Maja Peter

Maja Peter. Foto: Patrik Marcet

Auszug aus  dem Kapitel „Vorgesetzt“ aus  dem Roman „Eine Andere“
Limmat Verlag 2011

Sie marschiert in ihr Arbeitszimmer, nimmt den Badge
aus dem Portemonnaie und geht durch die Sicherheitstür
hinaus. Die Toilette ist leer. An allen drei Kabinentüren
prangt ein A4-Blatt mit dem Satz: «Ein Blick
zurück ein Griff zum Besen niemand soll Deine Spuren
lesen.» Sie widersteht dem Reflex, die Kommas mit einem
Kugelschreiber einzusetzen. Peinlich, so etwas auf
dem Klo einer Werbeabteilung. Sie wird den Leuten an
der nächsten Plenumssitzung ins Gewissen reden.
Zurück in ihrem Büro, durchkämmt sie den Stoß
Akten auf ihrem Pult nach den Verkaufszahlen. Der
Neue bestehe auf leere Tische, hat ihr der Ex-Chef gesagt.
Ehrgeizig sei er, gut vernetzt in Werbekreisen und
jovial. Der Ex-Chef kennt ihn von der Weiterbildung zu
«Leadership – Meinen Bereich führen: Hochleistung
und Organizational Fitness». Sie sucht weiter. In einer
Woche beginnt der Neue offiziell. Was er wohl über sie
gehört hat? Beim Ex-Chef wusste sie, dass er sich hinter
sie stellt. Sie kennen sich seit der Studienzeit. Er weiß
zwar um ihre Schwachpunkte. Aber sie auch um seine.
Die Stimme der Sekretärin dringt durch die hellgrüne
Wand. Eine gute Wahl, diese Farbe. Motivierend, wie
die Farbberaterin vorausgesagt hat. Endlich hält sie das
Sichtmäppchen mit den Verkaufszahlen in den Fingern.
Sie setzt sich in den Lederstuhl und atmet den Geruch
von Zitronenöl ein, den die Duftstäbchen auf dem Pult
verströmen. Sie schaut hinaus. Wie gut das tut. Den
Blick schweifen lassen. Ein treffender Ausdruck. Sie lässt
die Augen auf dem Kamin der Industrieanlage ruhen.
Der Rauch, der bei Sonnenschein nervöse Schatten in
ihr Büro wirft, versiegt nie. Etwas Grün vor dem Fenster
wäre schöner. Sie streckt sich und gähnt.
Könnte sie doch schlafen. Und ihre Füße, die vor
Hitze aufgequollen sind, in einen Eimer kaltes Wasser
tauchen. Unten im Hof drücken Helga und Stefan die
Zigaretten aus. Sie scheinen sich wie immer bestens zu
unterhalten. Was die wohl die ganze Zeit zu besprechen
haben? Sie pickt eine Baumnuss aus der getöpferten
Schale auf dem Besprechungstisch und kaut. Eine zweite,
dritte. Energie pur. Nebenan rattert die Kaffeemaschine
zum vierten Mal in Folge. Sie wird mit der Sekretärin
besprechen, wohin die Maschine verschoben werden
kann. Sie hält diesen Krach nicht aus.
Sie muss wieder. Vor dem Sekretariat überholt sie den
neuen Grafiker, der mit beiden Händen drei Becher mit
Kaffee trägt, und seine Kollegin mit einem Kaffee in der
Rechten und vier Rähmchen in der Linken. Der Grafiker
gefällt ihr. Sein wacher Blick ist ihr schon im Bewerbungs-
gespräch aufgefallen. Die beiden entgegnen ihren Gruß
höflich. Sie dachte, sie klinge fröhlich, kollegial.
Als sie sich dem Großraumbüro nähert, lacht Prisca
laut und Esther grinst. Dreht man ihnen einen Moment
den Rücken zu, lästern sie. Sie setzt sich ins Blickfeld der
beiden und gibt ihr Passwort ein. Sie hätte früher zuhören
müssen, dann könnte sie die beiden zur Rede stellen.
Sie blättert in den Verkaufszahlen, beginnt mit der Antwort
an den Neuen. Was der alles wissen will. Der interessiert
sich für Kennzahlen, die sie noch nie berechnet
hat. Sie unterdrückt ein Gähnen. Hoffentlich nützen die
Baldriantabletten, die ihr die Sekretärin am Morgen
wortlos zugesteckt hat, etwas. Ob die anderen ihr auch
ansehen, dass sie schlecht schläft? Wenn ihr Gesicht sie
nur nicht immer verraten würde.

Lesung