Störung
von Sepala Megert

Ein Mann steuert einen alten blauen VW Golf. Er drückt mit seinem schweren Fuss auf das Gaspedal. Er fährt hochtourig auf einer schmalen Nebenstrasse, die neben Maisfelder vorbeiführt. Die Bar befindet sich, umrundet von einem dichten Wald, in einer kleinen Senke. Nur eine schmale Nebenstrasse führt über zwei Kilometer zu ihr. Es gibt keine andere Zufahrt. Die Scheinwerfer erhellen ein gross gebautes Bauernhaus, in dem im unteren Stockwerk bei zwei Fenstern noch Licht brennt. Der Mann fährt über der Geschwindigkeitsmarke.
In der Bar sitzen noch fünf Leute. Ein betrunkener Mann auf einem Barhocker und ein Pärchen, das sich die Hände hält, sich verliebt in die Augen schaut und die Zeit vergisst. Zwei Jugendliche, ein Junge und ein Mädchen die stumm auf den Tisch vor ihnen starren und sich nichts zu sagen haben. Der Wirt, klein, mitte vierzig, mit schwarzem Brillengestell, wischt die braune Holztheke mit einem feuchten Lappen. Aus seinem rechten Mundwinkel hängt eine halb abgebrannte Zigarette. Er stösst einen müden Seufzer aus. Wie aus einem Traum aufgewacht, lassen die Verliebten den Betrag für die zwei getrunkenen Weingläser auf dem Tisch liegen und schleichen sich unauffällig aus der Bar. Der Betrunkene auf dem hölzernen Barhocker bestellt noch ein Bier. Die zwei Jugendlichen unterhalten sich leise miteinander.
Auf einer Anhöhe angekommen, fährt der blaue VW Golf langsamer, bis er anhält und das Licht ausschaltet. Er fährt langsam weiter, um ein geeignetes Versteck für seinen Wagen zu finden. Der Lenker erspäht den gesuchten Feldweg, welcher einen kleinen Bogen in den Wald macht und vor einer alten Holzhütte endet, und fährt hinein. Er stellt den Wagen vor die alte Holzhütte und steigt aus. Er hat alles vorbereitet. Die Eingangstür ist nicht verschlossen. Bevor er eintritt, montiert er noch die Nummernschilder seines Wagens ab, knipst die Taschenlampe an, öffnet die Tür und geht hinein.
Die Verliebten laufen auf der linken Seite der Nebenstrasse Hand in Hand. Der junge Mann macht ständig Komplimente und spricht sie mit Anna an. Sie lacht auf und nennt ihn Moritz. Sie küssen sich.
Das Holzhaus besteht aus zwei Zimmern, die mit einer Holztür voneinander abgetrennt sind. Im grösseren der zwei Zimmer, befinden sich ein Tisch und zwei Stühle. Im kleineren liegt eine Matratze auf dem staubigen Boden. Licht hat es keines. Der Mann zieht die Matratze beiseite, kniet nieder und öffnet sorgfältig eine Holzdiele, die vorher durch die alte Matratze verdeckt wurde. Er streckt seine Hand in die Öffnung und hält in den Händen eine kleine Metallkiste. Er öffnet sie.
Moritz drückt Anna gegen einen Baum und küsst sie. Seine Hände gleiten an ihrer Seite von den Schultern an den Rippen vorbei und gelangen schlussendlich an ihr Gesäss. Sie öffnet in diesem Moment die Augen und sagt sanft: „Noch nicht.“ „Wann?“ fragt Moritz, der nun ihr Gesicht mit Küssen überhäuft. „Später“ sagt Anna und schliesst die Augen wieder.
