Sein
von Der Gehonkte

Er ist

„Nächster Halt Bern, Endstation. Wir bitten alle Reisenden auszusteigen und verabschieden uns von Ihnen“.
Hauptstadt; unsere Hauptstadt. Längst wurde Bern an Grösse von anderen Städten übertrumpft; längst ist Bern zu einer Nostalgiestadt geworden, in der man sich gerne der Altstadt widmet um dort den historischen Grössen wie Zähringer in Gedanken zu huldigen. Natürlich zog auch Bern mit den grossen Städten mit und verfügt über Starbucks, Mc Donalds und neu auch eine Burger King Filiale, wo die Junkfoodhungrigen unserer Gesellschaft im Alltäglichen des Lebens versinken können. Nicht zu vergessen unser geliebtes, aber sich momentan im Umbau befindendes Bundeshaus; dem Hauptsitz unserer mehr als gerechten Demokratie. Zu guter Letzt der Bärengraben, dessen Qualität es ist, die wenigen dort lebenden Bären in einem nicht artgerechten Käfig vegetieren zu lassen. Geradezu bestialisch, wie diese Wesen, deren Ruf eines mörderischen Raubtieres ebendort zum Bild eines putzigen Tierchens transformiert, sich als Stadtlegenden profilieren müssen; sich an die Gegebenheiten gewohnt, nicht wissend, dass das Dasein nicht nur aus herunterfallenden Utensilien voyeuristischer Touristen besteht.
Ihm ist dies egal. Er wird der Lautsprecherdurchsage trotzend den Zug nicht verlassen, und würde er doch, so nur, um die paar wenigen Minuten Haltezeit für diverse Einkäufe zu verwenden. Geht er einkaufen, so begibt er sich in die mittlerweile ungewohnt gewordene Welt ausserhalb seines Zuges, der Gefahr bewusst, dass er die Abfahrt seiner Wohnstätte auf dem Weg zur nächsten Destination verpassen könnte. Um ein solches Debakel zu vermeiden, bedient er sich seiner Uhr, eines der wenigen Reliquien aus der Zeit vor seinem „neuen Leben“, wie er es nennt. Den Wecker dieser Uhr stellt er jeweils vor dem Verlassen des Zuges so ein, dass es ihm gelingt, rechtzeitig sein Zuhause zu erreichen.
Heute geht er nicht einkaufen; zu kalt.
Er bleibt sitzen, schaut aus dem Fenster und beobachtet die vorbeiziehende Menschenmasse; wie die Menschen den Zug besteigen; wie die Menschen der Treppe entgegeneilen, um das Perron zu verlassen; wie die Menschen sich um ihn herum setzen. Ist der Zug voll, beginnt das für ihn interessante Auffüllen der teilweise besetzten Viererabteile. Das Profane dieses Ablaufs zeigt ihm immer wieder, wie wir Schweizer gestrickt sind: Ein einig Volk von Kontaktscheuen mit Furcht vor Neuem. Er amüsiert sich zuweilen, zuzusehen, wie sich diverseste Menschengruppen zueinander gesellen; wie die Platzanfrage mit abweisendem Gesichtsausdruck bejaht wird; wie Kämpfernaturen mit ihrer Tasche-auf-Stuhl-Technik versuchen ihr Revier von 2 Plätzen zu verteidigen; wie ungefragt einfach dazugesessen wird; wie Lüstlinge erwartungsvollen Blickes auf eine anreizende Dame warten, die ihren Sitzplatz im Sichtfeld des Glotzers wählt. Und dann kommt sein grosser Augenblick: Ein jüngerer Herr mit Bartwuchs und einer braunen Wollmütze beendet seinen Lauf durch den Mittelgang des Zuges und dreht sich zu ihm ab. „Ist dieser Platz noch frei?“. Für ihn kommt diese Frage nicht unerwartet; auch ist die Situation zu gewohnt, als dass er sich nur an ihr erfreuen könnte; es ist vielmehr der Kontakt zu einem anderen Individuum, der ihn glücklich stimmt. Er mag die Kommunikation sehr; somit scheint es ihm klar, dass er freundlich lächelnd die Sitzgelegenheit offerieren muss und hängt ohne langes Warten die Frage nach dem Befinden seines Gegenübers an. Das verwirrt wirkende Gesicht des jungen Herren verrät ihm, dass dieser nicht sehr oft einfach so angesprochen wird und das Diskutieren im Zug nicht gewohnt ist. „Gut und ihnen?“; auch diese Reaktion auf seine Frage scheint ihm klar gewesen zu sein, gehört es doch zur gesellschaftlichen Norm so zu antworten; gerade bei Unbekannten wie er einer ist. Trotzdem antwortet er sofort und erwähnt neben der Beschreibung seines Zustands, dass es ihn sehr kalt dünke. „Da gebe ich Ihnen recht, es ist wirklich kalt geworden, aber dies ist im Winter ja schon immer so gewesen“, antwortet sein Gegenüber. Nun stutzt er; scheint in Gedanken zu versinken. Er lässt sich Zeit; er hat ja genügend davon. Dann antwortet er wohlbedacht, dass sein Gegenüber wohl recht habe aber es ihm bisher nicht aufgefallen sei, weil dies doch sein erster Winter sei, in dem er nur im Zug lebe und seine Decke, die er stets mit dabei habe, doch nicht genügend warm gebe. „Wie ihr erster Winter, in dem sie nur im Zug leben?“ Nun beginnt er zu erklären; beginnt ihm zu erzählen, wie er momentan lebt. Er lässt nichts aus, erwähnt die Tatsache, dass er sich von diesem einen Zug nicht mehr lösen könne und auch, dass er jetzt deswegen in diesem wohne; nur noch über ein bald ablaufendes Generalabonnement, einer Decke und einer Uhr verfügend. „Das ist ja interessant“, meint sein Gegenüber, doch ist seinem Gesichtsausdruck anzusehen, dass er sich vor dieser Ungewohnheit scheut und sich schämt, in diesem vollen Zuge mit einem solchen Herren, wie er einer ist, zu diskutieren; trotzdem fragt er: „Wie ist es denn dazu gekommen?“ Verwirrt ob dieser Fragestellung will er wissen, wie er das meine, wie es denn dazu gekommen sei. „Na, wie es dazu kam, dass sie im Zug leben, meinte ich“.



