
leben in Hohenems, Österreich
Rosie aus Williamsburg fährt jeden Mittwoch mit dem Fahrrad über die Williamsburg Bridge auf die andere Seite des East Rivers und besucht ihren Urgrossvater, der einst vor den Nazis fliehen musste. Er erzählt ihr von früher, von seiner Heimatstadt Hohenems in Vorarlberg, von jüdischen Bräuchen und Festen. Und Rosie erzählt ihm von ihren Sorgen um ihre Freundin Billie.
«Dinge leben nicht», sagt Rosie. «Bist du wirklich noch böse auf mich?» «Weiss ich nicht.» «Ach, Rosie, ich bin einer der ältesten Männer von Williamsburg. Erst vor einem Monat hat mich Mr. Howard besucht und mir eine Medaille aus Blech gebracht, die kriegt hier jeder, der über neunzig Jahre alt ist. Und jetzt stell dir vor, Rosie, die Dinge werden oft viel älter. Eine Vase zum Beispiel. Eine Vase ist ein Ding, oder? Da gibst du mir doch recht?» «Ja, eine Vase ist ein Ding, Urgrossvater.» «Und es gibt Vasen, die sind dreitausend Jahre alt. Natürlich muss die ab und zu verschwinden und Urlaub machen. Das verstehst du doch.» «Ja, Urgrossvater, das versteh ich.» «Und da war einmal ein Milchig-Löffel, der lebte in Hohenems. Entschuldige, Dinge leben ja nicht. Aber bei manchen Dingen meint man, sie leben doch. Zum Beispiel bei diesem Hohenemser Milchig-Löffel, von dem ich dir erzählen will.»
(Aus: Rosie und der Urgrossvater. Hanser, 2010)
11.00 – 11.40 und 14.00 – 14.40
Moderation: Franco Supino
für alle ab 10 Jahren
| Autoren als Leser: Michael Köhlmeier | Lesung Michael Köhlmeier | Lesung Monika Helfer |
Plakat 2012, Nora Fluri und Alice Kolb, Bern
Die 34. Literaturtage finden statt vom 18. bis 20. Mai 2012, wie immer am Auffahrts-
wochenende.
OpenNet, der tradi-
tionelle Schreibwettbe-
werb der Solothurner Literaturtage