

Vergiss Venedig. Roman (Die Lunte, 2012)
André rieb sich den Schlaf und den Grappa aus den Augen und wartete. Dies hatte er von seinem Miteinsteiger gelernt: "Lass den anderen kommen". "Nie durch eine Frage verraten, was du bereits weißt". Mit einer Reihe solch banaler Devisen hatte es Joey immerhin zum dritten Mann des Senders gebracht.
Jetzt rief er seinen einstigen Kurspartner und nun weit Untergebenen morgens um sieben in Venedig an. André schwieg beharrlich.
"Andy, ich habe gehört, dass du da eine Frau kennen gelernt hast, die top news ist."
"Von wem?"
"Wir Journalisten verraten unsere Quellen nie, gell?" Der Abteilungsleiter Joey war nie Journalist gewesen, hatte im Ausbildungskurs kaum einen korrekten Akkusativ hingekriegt.
"Okay, was kann ich für dich tun?" André bemühte sich, nicht zu unwirsch zu klingen.
"Für mich? Nein, für dich kannst du was tun, für deine Zukunft."
"Das heißt, du willst ihre Telefonnummer?", flachste André.
"Immer der alte Scherzkeks. Doch Spaß beiseite; du weißt, wie ich mich dafür gewehrt habe, dass deine Sendung nicht in den Spätabend rutscht - und die Gefahr ist noch nicht gebannt."
Einen Dreck hatte sich Joey für das Filmmagazin eingesetzt, vielmehr hatte er mit immer neuen Forderungen nach Publikumsnähe, Sensationsjournalismus und Entgegenkommen gegenüber den Anliegen der Film-Verleiher die Redaktion unter Druck gesetzt, den Christine natürlich sogleich an ihre Mitarbeiter weitergab. Aber anscheinend sah sich Joey als Retter des Kulturauftrags. Vorgesetzten soll man nicht widersprechen. Schon gar nicht, wenn sie sich als Missionare fühlen.
Nein, das würde er nicht mehr tun, dessen war sich André sogar zu dieser frühen Morgenstunde und im Grappa-Nebel bewusst: Nicht mehr stänkern, nie mehr motzen! Wenn du nicht die Mittel und die Macht hast, etwas zu ändern, dann schweig! Joey sah André noch immer gern als den Don Quichotte, den er in seiner Nicht-Karriere lange genug verkörpert hatte. Aber das war vorbei. André hatte gelernt, auf sein loses Maul zu hocken.
Die Zeiten waren Rufern in der Wüste und Propheten im Vaterland nicht mehr hold, waren es wohl nie gewesen. Obenaus schwangen immer die Anpasser, Windbeutel und Wendehälse – Leute wie Joey eben. Zu lange und zu oft hatte sich André mit seiner Aufmüpfigkeit unbeliebt gemacht. Das geht nicht, wenn du drei, bald vier Mäuler zu stopfen hast – da hältst du besser den Schnabel.
"Du weißt, ich habe dich bisher vorbehaltlos unterstützt", spulte Joey seine Nummer ab, "und das war, weiß Gott, nicht immer ein einfaches Geschäft – dein Talent, dich in die Nesseln zu setzen, ist im Haus ja weitherum bekannt. Ich habe dir durchwegs die Stange gehalten, gell? Damals beim Krach mit der Sendeleitung? Und als dein Beitrag im Schneideraum verloren ging?"
"Joey, ich höre. Um neun beginnt der erste Film."
"Vergiss die Scheißfilme, Mann, bring mir diese Benning, mach endlich eine Sendung, die knallt, verstehst du – brauchst du ein neues Team?"
"Wozu?"
"Für die Benning natürlich, bist du denn blöd? Wenn du sie schon fickst, kannst du ihr wohl die Fragen stellen, die Millionen Zuschauer hören wollen – mit der Antwort, klar?"
"Du siehst das falsch, Joey; Barbara und ich, wir –"
Joey unterbrach ihn hart: "André, ich verlass' mich auf dich. Du hast freie Hand, Spesen spielen keine Rolle, verstanden? Ich will keine Filmanalysen, ich will facts. People and events. Bring mir die news, die kein anderer Sender hat: Ist sie süchtig, hast du sie schnupfen sehen, macht sie blow-jobs? Eine Antwort vor der Kamera, und du bist nächstes Jahr als Redaktionsleiter in Venedig. Hast du mich begriffen?"
André vermochte nicht gleich zu antworten.
Redaktionsleiter!
Zur Lesung
Die Gewinner des OpenNet 2013, des traditionellen Schreibwettbewerbs der Solothurner Literaturtage, sind bekannt.
Die 36. Solothurner Literaturtage finden statt vom
30. Mai – 1. Juni 2014.
Zum Programm der: 35. Solothurner Literaturtage 2013

Hier finden Sie die Literaturtermine 2013.
Das Plakat 2013, gestaltet von Blanc de Titane, Zürich