27. Solothurner Literaturtage 6. – 8. Mai 2005

Lügen die Dichter oder sagen sie in einer verlogenen Welt als einzige noch die Wahrheit? Lukas Hartmann erzählt von einer alten Frau, die in den Hirngespinsten von ein paar Dorfjungen zu einem Überlebenden namens Adolf Hitler wird. György Dalos denunziert auf abgründige Weise die neu entstandenen Seilschaften nach dem Untergang des ungarischen Gulaschkommunismus, in dem Labyrinth, in das Terezia Mora einen Mann namens Abel Nema hineingeraten lässt, ist auf überhaupt nichts mehr Verlass,  Enrique Vila-Matas jongliert so virtuos zwischen Fiktion und Realität, dass man bald nicht mehr weiss, wo einem der Kopf steht, Michel Tournier hat die korrupte Zivilisation schon vor Jahrzehnten der elementaren Einfachheit der „Wilden“ gegenübergestellt.

Kurz und gut:  „Lüge und Verrat“ ist das Thema der 27.Solothurner Literaturtage. Nicht im Sinne einer wissenschaftlichen These, sondern als ein Zauberschlüssel, der die Literatur  in einen etwas anderen Blickwinkel stellt und so miteinander in Beziehung setzt, was auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hat. Die pfiffigen Autorenporträts von Isolde Schaad und das Schlampenyoga von Milena Moser, die akribische literarische Detektivarbeit von Norbert Gstrein und die nur scheinbar harmlosen Wanderungen von Franz Hohler, die Managerpersiflage der Kathrin Röggla und die zersplitterten Träume der Malika Mokkedem.

Die Literaturtage 2005 versammeln nicht nur wichtige Stimmen von Südamerika bis Norwegen und von Guadeloupe bis Algerien in der Aarestadt. Sie zeichnen sich auch durch eine Vielfalt der Formen und literarischen Möglichkeiten vom Roman über die Lyrik bis zum Theater aus. Und sie geben nicht einfach prominenten Autoren das Mikrophon für die Präsentation ihrer neuesten Texte in die Hand, sondern fragen auch immer wieder nach den Hintergründen und Bedingungen von Literatur. Mit je einer Table ronde zu unserem zentralen Thema, „Lüge und Verrat“, in der westeuropäischen Literatur ganz allgemein und in der dafür besonders hellhörigen Literatur Spaniens und Lateinamerikas im speziellen, mit einer Diskussionsrunde zum Thema Schreiben im Exil, mit Gesprächen über die  unterschiedliche Befindlichkeit beim Schreiben für Erwachsene und für Kinder. In weiteren Gesprächen äussern sich Tankred Dorst, Kathrin Röggla und Stefan Kaegi zu ihrer mit szenischen Lesungen und einer Doku-Präsentation vorgestellten Theaterarbeit. Auf ganz besondere Weise wird dieses Jahr auch auf die Lyrik aus dem italienischen und rätoromanischen Teil der Schweiz aufmerksam gemacht: mit einer Hommage an drei jung verstorbene Rätoromanen und mit der Präsentation von jüngerer italienischschsprachiger Schweizer Lyrik. 

Einige unserer Gäste – insbesondere diejenigen aus Lateinamerika und Spanien – treten auch an der „BuchBasel“ auf. Im Rahmen eines Literaturfests, das wir nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung für Solothurn empfinden. Der Shuttle-Bus, der Basel und Solothurn verbindet, symbolisiert diese Zusammenarbeit im Interesse der Literatur und unseres Publikums, das die zusätzlichen Möglichkeiten als  Bonus für seine langjährige Treue entgegennehmen möge.

Für die Programmkommission: Charles Linsmayer

PK 2005:
Jacqueline Aerne, Wolfgang Bortlik, Aline Delacrétaz, Roland Erne, Sabine Graf, Deta Hadorn-Planta, Christoph Kuhn, Charles Linsmayer, Christine Lötscher,

Aus dem „Boom“ ist nachhaltige Qualität geworden
Von Christoph Kuhn
Es ist noch nicht allzulange her – in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts – da erfreute sich die in Spanisch geschriebene Literatur auch im deutschen Sprachgebiet allergrösster Beliebtheit. Die Autoren Mexikos, Kubas, Kolumbiens, Perus, Argentiniens, Chiles, Paraguays, Uruguays und ihre iberischen Kollegen waren in aller Munde und die meist hervorragenden deutschen Uebersetzungen ihrer Werke erreichten Auflagezahlen, die die Verleger träumen liessen. Exotik, tropischer Sensualismus verband sich mit modernen Erzähltechniken; Abenteuer, kühne Handlungen, politische Brisanz reizten die Leserschaft. Schnell waren die pauschalen Formeln da, um den hispanischen „Boom“, wie man es nannte, gehörig einzugemeinden und zu schubladisieren: der magische Realismus musste es sein, von dem sich Gabriel García Márquez, dem er angedichtet wird, seit Jahren distanziert oder der fantastische Realismus, wie ihn die Klassifizierer bei Jorge Luis Borges und seinen Epigonen als stilbildend bezeichneten.