Der Mann in der Holzhütte zieht ein Foto aus der Metallkiste. Darauf ist eine junge Frau von ungefähr 26 Jahren zu sehen. Sie steht mit nackten Füssen auf sandigem Untergrund und trägt einen schwarzen Bikini. Ihr blondes Haar scheint im Wind zu flattern und ihre Pilotenbrille reflektiert das grelle Sonnenlicht. Im Hintergrund sind kleine Segelboote die auf einer Wasserfläche segeln, zu sehen. Wenn man genauer hinsieht sind es Katamarane. Der Mann dreht das Foto um und liest laut vor sich hin: „Für Herbert, in Liebe, deine Anna.“ Das Foto war vor einem Jahr datiert. 13. August 2005. Damals waren Anna und er in Ägypten.
„Kennst du hier kein gutes Örtchen?“, fragt Moritz in einem merklich ungeduldigem Ton.
„Ja, vielleicht. Irgendwo dort vorne müsste ein alter Teich sein,“ antwortet Anna. Erinnerungen kommen in ihr hoch. Sie kannte die Gegend, den Teich und die alte Holzhütte die in der Nähe war. Herbert und sie waren einst ein Liebespaar. Er hat von einem guten Freund von ihm, die Holzhütte für einige Tage im Monat ausleihen und gebrauchen können. Sie mussten sich, in aller Abgeschiedenheit der Welt, dort treffen, weil Herbert damals noch verheiratet war. Er war nie ein Kavalier. Er hatte nie dafür gesorgt, dass die zeitweilige Unterkunft ordentlich eingerichtet war. Alles war staubig. Mit der Zeit ekelte sie sich vor der alten Matratze, deren Stahlfedern quietschten und ihr in den Rücken zu bohren schienen. Sie weiss noch, dass er sie immer fragte, ob sie noch einen anderen habe. Sie beteuerte immer, dass sie keinen anderen Liebhaber ausser ihm habe. Obgleich sie es ihm immer und immer wieder sagte, merkte sie, dass er ihr nicht vertraute. Es schien, als vertraute er niemandem.
Herbert hört herannahende Stimmen. Er ist bereits wieder aus der Holzhütte und versteckt sich an einer Stelle im Wald, wo er den Weg und die Hütte gut beobachten kann. Er glaubt Annas Stimme erkennen zu können. Sein Herz fängt wild an zu schlagen.
Ja, in Ägypten, da mochte sie ihn noch. Sie sagte es jedenfalls. Er liebte sie. Ihre blonden Haare erinnerten ihn an seine verstorbene Mutter. Nach der Reise trafen sie sich noch ein paar Mal hier, in der Hütte. Irgendeinmal war Schluss und er musste einsehen, dass er mit seinen 46 Jahren einfach zu alt war für sie, oder sie zu jung für ihn. Auch sie konnte ihm seine Jugend nicht zurückgeben. Aber es war noch etwas anderes, das ihn störte. Als er zum ersten Mal dort war, war sie mit einigen Freundinnen dort. Man kannte sie. Die Männer kannten sie. Er wollte sie auch kennen lernen. Warum er überhaupt an diesen Ort gelangt ist, war wegen Klaus, ein Arbeitskollege von ihm. Der hatte ihm von seiner Holzhütte erzählt, der Bar und den jungen Frauen, die dort verkehrten.
Herberts Ehe war ein Desaster. Unter dem Diktat seiner Frau, die aus einer elitären Familie stammte, musste er gewisse soziale Zwänge durchleben und in der Öffentlichkeit jemanden repräsentieren, den er nicht war. Seine Heirat war sein grösster Fehler. Die Katastrophe begann auf dem Höhepunkt seiner Karriere. An einem Gala Dinner, lernte er die Bankierstochter von einem seiner mächtigsten Kunden kennen. Nachdem er mit ihr die Nacht in einem Hotelzimmer verbracht hatte, telefonierte sie ihm vier Monate später und sagte, dass sie schwanger von ihm war und ihrer Familie bereits von den guten Neuigkeiten erzählt habe. Um seine Karriere nicht aufs Spiel zu setzen und genügend Druck von Seiten seines Arbeitgebers und der Familie seiner Zukünftigen vorhanden war, heiratete er sie. Es war ein Schock für ihn. Von diesem Tage an, änderte sich alles. Alles schien ihm anders.
