

DADA – eine Miniatur, aus: Das Kalb vor der Gotthardpost (Hanser, 2012)
War das nicht alles bloß Klamauk? Wenn man so hinhört, wie über DADA gesprochen wird, auch von Begeisterten, ist der Unterschied nicht ohne weiteres festzustellen. Lautgedichte und Kostüme aus Glanzpapier und viel Nonsens und Gruppenglück im Protestgehabe, hat sich das nicht in sich selbst erfüllt, damals, und wird fade, wenn man es aufzuwärmen sucht? Gibt es etwa Tristeres als DADA-Zeitungen in Vitrinen, DADA-Manifeste an heutige Wände gepinnt? Jeder hat einmal erlebt, wie er sich in DADA-Ausstellungen anstrengen musste, um weiterhin aufregend zu finden, was er aufregend finden wollte und aufregend finden zu müssen glaubte.
Es ist viel leichter, über DADA grundsätzlich begeistert zu sein, als eine genuine Erfahrung zu machen von dem, was DADA war. Die Türen, die DADA einrannte, stehen seit Jahrzehnten offen, gähnend. Die Kunst, gegen die DADA antrat, hat längst alle Autorität verloren. Auch der Schock des Wilden ist verpufft. Afrikanische Masken dekorieren Kaffeehäuser, liegen haufenweise auf den Flohmärkten. Und was das schrille Spektakel betrifft, so tritt heute jeder lyrische Anfänger schreiend oder flüsternd auf, mit Musik und Gerassel: Performance ist Mainstream.
Dennoch ist DADA ein kulturhistorisches Monument, so einzigartig, schwierig, langweilig, wild und sensationell wie „Faust II“, der „Nachsommer“, „Finnegan’s Wake“ oder der „Mann ohne Eigenschaften“. Aber man muß den Zugang suchen. Sympathie allein tut’s nicht.
Das erste Factum brutum ist der historische Zeitpunkt. In dem einen Jahr, da alles entsteht, was wir DADA nennen, von März 1916 bis März 1917, spielt sich die Hölle von Verdun ab: 700 000 tote Deutsche und Franzosen; findet die Schlacht an der Somme statt: eine Million Leichen; folgen sich in Italien nacheinander vier Schlachten am Isonzo; stirbt der Kaiser Franz Joseph zu Wien; beginnt der deutsche U-Boot-Krieg gegen alle Schiffe aus England, auch die neutralen; bricht die russische Revolution aus; dankt der Zar ab; lösen die USA ihre diplomatischen Beziehungen mit Deutschland auf und erklären diesem kurz darauf den Krieg.
Weltmächte, die sich für unerschütterlich hielten, kollabierten. Mit ihnen stürzten Glaubenswelten ein. Kronen rollten auf dem europäischen Kontinent wie Spielzeug, Blech. Die Völker beteten alle zum gleichen Gott, er möge doch die andern krepieren lassen. Die Priester sangen dazu und segneten Kanonen und Gascontainer. Nichts, was gegolten hatte, galt weiterhin. Was die Maße gesetzt hatte, wurde lächerlich. Das sahen nicht alle. Die aber den Mut dazu hatten, standen vor furchtbaren Fragen: Was bleibt, wenn alle Strukturen bersten? Das Nichts? Gasgestank? Gott?
Dorthin wollte DADA vorstoßen, hinter alles Eingerichtete, ohne zu wissen, ob da Dreck sein würde oder das Absolute. Deshalb musste DADA aufreißen, zerfetzen, mit den bunten Partikeln spielen. Aber nicht um der flüchtigen Formen willen. Diese vergilbten und verwehten. Sondern um des ganz Anderen willen. Vielleicht war es grauenhaft, vielleicht herrlich. Aussprechen konnte man es nicht. Gelegentlich streifte es die Tanzenden.
Auftritt an den Solothurner Literaturtagen 2012
Die Gewinner des OpenNet 2013, des traditionellen Schreibwettbewerbs der Solothurner Literaturtage, sind bekannt.
Die 36. Solothurner Literaturtage finden statt vom
30. Mai – 1. Juni 2014.
Zum Programm der: 35. Solothurner Literaturtage 2013

Hier finden Sie die Literaturtermine 2013.
Das Plakat 2013, gestaltet von Blanc de Titane, Zürich