Er war

Schon bevor er die Schule besuchte, wurde er über seinen Vater, der Philosophierlehrer war, mit Diskussionen und dem Reden über komplexe, aber an sich unwichtige Sachen konfrontiert, wurde er doch oft von seinem Ernährer zu anderen Philosophiegelehrten mitgenommen, um dort den Gesprächen und Auseinandersetzungen zuhörend mit den ihm zur Verfügung gestellten Bauklötzen zu spielen. So wuchs er von klein an mit Begriffen auf, die das Sprechen zwar zu verschönern vermögen, aber das Diskutieren mit Anwendern dieser Worte zu einer Tortur werden lassen. Entsprechend erreichte er das Schulende, unter anderem wegen seinem Sprachtalent, mit einem guten Notendurchschnitt.
Die Schule, an der sein Vater unterrichtete, musste jedoch aufgrund von finanziellen Problemen reorganisiert werden. Um den Schülern mindestens das Notwendigste für die kommende Welt des Arbeitens beizubringen, wurde an musischen Fächern gespart. Dort mit eingeschlossen: die Philosophie. Diese Reduktion des Stundenplans führte zur unerwarteten Kündigung der Stelle seines Vaters und daraus resultierend auf ein Geldproblem in seiner Familie. In dieser Zeit lernte er zu verzichten, begann sein Leben auf Einfachheit aufzubauen und die Luxusgüter, die er besass, zu verachten. Er verstand es gut, den anderen und auch sich selbst sein Wohlstandmanko mehr seiner philosophischen Anschauung denn dem Geldproblem zuzuschreiben. Dies beruhigte ihn.
Trotz seiner neuen Ansicht bemühte er sich mehr als andere gleichen Alters eine Lehrstelle zu erhalten und gelang dank seinen guten Noten und seiner Redekunst, welche mittlerweile zu einer Präsentationskunst geworden war, an eine Stelle in einem Büro.
Nach der Lehre arbeitete er sich die Arbeiterhierarchie hoch, bis er schliesslich eine Position erreichte, in der er genügend verdiente, um zu leben. Er distanzierte sich von seiner Ideologie, ohne Luxus leben zu wollen, und gönnte sich immer mehr, liebäugelte jedoch trotzdem nicht mit den Reichen, die ihr Geld verschwenderisch ausgaben und schämte sich in Diskussionen ob seiner Luxusgüter. Durch Zeitungen und Nachrichten fand er Bestätigung seiner Ansicht dieser unfair scheinenden Gesellschaft und festigte seine Gedankengänge in sich, bis er zu sehr auf seinem Standpunkt verharrte, als dass man ihm diesen hätte ausreden können; im Gegenteil, er wurde wütend, wenn jemand gegen seine Worte zu argumentieren versuchte und verstand die Gegenseite nicht. Trotzdem suchte er immer wieder den Kontakt zu Menschen, die in Opposition zu seiner Anschauung standen, weil er sich selbst nicht hätte eingestehen können, zu einem ignoranten Meinungsvertreter geworden zu sein.
Er lebte sein Leben und war froh darum, erkannt zu haben, was anderen verborgen geblieben zu sein schien, bis ihn eines Tages eine Nachricht ereilte.



