Die gute Seele hinter den Kulissen

Ein Porträt von Noldi Lüthy, der kürzlich aus der Geschäftsleitung der Solothurner Literaturtage zurücktrat

Der Solothurner Buchhändler gehörte von Anfang an zu den Promotoren der Literaturtage. Nicht vorn im Rampenlicht, sondern im Hintergrund, wo sein Charme und seine Herzlichkeit für eine einladend-familiäre Atmosphäre sorgten.

© Der Bund; 26.01.2006; Seite 14

Charles Linsmayer

Als Rolf Niederhauser, Peter Bichsel und Otto. F. Walter auf die Idee mit den Solothurner Literaturtagen kamen, war das eine wunderschöne Utopie. Damit sie Wirklichkeit wurde, brauchte es jedoch einen Praktiker mit Vernetzung im Ort und in der Kulturszene, und dieser Praktiker war der Solothurner Buchhändler Noldi Lüthy, der 1978 zum Präsidenten des neu gegründeten Vereins gewählt wurde.
«Mehr als drei Jahre wollte ich das Amt aber nicht ausüben», erzählt er mehr als ein Vierteljahrhundert später in seiner Wohnküche an der Greibengasse in Solothurn. «Ich sah mich lieber im Hintergrund bei der praktischen Arbeit.» So dass er 1981 - die Literaturtage waren inzwischen zu einer schweizweit beachteten Einrichtung geworden - zurücktrat und das Amt Vrony Jaeggi, der Kollegin in der Geschäftsleitung, übergeben wollte. Die nahm die Wahl jedoch nicht an, so dass das Festival bis heute ohne Präsident auskommen muss.


«Wohl wie zu Hause in Afrika»
Und nicht zuletzt deshalb zu dem wurde, was es heute ist, weil Noldi Lüthy im Hintergrund für die familiäre Atmosphäre sorgte, die die Teilnahme für Autorinnen und Autoren so attraktiv macht. «Ich wollte, dass die Leute, die wir einluden, auch betreut waren und nicht verloren herumstanden. Ich holte sie am Bahnhof ab, führte sie ins Hotel, und Höhepunkt war jeweils der Ausflug auf den Weissenstein. Als der inzwischen verstorbene Ahmadou Kourouma zu Gast war, hat er mir später geschrieben, er habe sich bei uns so wohl gefühlt wie zu Hause in Afrika.»
Wer glaubt, er begnüge sich damit, während der Literaturtage das Mädchen für alles zu sein, schätzt Lüthy allerdings falsch ein. Mitglied aller Programmkommissionen seit Anbeginn, hat seine Stimme Gewicht und wurde er bis heute immer wieder aktiv, wenn es um neue Formen ging. So stand er voll hinter dem Literaturwettbewerb Opennet, den er in der praktischen Umsetzung betreute, und auch die Abhaltung von Lesungen in der Stadt Solothurn geht auf seine Initiative zurück: «Ich wollte auf die Leute zugehen, weil ich weiss, dass sich 90 Prozent der Stadtbevölkerung um die Literaturtage foutiert.»
Auch jetzt noch, wo sich Noldi Lüthy, der an diesem 26. Januar seinen 66. Geburtstag feiert, von allen Funktionen zurückgezogen hat, ist ihm das Festival ein Anliegen: «Ich hoffe noch immer auf neue Ideen und dass neue Generationen hinzukommen. Mir scheint dieses Immer-Gleiche manchmal allzu starr. Man sagt, die Literatur erlaube nichts anderes. Ich weiss nicht. Es müsste verschiedenes Platz finden. Es müsste heissen: da gehst du hin, denn: da passiert etwas.»


Bankier, Buchhändler, Vermittler
Für neue Herausforderungen ist Lüthy schon immer offen gewesen. So zeigte er zunächst kein Interesse an der seit 1898 von seiner Familie betriebenen Buchhandlung und wurde Bankkaufmann. Nach Aufenthalten in Spanien und England war er Abteilungsleiter in einer Lausanner Bank und wäre wohl Banker geblieben, wenn ein einschneidendes Ereignis ihn nicht zu einer Umorientierung veranlasst hätte. Eine Lungenentzündung, an der er während der RS in Genf erkrankt war, entwickelte sich wegen unsachgemässer Behandlung zu einer Bronchopneumonie und führte dazu, dass 1963 grosse Teile seiner rechten Lunge entfernt werden mussten. «Damals, im Militärsanatorium, habe ich umzudenken begonnen, ist mir bewusst geworden, dass die Gesellschaft völlig am Wesentlichen vorbeilebt, und habe ich zu lesen angefangen.» Nach einer Zweitausbildung führte er ab 1967 mit Bruder Heinz zusammen die Buchhandlung Lüthy.
«Ich hatte Freude an der Arbeit, kam aber viel zu wenig zum Lesen. Mein Pensum betrug täglich zwischen 12 und 14 Stunden, und im Nachhinein komm ich mir manchmal etwas verschaukelt vor.» 1995 trat er, ein Virtuose des Loslassenkönnens, aus dem Geschäft zurück, gab sich mit einem bescheidenen Ruhegehalt zufrieden und überliess alle Anteile seiner Nichte Simone Lüthy, die die Buchhandlung seither zu einem Grossunternehmen mit vielen Filialen ausgebaut hat. «Mein Entscheid lag im Interesse des Geschäfts. Es war gar nicht so viel Liquidität da, dass man mich hätte auszahlen können . . .» Zur Ruhe setzte Lüthy sich aber nicht. Für die Literaturtage leistete er weiter vollen Einsatz, und als Jürg Tanner und Christian Gerber für ein Fotobuch über das verwunschene Dorf Balestrino in Ligurien keinen Verlag fanden, gründete er den Greiben-Verlag, der sich seither wiederholt schwierigen, wenig lukrativen Buchprojekten annahm.


Heimliches Hospiz
Durch die Erfahrung zweier Ehescheidungen betroffen, gehört Lüthy auch zu den Gründern der Selbsthilfeorganisation VeV («Verantwortungsvoll erziehende Väter und Mütter») und übernahm nach der Ausbildung zum Mediator deren regionale Geschäftsstelle. «Ich schätze die Mediation viel höher ein als das Juristische. Zwischen Recht und Gerechtigkeit klafft eine Lücke», ist er überzeugt und freut sich, dass inzwischen auch Frauen seinen Rat suchen. Überhaupt ist sein Haus eine Art heimliches Hospiz.
«Unsere Haustüre ist Tag und Nacht offen. Letzte Woche kamen fünf Leute, die keine Unterkunft hatten. Ich fragte bloss, ob sie alle in einem Zimmer schlafen könnten, und brachte sie unter. Ich finde, so ein Verhalten sollte ganz normal sein in unserer Gesellschaft.»
Auf die Frage, was er tun würde, wenn er nochmals von vorn beginnen könnte, zögert Noldi Lüthy einen Moment. «Buchhändler eher nicht mehr. Da hat sich zuviel verändert inzwischen. Koordinator vielleicht . . . oder - aber das ist ein zu grosses Wort -: Friedensstifter, Konfliktentflechter.»