Regina Dürig

Regina Dürig
Regina Dürig

Aus: Katertag oder Was sagt der Knopf bei Nacht?
Katertag oder Was sagt der Knopf bei Nacht. Briefroman für Jugendliche (Chicken House Verlag, 2011); auch als Hörbuch (Silberfisch Hamburg, 2011)

[…]

»Zeit für nachdenken?«, fragt Muriel Mim, als wir Kaffee trinken.
»Ja«, sagt Mim. »Und Zeit, um mit dem Nachdenken aufzuhören.« Muriel lächelt. Sie hat auch blonde Haare, die genauso lang sind wie die ihrer Töchter. Vielleicht schneidet der Vater allen die Haare und kann nur diese eine Länge. In Muriels Pulli sind winzige Löcher, durch die man ihr weißes Unterhemd sieht. Sie hat fast keine Brüste. Unter ihren Fingernägeln ist ein Rand aus Erde. Sie könnte gut eine Marktfrau sein.
»Manchmal es muss so sein«, sagt Muriel und zündet sich eine Zigarette an. »Das ist die Leben.« Mim kneift die Augen zusammen, lehnt sich zurück und nickt. Ich glaube, das war der Moment, in dem sie wieder die Mim geworden ist, die sie früher war. Obwohl es keine große Weisheit war, eigentlich noch nicht mal eine kleine. Es war wahrscheinlich Muriel selbst. Die sonst Lämmer aufzieht oder Hühner schlachtet oder Brot backt mit der gleichen Stimme und den gleichen Händen und der gleichen Ruhe.

Später bringe ich Cécile, der jüngeren Tochter, das Pusteblumenpusten bei. Ich wusste gar nicht, dass man das lernen muss. Ich zeige ihr das Ausatmen, wir blähen zusammen die Backen auf und wir pusten zusammen, und sobald ich ihr die Blume gebe, atmet Cécile ein oder hält sie sich so nah an den Mund, dass die kleinen Fallschirme an ihren Lippen kleben bleiben. Cécile lacht mich an und ich rolle theatralisch mit den Augen.
»Pusten«, sage ich auf Deutsch, »pusten«.
»Füüsi«, sagt Cécile konzentriert und sucht die nächste Blume, »füüsi.«
Nach dem Essen machen die anderen einen Abendspaziergang. Ich lege mich aufs Bett und höre den Schafen zu. Ich überlege, ob ich dich anrufen soll. Ich frage mich, ob Sasa oder Mim versucht haben, dich zu erreichen. Ich lege das Telefon wieder weg. Es ist jetzt genau zwei Tage her, dass wir aus Disneyland weggefahren sind. Es kommt mir eher wie zwei Wochen vor.

»Warum ruft der Eunk denn nicht an, Nico?«, fragt Sasa mich irgendwann in der Nacht. Sie hat sich in ihre Decke eingewickelt und sitzt auf meinem Bett.
»Sasa, keine Ahnung, ich schlafe«, brummele ich.
»Ich glaube, es ist was passiert«, sagt Sasa. Ich versuche weiterzuschlafen.
»Nico, Mann.« Sasa bufft mich auf die Brust.
»Wenn was passiert wäre, hätten die ganz sicher Mim angerufen«, sage ich.
»Und wenn die hier in Frankreich ihre Nummer gar nicht haben?«, fragt Sasa. Ich setze mich auf.
»Das kann man bestimmt rausfinden«, behaupte ich, aber ich höre mich nicht sehr überzeugend an.
»Wir könnten ihn ja anrufen«, sagt Sasa. Sie weiß, dass ich Nein sage.
»Nein, können wir nicht. Wir waren uns mit Mim einig. Er muss sich melden«, sage ich und Sasa fängt an zu weinen.
»Ihr seid so scheiße«, kiekst sie. Ich will sie in den Arm nehmen, aber sie lässt mich nicht. Sie setzt sich in ihrer Bettdeckenwurst ans Fenster. Nach ein paar Minuten setze ich mich neben sie und erfinde Sternenbilder, um sie abzulenken. Das kleine Spiegelei, der Waschbär, der Tropfstein, die Tupperdose, das große Sandwich. Irgendwann macht Sasa mit. Als es zu hell wird, um Sterne zu sehen, legen wir uns wieder hin. Wir schlafen bis in den Nachmittag.

[…]

 Lesung

Interview mit Regina Dürig