Er wird

Heute war er schon den ganzen Tag fernab dieser Welt. Er spürte sich selbst kaum mehr und wusste nicht, welcher Worte er sich bedienen sollte, um diese Situation zu erklären, hatte er selbst noch nicht einmal realisieren können, welch Debakel soeben ihn erreichte. Ohne irgendwelche Vorwarnung wurde er am Morgen im Büro seines Vorgesetzten verlangt. Wie befohlen, beendete er rasch seine momentane Arbeit, die daraus bestand die neu eingetroffene Post zu sortieren, und begab sich alsdann in das Büro, in dem die Entscheidungen dieses Geschäfts getroffen werden. „Ich will meinen Entscheid nicht hinter langem Reden verstecken“, hörte er; aufgrund der nicht wirklich freudigen Stimme und der ernsten Miene, die sich ihm offenbarte, erdachte er sich sogleich schlimmste Szenarien, die ihn überkommen könnten. Er antwortete, dass er gerne erfahren würde, welcher Entscheid denn angefallen sei. „Nun, wie soll ich das erklären?“ murmelte der Chef und begann ohne lange zu zögern die gestellte Frage ihres Sinnes zu berauben; sein Gesicht versteifte sich und sein Blick wandelte sich von seiner gewohnten Strenge zur verzweifelten Hilflosigkeit: „Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, leidet unser Geschäft momentan unter Problemen organisatorischer Art. Nachdem unsere Firma von den Amerikanern aufgekauft wurde, mussten wir unsere Organisationsstruktur ihren Wünschen anpassen. Um ihren Wünschen gerecht zu werden, wird jedoch auch verlangt, dass wir einige Stellen streichen. Nach langen Diskussionen kamen wir zum Schluss, dass Sie leider zu diesen gehören, die wir entlassen müssen“. Er war schockiert; wie soll er denn in Zukunft leben? Nach langem Schweigen, inneren Konfrontationen und Vorwürfen fragte er nach dem Grund dieser Wahl. „Nun; wir hatten ja selbst Mühe damit, Sie zu wählen, weil Sie doch eigentlich ein sehr sympathischer Mann sind, doch ist uns Ihre Kommunikationsfreude aufgefallen; ständig verwickeln sie ihre Mitarbeiter in Diskussionen philosophischen Inhaltes und halten somit den Betrieb auf. Gerade jetzt, wo wir den Amerikanern verkauft wurden, ist es wichtig, dass wir uns gut präsentieren und nicht durch solche Unpässlichkeiten auffallen“. Wie konnte das sein? Hatte er sein bisheriges Leben nicht auf seiner Sprache und seiner Kommunikationsfreude aufgebaut? Waren nicht die eben kritisierten Punkte seine Stärke; seine Qualität?
Jegliches Drehen und Versuchen den Chef umzustimmen war vergebens. Der Entscheid war schon lange gefällt worden und die entsprechenden Dokumente ausgefüllt. Ihm blieben noch drei Monate, sich hier zu beschäftigen und sich zu verabschieden. Er mochte diesen Abschied nicht; war unschlüssig, worauf er sich nun fixieren sollte. Nach einem unproduktiveren Tag als sonst und kaum gewechselten Worten mit seinen Gegenübern, verliess er heute das Geschäft früher als gewohnt. Früher als gewohnt betrat er den Bahnhof; den Zug und schliesslich seine Wohnung. Lange sinnierte er und versuchte sich selbst zu trösten; suchte die Fehler nicht bei sich und verharmloste die Situation so extrem, dass es ihn kaum mehr belastete.