Und heute? Heute haben die weltberühmt gewordenen und noch lebenden Autoren des lateinamerikanischen „Boom“ – Carlos Fuentes, Mario Vargas Llosa, Augusto Roa Bastos, Gabriel García Márquez – eine imposante Anzahl von Kollegen und Nachfahren gefunden: Erzähltalente sondergleichen, brillante Stilisten, Traumtänzer auf allen Feldern der Literatur, der epischen so gut wie der lyrischen oder essayistischen. Und in Spanien ist eine neue Generation von Autoren nachgewachsen, die das traumatische Thema des Bürgerkriegs in neuer, souveräner Art behandeln oder ganz vermeiden. Vom sogenannten magischen Realismus wollen sie alle nichts wissen. Engstirnige politische Korrektheit, Exotik und Tropikalismus um ihrer selbst willen lehnen sie ab.

Indessen: dass die Welt ein grosses Dorf geworden ist, würde man nicht sagen, wenn man ihre Bücher liest. Regionale Besonderheiten (gerade auch in Spanien), Lokalkolorit, koloniale und vorkoloniale Tradition, europäische Stammbäume und US-amerikanische Wahlverwandschaften oder produktive Gegnerschaften lassen aus diesen Literaturen – denn es sind ja viele mit national bedingten Eigenheiten, was bereits im jeweiligen Idiom, dem je nach Land verschiedenen Vokabular des Spanischen anfangen kann – Stimmen erklingen, die unverwechselbar sind im Gesamten der gegenwärtigen Weltliteratur.

Im Bewusstsein Europas ist Lateinamerika, das in den Sechziger- und Siebzigerjahren auch politisch und wirtschaftlich grösstes Interesse fand, in Vergessenheit geraten. Die Medien berichten eher selten über Vorgänge auf dem Halbkontinent und die Literatur hat diesen Abschwung, was ihre Rezeption im deutschen Sprachgebiet angeht, zu spüren bekommen. Dabei hat sich das, was man seinerzeit den „Boom“ nannte, keineswegs verflacht. Im Gegenteil. Aus dem, was in den Sechziger- und Siebzigerjahren bei uns entdeckt wurde, ist nachhaltige Qualität geworden. Und die jüngeren spanischen Autoren werden aufmerksam registriert, in viele Sprachen übersetzt und erfreuen sich heute ähnlicher Wertschätzung wie seinerzeit ihre Kollegen des lateinamerikanischen „Boom“. Erfreulicherweise versuchen inzwischen auch kleinere Verlage im deutschen Sprachgebiet ihre Leser für die hispanische Literatur zu sensibilisieren – und es sind oft diese risikofreudigen Vermittler, bei denen man Entdeckungen machen kann. Rotpunkt Verlag, Edition 8, Unionsverlag, der in Solothurn neu gegründete Lateinamerikaverlag, führen in ihren aktuellen Programmen eine ganze Reihe weniger bekannter Autoren aus Südamerika, deren Prosa einen hohen Standard bezeugt.

Es freut uns, dass es gelungen ist, dieses Jahr für die Solothurner Literaturtage und das Literaturfestival Basel eine kleine Gruppe lateinamerikanischer und spanischer Autoren einzuladen. Es handelt sich um herausragende Figuren der entsprechenden Literaturszenen, um ältere und jüngere Schriftsteller, die mit ihrem gesamten bisherigen Werk oder mit einem Roman Furore gemacht haben.

Der in Paris lebende Argentinier Juan José Saer gehört mit seinen Romanen, Erzählungen, Essays seit langem zu den bedeutendsten Autoren spanischer Sprache, ist vielfach übersetzt worden und seltsamerweise bei uns ein nahezu Unbekannter geblieben. Das müsste sich nach dem Erscheinen von „Ermittlungen“ ändern! Sein in New Jersey wohnhafter Landsmann Tomás Eloy Martínez, seit dem Roman „Santa Evita“ auch im deutschen Sprachgebiet ein klangvoller Name, brilliert gegenwärtig mit einem listigen neuen Text, „Der Tangosänger“. Der vergangenes Jahr erschienene Roman „Kleine Infamien“ der Uruguayerin Carmen Posadas, ein höchsten (kulinarischen) Ansprüchen genügender Krimi, hat seine Verfasserin schlagartig bekannt gemacht.

