Rolf Lappert

Rolf Lappert

Pampa Blues. Roman (Hanser, 2012)

Ich hasse mein Leben. In drei Jahren werde ich zwanzig, das ist die Hälfte von vierzig. In acht Jahren ist Karl neunzig und ich bin fünfundzwanzig und vielleicht noch immer hier. Mit ihm. Das will ich mir gar nicht erst vorstellen. Die Realität reicht mir völlig.
Karl steht vor mir, splitternackt. Schaum liegt auf seinen knochigen Schultern wie Schnee. Er schlottert ein wenig, dabei ist es warm im Badezimmer. Der Spiegel hat sich beschlagen, unter der Decke hängen Dampfschwaden. Ich trockne Karl den Rücken ab, weil er das nicht mehr selber kann. Was Karl alles nicht mehr selber kann, würde ganze Bücher füllen. Karl schwankt und streckt die Arme nach der Wand aus. In fünfundsechzig Jahren bin ich so alt wie er jetzt.
»Hier, dein Gehänge kannst du dir selber abrubbeln«, sage ich und gebe ihm das Handtuch.
»Gehänge ist gut«, nuschelt Karl und kichert.
Manchmal versteht Karl alles, sogar schlüpfrige Sprüche. Dann ist sein Kopf ein altes Radio, in dem die verstaubten Röhren noch einmal aufglühen und auf Empfang gehen. Aber meistens reicht es gerade einmal für die einfachsten Sätze, an schlechten Tagen bloß für einzelne Wörter wie essen oder schlafen oder Kuchen. Mit Karl geht es bergab. Wenn sein Gehirn den Betrieb irgendwann völlig aufgibt, können wir uns überhaupt nicht mehr unterhalten. Ich weiß nicht, ob ich es vermissen werde.

Mit fünfzehn habe ich bei Karl eine Lehre als Gärtner angefangen. Meine Mutter hielt das für eine tolle Idee, aber das war nur eine Notlösung, die einfachste Art, mich nach dem Tod meines Vaters abzuschieben. Karl durfte eigentlich gar keine Lehrlinge mehr ausbilden. Sein Gehirn funktionierte damals zwar noch ziemlich tadellos, aber er war alt, hatte kaputte Knie und werkelte nur noch zum Vergnügen im Garten vor sich hin. Trotzdem schaffte es meine Mutter irgendwie, die Sache mit den Behörden zu regeln. Ich glaube, bei den vielen Schulabbrechern und arbeitslosen Jugendlichen, die es in der Gegend gibt, ist es den Beamten völlig egal, was ich hier so treibe. Hauptsache, ich bin versorgt, lungere nicht rum und nehme keine Drogen.
Karl brachte mir bei, wie man Blumenzwiebeln eingräbt, Rosenbüsche zurückschneidet und Setzlinge umtopft. Von ihm weiß ich, wie man gute Komposterde macht und Blattläuse loswird. Ich kann eine Stein-Nelke von einer Pfingst-Nelke unterscheiden und mit einer Felghacke ebenso gut umgehen wie mit einem Kreil. Was ich hier nicht gelernt habe, ist, wie die Welt da draußen funktioniert und wie sich ein nacktes Mädchen anfühlt.
Meine Mutter hat mich ein Jahr lang jeden Donnerstag in die Stadt zur Berufsschule gefahren, eine Stunde hin und eine zurück. Sie ist Sängerin. In der Zeit ist sie mit Tanzbands bei Partys, Firmenfeiern und Hochzeiten aufgetreten. Aber eigentlich ist meine Mutter Jazzsängerin. Sie tingelt mit einem Quartett durch die Clubs und Kneipen Europas. Piano, Saxophon, Bass, Schlagzeug und sie. Auf dem Pressefoto trägt sie ein langes schwarzes Kleid und schwarze Handschuhe, die bis zu den Ellbogen reichen. Ihre vier Musiker tragen Smokings und Fliegen, und alle lächeln in die Kamera. Unter dem Bild steht in geschwungener Schrift BETTY BLACK & THE EMERALD JAZZ BAND. Der Mädchenname meiner Mutter ist Passlack, Bettina Passlack. Sie fand, das klingt zu sehr nach Neuruppin und zu wenig nach New York. Schilling, den Namen meines Vaters, hat sie nie benutzt. In ihrem Pass steht: Bettina Schilling-Passlack, aber in der Musikszene kennt man sie nur unter ihrem Künstlernamen. Sie kommt viel rum, reist durch ganz Europa, von Palermo bis Helsinki, von Alicante bis Warschau. Für eine große Karriere hat es trotzdem nicht gereicht. Keine Ahnung, warum. Vielleicht fehlt ihr der Ehrgeiz, der richtige Biss. Oder ein tüchtiger Manager. Oder ihre Stimme ist zu durchschnittlich. Und dann Jazz. Ich meine, wer hört sich sowas überhaupt an?

Nach dem Bad helfe ich Karl beim Anziehen, dann koche ich uns Mittagessen. Karl deckt den Tisch. Frau Wernicke, die Krankenpflegerin, die einmal pro Woche nach Karl sieht, hat mir gesagt, ich soll Karl kleine Aufgaben geben, damit sein Gehirn etwas zu tun hat. Eine von Karls Aufgaben ist es, dreimal täglich den Tisch zu decken. Frau Wernicke sagt, das sei eine Art Training, um die geistige Leistungsfähigkeit zu steigern, aber in Karls Fall scheint die Sache nicht wirklich zu funktionieren. Meistens vergisst er etwas, einen Löffel, eine Tasse, beide Servietten. Oft liegen zwei Gabeln neben jedem Teller, aber keine Messer, oder er stellt Kaffeetassen hin statt Wassergläser. Manchmal steht er vor dem leeren Tisch und kann sich nicht erinnern, was er tun soll. Dann muss ich für ihn das Geschirr und Besteck rausnehmen und ihm alles zeigen. Wenn er einen besonders schlechten Tag hat und fünf Minuten lang ratlos einen Löffel in den Händen dreht, setze ich ihn auf seinen Stuhl und lasse ihn Papierschnipsel machen. Das verlernt er nie.
Heute hat Karl einen ziemlich guten Tag. Messer und Gabel sind zwar auf der falschen Seite, aber dafür hat er bis auf die Glasuntersetzer und die Servietten nichts vergessen. Er trägt schwarze Socken, eine weite graue Hose und ein weißes Hemd. Wenn er rasiert wäre, würde er direkt passabel aussehen.

 Lesung