Eines Tages ging er zur Holzhütte und besuchte die Bar. In der Bar fühlte sich Herbert unerkannt und blieb es auch. Er führte nie bewegende Gespräche, stellte sich sogar mit falschem Namen vor und gab einen anderen Beruf an. Er hatte Angst erkannt zu werden. Herbert war seit gut 16 Jahren Wirtschaftsprüfer. Er war gut in seiner Arbeit, hatte aber kaum Freunde. Er misstraute den Unternehmen. Er misstraute denjenigen die sich Freunde nannten. Er misstraute seiner Frau. Die zuvorkommende Art die sie ihm entgegenbrachte, ihre Freundlichkeit und ihre Ruhe verunsicherten ihn. Er wusste nie, was sie dachte und was sie hinter seinem Rücken über ihn sagte.
Die Nacht ist dunkel, aber Anna kennt den Weg. Sie führt Moritz auf einem Waldweg an der Hand. Dürre Äste knacken und man hört die trockenen Blätter unter ihren Füssen.
„Da ist es,“ sagt Anna, als sie beide unter einer kleinen Lichtung angelangt sind.
„Schön ist es hier,“ meint Moritz.
Anna zeigt ihm eine kleine, aber für sie beide genügend grosse Fläche aus weichem Waldmoos. Moritz betastet das Moos um festzustellen, ob es nass oder feucht ist und sitzt kurzum ab. Anna kann sich noch nicht richtig entschliessen und sieht umher, bis Moritz sie an der Hand packt und zu sich hinab zieht.
Motorengeräusch. Ein Wagen scheint mit seinen Scheinwerfern durch die Bäume und Tannen des Waldes und fährt vorbei. Die zwei Liegenden auf der grünen Moosfläche zucken zusammen und setzen sich auf.
„Wer war das?“ fragt Anna schaudernd.
„Wahrscheinlich der Kneipenbesitzer, der nach Hause geht. Komm wieder zu mir,“ sagt Moritz, umklammert die Hüfte von Anna und legt sie sanft auf den Rücken. Sie liegt an seiner linken Seite. Er stützt sich auf seinen linken Ellbogen ab und fährt mit seiner rechten Hand auf der weichen Haut des rechten Oberschenkels von Anna hinauf und verbleibt unter ihrem kurzen Minirock.
Damals war die Zurückweisung von Anna unerträglich. Sie war unvorhersehbar. Ihm wurde damals gerade sein Job gekündigt, weil er kostbare Zeit in seinem Büro mit dem Absuchen von Wanzen und versteckten Mikrophonen nutze. Er glaubte fest daran, dass seine Kunden ihn hintergingen, Geld wuschen und seine Integrität in Frage stellten. Sein Misstrauen gegenüber den eigenen Arbeitskollegen und seiner These, dass gegen ihn intrigiert wurde und eine grössere Verschwörung gegen ihm im Gange war, kostete ihn seine Arbeitsstelle. Er misstraute Anna immer mehr.
Herbert kann sich kaum mehr beherrschen. Er wusste es. Er wusste, dass sie nicht treu war. Er verdächtigte Sie schon immer. Er hatte sie beschattet. Er verdächtigte alle, ausser sich selbst. Sie war untreu. Alle waren untreu. Er schwitzt und atmet schneller. Sein Herz rast. Ihm ist heiss. Er muss etwas dagegen unternehmen.
Er sitzt in einem weissen Raum, ohne Fenster. Ein Tisch und zwei gegenüberliegende Stühle. Auf dem Tisch befindet sich ein Diktophon. Der Arzt der gegenüber von ihm Platz genommen hat, zieht aus seiner linken Brusttasche einen Kugelschreiber, öffnet die Akte vor ihm und liest sie aufmerksam durch. Er drückt auf eine Taste des Aufnahmegerätes vor ihm. Ohne Herbert anzublicken sagt er: „Herr Bukowski, sie wissen warum sie hier sind?“
„Ja, wegen Anna,“ antwortet Herbert.
