schulkinder, die in den Bus stiegen. Und es waren in der Tat nur Kinder, die um diese Zeit diesen Bus benutzten. Eine einsame Route für den Chauffeur. Und für sie. Wie selbstverständlich begannen daher beide zusammen zu plaudern. Und die Worte drehten sich in Spiralen tanzend zur Decke hin. Immer schneller und fröhlicher. So war die Fahrt am Ende recht kurzweilig und sie kamen eher zu früh als zu spät am Ziel an. Der Bus bemerkte amüsiert, wie zwei Lächeln die beiden Gesichter erhellte.
Ob sie sich je wiedersehen werden? Er weiss es nicht, hofft es aber. So grübelt er weiter und denkt auch an folgendes Erlebnis von Anfang Monat.
Da hatte er einen freiwilligen Extraeinsatz als Schulreisebus gewagt. Er fuhr mit einer fröhlichen Maturandenklasse nach Venedig. Die aufgeweckten Gemüter, voller Lebensgeist und Hoffnung, füllten den dicken Bauch des Busses und gerne brachte er sie zu allen Orten ihrer Wünsche hin.
Kurz nach der Ankunft beim Hotel von Venedig blieben zwei Mädchen allein im Bus zurück. Obwohl sie kein Wort sagten, erriet der Bus ihre geheimen Wünsche und fuhr sie in eine wunderschöne, einsame blaue Bucht mit hellen Sonnenstrahlen. Die jungen Frauen träumten am Strand von fernen Abenteuern, grossen Taten und schönen Prinzen. Die eine beste Freundin packte ein Surfbrett und zog weit hinaus auf’s offene dunkelblaue Meer. Sie war etwas mutiger und scheute die tiefen Wasser nicht. Das zweite Mädchen betrachtete das Wasser der Bucht. Sie entdeckte die verschieden geformten Steine, die türkisfarbenen Kiesel, die im Wasser funkelten und hörte den wunderbaren Geschichten zu, welche die von Wind und Wasser geformten Felsen ihr leise erzählten. Während der Zeit bewacht der Bus die Beiden vor bösen, heimtückischen Neidern, die ihr Glück hätten trüben können.
Zurück in Venedig überlegte er sich wie er die jungen Menschen weiter beglücken konnte. Er fuhr die ganze Klasse zum schönen grossen Markusplatz und liess sie dort Frisbee spielen. Danach brachte er sie zu einer grossen schönen Brücke und in eine Kunstaustellung mit Bildern von Salvador Dali. Später hielten sie alle vor einer Kirche an und durften zuschauen, wie gerade ein Film gedreht wurde. Ein berühmter Regisseur, aufgeregte Kameraleute und bunt geschminkte Schauspieler und Schauspielerinnen waren anwesend. Die gleiche Szene wurde mehrmals wiederholt. Immer wartete der Bus geduldig und hütete die Taschen der Schüler, bis sie zurückkamen, um weiterzureisen. Dieser Extraeinsatz, den der Bus nebst seiner Routine-Arbeit gemacht hatte, bereitete ihm sehr viel Freude.
Momentan ist er aber vor allem müde und er wünschte sich etwas Ruhe. So ist es ihm auch recht als die drei Schüler bei der übernächsten Haltestelle wieder aussteigen. Und der Gedanke an Venedig lässt ihn Lächeln.
Als ich darauf einsteige, empfängt der Bus mich mit warmen, einladenden Sitzpolstern. Der Chauffeur dreht sich um, grüsst mich freundlich mit einem mir wohlbekannten Lächeln!