

Textauszug „Das zweitbeste Glück“ (Nagel & Kimche, 2011)
Lenys erster Stummfilm dauerte eine Viertelstunde. Die übliche Zeit in den an Filmmaterial knappen Jahren. Sie übte nicht. Sie kam mit der Dogge Cäsar ins Studio gerauscht, trat vor die Kamera und legte los. Sie steigerte sich in ihrer Rolle von null auf tausend. Sie war einfach die gewünschte Person.
Die private Vorpremiere von IRIS-Films war im Juni. Neben den Beteiligten waren auch das Territorial- und Platzkommando von Zürich und die Zensur-Kommission eingeladen. Der Armeestab unter General Wille war über den Inhalt verärgert. Doch eine Filmzensur nach deutschem Muster lehnte die Kommission ab, da eine solche nicht mit dem Wesen eines freien Staates vereinbar sei. Bereits lief die Inseratenkampagne für ein pikantes schweizerisches Militär-Lustspiel.
Am 29. August 1917 fand die Premiere in Zürich im grandiosen Lichtspielpalast Orient-Cinema beim Bahnhofplatz statt. Zur Klaviermusik flimmerte Lenys Name über die Leinwand, gefolgt von aufspritzenden Tuschepunkten, zitternden Fadenschnipseln und prasselnden Körnern. Die Zuschauer prusteten los, als Leny im Waffenrock daher tänzelte.
Der Ärger nahm seinen Lauf. General Wille brandmarkte das Lustspiel öffentlich mit gewaltigem Zorn. Die Einschätzung der Armeeführung, dass dieser Film das Ehrenkleid und Kriegshandwerk verhöhne, wurde von der „Neuen Zürcher Zeitung“ unterstützt. Auch Leser verfassten ätzende Kommentare. Es sei niedere Kunst. Wenn daneben noch Kriegsbilder das übrige Programm schmücken, sei das grotesk, um nicht zu sagen primitiv. Einzelne Stimmen wollten den Film verbieten lassen.
Nun stürmte das Publikum das Lichtspielhaus. Jeder wollte mit eigenen Augen die Beleidigung der unantastbaren Uniform sehe, und wie man sich lustig macht über General Willes preußischen Drill und seine geschnauzten Befehle. Die Zuschauer lehnten in den Klappsitzen und klopften sich auf die Schenkel. Endlich konnte jeder über dieses militärische Gehabe Tränen lachen. Man musste sich vor Uniformen und Stiefeln im Marschschritt nicht mehr fürchten. Und dies für den Preis von einem Kino-Eintritt ab fünfzig Cents an Werktagen.
Jede Vorführung war ausverkauft.
Der Film erlebte einen Triumph, der alle Beteiligten erstaunte, vor allem Regisseur Decroix. Der Zürcher IRIS-Direktor Joseph Lang bezeichnete den Streifen als einen seiner wichtigsten Filme in den Kriegsjahren. Die Spielzeit musste verlängert werden und er wurde zum erfolgreichsten Film des Jahres 1917. LENY BIDER - der neue Name leuchtete von der Fassade des Lichtspielpalasts und den Litfaßsäulen.
Mein Sohn kaufte alle Zeitschriften, hörte sich um, schnitt Kritiken aus und klebte alles zu einem Kommentar zusammen. Den betete er mir beim Kochen, Putzen und Haarewaschen von seiner Zimmerwand herunter. „Die Hauptdarstellerin spielt mit Temperament. Sie hat Augen wie Flammen oder Melancholie und eine bewegliche zarte Gestalt. Sie kann das Publikum zum Lachen bringen. Vor allem öffnet sie einen Einblick in die komplizierte kindliche Psyche einer Frau. Doch die Bider hat zu viel Biss, um eine Treuherzige zu spielen. Ihr Lachen ist zu intelligent und ihr Geist zu vielfältig, um nur eine Figur in einer Humoreske von Charles Decroix zu sein. Leny Bider ist göttlich. Man müsste sie unserem Land erhalten können.“
Lesung
Die Gewinner des OpenNet 2013, des traditionellen Schreibwettbewerbs der Solothurner Literaturtage, sind bekannt.
Die 36. Solothurner Literaturtage finden statt vom
30. Mai – 1. Juni 2014.
Zum Programm der: 35. Solothurner Literaturtage 2013

Hier finden Sie die Literaturtermine 2013.
Das Plakat 2013, gestaltet von Blanc de Titane, Zürich