Die Zeit verging und sein letzter Arbeitstag nahte. In der Zwischenzeit hatte er enorme Einbussen bezüglich Kommunikationsfreude einstecken müssen und Melancholie begann immer mehr Besitz von ihm zu ergreifen. Als es dann soweit war und er seinen letzten Arbeitstag hinter sich gebracht hatte, packte er noch seine letzten Sachen in eine Kiste, verabschiedete sich demotiviert von seinen ehemaligen Kumpeln, welche aufgrund seiner negativ gewordenen Stimmung eher Abstand als Nähe suchten, und lief gesenkten Hauptes aus dem Gebäude.
Nach Betreten seines Zuges durchfuhr ihn ein mulmiges Gefühl; ein Gefühl, das zu beschreiben ihm unmöglich schien; er kannte es nicht. Er wusste, dass er mit dieser einen Zugfahrt nach Hause einen Lebensabschnitt hinter sich bringen würde, dass er sich nach Verlassen des Zuges nicht mehr umdrehen könnte und die Veränderung, die er in den letzten drei Monaten hinter sich gebracht hatte, sich festigen würde; ihn zu einem neuen Ich werden liesse. Er wollte sich nicht von seiner Vergangenheit verabschieden; er mochte doch seine Art; seine Ausdrucksweise. Er mochte, wie er war, und er konnte es nicht zulassen, dass seine Existenz wegen einer Banalität wie der Arbeit total verändert würde. Also beschloss er, den Zug, den er betrat und der mittlerweile losgefahren war, vorerst nicht zu verlassen. Wie lange er in ebendiesem Zug verweilen würde, wusste er nicht, er wusste nur, dass das Verlassen ihm zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war. Es schien klar, dass die zeitliche Grenze mit dem Ablauf der Gültigkeit seines Generalabonnements beendet sein würde, doch schien es auch klar, dass die Restzeit bis zu diesem Punkt ihm die Freiheit im Zug gewährte. So blieb er im Zug sitzen; nicht wissend, was ihn erwarten würde; nicht wissend, wie lange es dauern würde. Mit der Zeit steigerte er sich immer mehr in die Situation des Zugfahrens hinein. Sah in dieser Tätigkeit immer mehr eine heroische Tat und fand Gefallen am Gedanken ein Zugbewohner zu sein. Kondukteure fingen an, ihn zu kennen und mit der Zeit wurde er eine lebende Sehenswürdigkeit. Kinder freuten sich, wenn sie dieses lebende Mysterium endlich mal sahen, und die Erwachsenen scheuten sich ob seiner Vorstellung von Freiheit.



Er ist

„Das ist ja eine sehr interessante Geschichte“, sagt sein Gegenüber. Er freut sich, dass seine Geschichte Anklang findet, doch geht es ihm gar nicht darum Lob oder Mitleid für seine Vergangenheit zu erhalten. Er will lediglich kommunizieren; lediglich loswerden, was in ihm brodelt und ihn doch nicht mehr beschäftigt. Der junge Herr will gerade etwas anfügen, als er sagt, dass er jetzt weiter müsse. Er habe kein grosses Interesse weiter darüber zu diskutieren; er habe alles gesagt und würde in sich versinken, müsste er nun, nach dieser Reflektion seiner Historie ein anderes Thema anschneiden. Also erhebt er sich, verlässt den Sitz, das Abteil, den Zugwagen und begibt sich weiter zu einer älteren Dame, setzt sich hin und fragt höflich, wie es ihr gehe.