„Wegen Anna? Welche Anna?“
„Anna, Anna Diethelm.“
„Ach so? Bitte, erzählen sie doch von dieser Anna und warum sie glauben, dass sie wegen Anna hier sind.“
„Ich hatte Recht. Sie war untreu. Sie hatte einen Liebhaber. Ich hatte ihr letzte Woche nachspioniert. Ich sah sie mit einem anderen Mann zusammen einkaufen. Derselbe Mann war mit ihr in der Bar. Er heisst Moritz. Anna und er haben sich geküsst. Ich habe es gesehen, ich habe ihnen zugeschaut. Und dann, ja dann, hat er sie angefasst. Sie mochte, wie er sie anfasste, es gefiel ihr. Ich dachte immer, das mochte sie nur bei mir. Ich hasse ihn. Ich hasse sie. Ich kann ihr für das nicht vergeben.“
„Was passierte nachdem sie gesehen hatten, dass Anna und Moritz sich näher kamen? Was taten sie?“
„Ich weiss es nicht mehr.“
„Sie wissen es nicht mehr? Versuchen sie sich zu erinnern. Was geschah als sie gesehen hatten, dass es Anna gefiel von Moritz angefasst zu werden?“
„Ich weiss nur, dass ich vor einiger Zeit aufgewacht bin und nun vor Ihnen sitze.“
Der Arzt ist leicht beunruhigt und hüstelt verlegen. Er legt die Akte und seinen Kugelschreiber vor sich hin. Er atmet tief durch und schaut auf eine Wand. Es scheint, als würde er seine Worte in der Ferne suchen. Er spricht ruhig, aber bestimmt:
„Herr Bukowski. Sie haben zwei Menschen umgebracht. Eine junge Frau und einen jungen Mann. Keiner von beiden hatte den Namen Anna oder Moritz. Sie hiessen Sarah Kirsten und Jochen Ulrich und waren beide 15 Jahre alt. Ein Mädchen mit langen blonden Haaren und ein Junge mit braunen Haaren. Ein angetrunkener Mann hat die Leichen, welche sie mit ihren Nummernschildern niedergeschlagen und danach erdrosselt haben, gefunden. Er war rein zufällig in das Waldstück geirrt, um seine Blase zu leeren und um zu sehen, ob er bei der alten Holzhütte übernachten könnte.“ Der Arzt macht eine Pause und drückt mit Mittelfinger und Daumen auf die dünne Stelle seines Nasenbeins, welches in der Mitte der Augen liegt. Er atmet tief durch und öffnet den Mund, schliesst ihn aber sogleich wieder und nimmt einen neuen Anlauf.
„Durch den Anblick der beiden Leichen, die in dem kleinen Teich auf der Oberfläche trieben, erlitt er einen Schock und konnte trotzdem die Polizei alarmieren. Die Polizei fand auf einer Moosfläche, ein Foto auf dem eine Frau in einem schwarzen Bikini zu sehen ist. Hinten auf dem Foto war der entscheidende Hinweis, der die Polizei zu ihnen führte. Die genaue Durchsuchung der Holzhütte hatte zur Folge, dass man ihre Metallschatulle fand, indem sich noch mehr Gegenstände von ihnen befanden. Ihr Arbeitskollege, dem die Holzhütte gehörte, konnte auch bestätigen, dass sie über einen Schlüssel verfügen, und seit zwei Jahren freien Zugang geniessen können. Zudem liessen sie ihr Wagen an dem Tatort zurück. Die Polizei fand sie unweit von der Unglücksstelle entfernt, wie sie vor sich hin lachten und dabei „es ist vorbei, es ist vorbei“ schrieen.“
Wieder macht der Arzt eine Pause und versucht beim Patienten Herbert Bukowski eine Reaktion auf das Gesagte wahrzunehmen. Es kam keine. Herbert Bukowski sass regungslos auf seinem Stuhl.
„Übrigens, Herr Bukowski, es stimmt, Frau Anna Diethelm war an jenem Abend in dieser Bar mit Moritz Hagen zusammen. Nur fuhr er sie mit dem Auto nach Hause.“