Enrique Vila-Matas aus Barcelona zählt seit längerem zu den angesehensten Vertretern der spanischsprachigen Literatur. Sein jüngstes Werk, „Paris hat kein Ende“, ein mystifiziertes autobiografisches Stück, das Mitte der Siebzigerjahre spielt, führt uns in ein Paris, wie wir es so noch nie geschildert bekommen haben – und das will, angesichts der unermesslichen Fülle ähnlicher Erinnerungen an die Metropole, etwas heissen. Carlos Ruiz Zafón schliesslich, auch er aus Barcelona stammend, hat mit seinem vor zwei Jahren erschienenen Roman „Der Schatten des Windes“ einen literarisch hochkarätigen Bestseller geschrieben, einen fantastischen Roman, an dem ein Borges seine Freude gehabt hätte.

Lesungen

16 Einzellesungen (ca 30 Minuten, anschliessend Diskussion mit dem Publikum):
Michael Angele, Peter Bichsel, Urs Faes, Jürg Halter, Lukas Hartmann, Franz Hohler, Felix Philipp Ingold, Pedro Lenz, Milena Moser, Andreas Münzner, Christine Pfammatter, Isolde Schaad, Walter Schenker, Gerold Späth, Alain Claude Sulzer, Ulrike Ulrich

5 Lectures:
Francine Clavien, Bernard Comment, Anne Cuneo, Agota Kristof, Eric Sandmeier

1 Lesung italienisch-deutsch: Anna Ruchat

20 Einzellesungen ausländischer GastautorInnen:
Georges-Arthur Goldschmidt (F), Lars Saabye Christensen (S), György Dalos (Ungarn), Tankred Dorst (D), Thomás Eloy Martínez (Argentinien), Norbert Gstrein (A), Frank Heer (D), Michael Lentz (D), Thomas Meinecke (D), Daniel Maximin (Guadeloupe), Jean-Euphèle Milcé (Haiti), Malika Mokeddem (Algerien), Terézia Mora (Ungarn/D), Carmen Posadas (Uruguay), Kathrin Röggla (D), Juan José Saer (Argentinien), Lutz Seiler (D), Michel Tournier (F), Enrique Vila-Matas (E), Carlos Ruis Zafón (E)


Die weiteren Veranstaltungen

  • 4 tables rondes
    • Lüge & Verrat mit Thomás Eloy Martínez, Carmen Posadas, Juan José Saer, Carlos Ruis Zafón, Christoph Kuhn und Michi Strausfeld
    • Erinnerung & Lüge mit Corina Caduff, Georges-Arthur Goldschmidt, Norbert Gstrein. Moderation: Christine Lötscher
    • Ecrire en exil avec Daniel Maximin, Jean-Euphèle Milcé, Malika Mokeddem. Moderation: Isabelle Rüf
    • Schreiben für Gross & Klein mit Johansen, Hartmann und Lukas Hartmann
  • Weggehen um dazubleiben. Hommage à Luisa Famos, Flurin Spescha und Clo Duri Bezzola. Mit Dumenic Andry, Iso Camartin, Mevina Puorger. Lieder vertont und gesungen von Corin Curschellas, am Flügel begleitet von Vera Kappeler
  • Kultur & Politik. Podiumsgespräch mit Guy Krneta, Isolde Schaad, Roy Schedler, Andreas Thiel, Martin Wyss
  • Übersetzungsatelier: Noëlle Revaz und Andreas Münzner
  • Kinder- und Jugendliteratur: 5 Lesungen mit Martin von Aesch, Christoph Badertscher, Lukas Hartmann, Hanna Johansen, Pedro Lenz, Schreibatelier mit Milena Moser, im Alten Spital
  • Literatur im Grenzraum mit Stefano Raimondi, Pierre Lepori, Dubravko Pusek, Fabio Posterla, Antonio Rossi und den Übersetzern Orlando Budelacci und Thierry Greub
  • Plattenspieler. Lesung mit Frank Witzel und Thomas Meinecke
  • Literatur auf der Bühne. Mit Tankred Dorst, Kathrin Röggla, Stefan Kaegi

  • Heidi Widmers Nachtbücher. Ausstellung in der Freitagsgalerie
  • Lesung der OpenNet-GewinnerInnen


Ausser Haus

  • Lesung: Klaus Merz in der Ausstellung “Geblendet“ von Uwe Wittwer im Kunstmuseum
  • Willkommen im Mittelland. Ein Theaterabend mit Texten von Ernst Burren, arrangiert von Walter Küng
  • Führungen durch das Kabinett für sentimentale Trivialliteratur
  • GägäWärt. Mundartnacht in der Kulturfabrik Kofmehl


Programmkommission
Jacqueline Aerne, Wolfgang Bortlik, Aline Delacrétaz, Roland Erne, Sabine Graf, Deta Hadorn-Planta, Christoph Kuhn, Charles Linsmayer, Christine Lötscher