26. Solothurner Literaturtage 21. - 23. Mai 2004

Nach Solothurn kommen die Autorinnen und Autoren, weil sie es schätzen, ihre jüngsten Texte einem interessierten und sichtbaren Publikum direkt vermitteln zu können. Und genau aus diesem Grund kommt auch die grosse Mehrheit des Publikums nach Solothurn. Weil es bekannte und unbekannte Autorinnen und Autoren sehen, hören will, bevor es sie liest oder nachdem es sie gelesen hat. Eine einfache Formel. Nichts steht dafür, sie im Grundsatz zu ändern, wenn man die ungebrochen vorhandene Bereitschaft der Autoren bedenkt, die hier lesen möchten, und die grosse Zahl der LiteraturliebhaberInnen wahrnimmt, die kommen, um ihnen zuzuhören. Lesungen werden im Zentrum auch der diesjährigen Literaturtage stehen. Aus der Schweiz lagen uns zahlreiche neue Texte bestandener Autoren und Autorinnen vor – die Auswahl fiel uns nicht immer leicht. Froh sind wir natürlich, dass wir auch Newcomer gefunden haben, deren Texte uns überzeugen.

Nichts wäre illusionistischer und langweiliger für die Literatur eines Landes, die in grenzüberschreitenden Sprachen geschrieben ist, als ein Schmoren im eigenen Saft. Der Vergleich mit dem Ausland kann die Schweizer Literatur nur inspirieren und stimulieren. So haben wir eine ganze Reihe ausländischer Schriftsteller gebeten, bei uns zu lesen – sie kommen dieses Mal aus Deutschland, Oesterreich, Frankreich, Belgien, Algerien. Zwei überlebensgrosse Figuren der zeitgenössischen Literatur seien stellvertretend genannt, über deren Zusagen wir uns ganz besonders gefreut haben: Hans Magnus Enzensberger und Alain Robbe-Grillet.

Auch dieses Jahr wird es eine Anzahl Veranstaltungen geben, die den Rahmen der klassischen Lesungen sprengen und es dem Publikum ermöglichen, andere Zugänge zum Text zu finden, oder die den Literaturbegriff thematisch erweitern. Uta Titz, zum Beispiel, wird die Strassenmusik, das Thema ihres Romans, mit nach Solothurn bringen. Und wer hat bis vor kurzem gewusst, dass Hugo Loetscher Gedichte schreibt und dass er sich beim Vortrag von einer Pianistin begleiten lässt? Von der hochbegabten, vor anderthalb Jahren verstorbenen deutschen Autorin Undine Gruenter ist kürzlich der letzte Roman im Nachlass erschienen. Ihr ist eine Hommage im Stadttheater Solothurn gewidmet. Arthur Honegger, mit seinen sozialkritischen Romanen ein Schweizer Erfolgsautor der Siebzigerjahre, ist 80 Jahre alt. Anlass, um im Rahmen der Literaturtage ein Gespräch mit ihm zu führen. Eine andere Geprächsrunde, bestehend aus Hans Magnus Enzenberger, Christoph Hein, Dieter Bachmann und Jacques Pilet, wird versuchen, anhand eines erst in letzter Minute zu definierenden aktuellen Themas zu demonstrieren, was das sein kann: Essayismus (die Gedanken bilden sich beim Reden, hat Heinrich von Kleist in einem Essay behauptet). Wie ist das für einen Schreiber, wenn er in zwei Sprachen lebt? Sprachen Hin-und-Her? Betroffene wollen sich über das Problem unterhalten.

Und wem das alles zu wenig ist oder zuviel, wer ganz was anderes sucht, ihnen sei die Filmabteilung empfohlen, die wir dem Literaturteil zugeordnet haben. Ein Teil der anwesenden Schreiber hat sich im Filmgenre versucht, die Resultate können besichtigt werden.

Für die Programmkommission: Christoph Kuhn

PK 2004:
Walter Breitenmoser, Ivan Farron, Sabine Graf, Deta Hadorn, Christoph Kuhn, Charles Linsmayer, Bettina A. Spoerri, Liliane Studer.

 

Lesungen

16 Einzellesungen (ca 30 Minuten, anschliessend Diskussion mit dem Publikum):
Dieter Bachmann, Irena Brežná, Yla von Dach, Erika Engeler, Zsuzsanna Gahse, Michael Guggenheimer, Eveline Hasler, Arthur Honegger, Gertrud Leutenegger, Hugo Loetscher, Christoph Keller, Stefan Keller, Erwin Koch, Ursula Fricker, Anita Siegfried, Franco Supino

5 Lectures:
Etienne Barilier, Jean Buhler, Eugène, Antonin Moeri, Daniel de Roulet

1 Lesung rätoromanisch-deutsch: Therese Rüthers-Seeli

3 Lesung italienisch-deutsch:
Vincenzo Todisco, Fabio Pusterla, Maria Rosaria Valenti

12 Lesungen ausländischer GastautorInnen:
Jakob Arjouni (D), Mustapha Benfodil (Algerien), Hans Magnus Enzensberger (D), Wolf Haas (A), Christoph Hein (D), Bodo Kirchhoff (D), Alain Robbe-Grillet (F), Jean-Philippe Toussaint (Belgien), Uta Titz (D), Dubravka Ugrešić (Kroatien)* (erkrankt, an ihrer Stelle las Ada Mandič), Anne Weber (D/F), Feridun Zaimoglu (Türkei/D)


Die weiteren Veranstaltungen

  • 6 tables rondes
    • Essay und Essayismus mit Dieter Bachmann, Hans Magnus Enzensberger, Christoph Hein, Jacques Pilet und Christoph Kuhn
    • L’écrit et l’image avec Alain Robbe-Grillet, Jean-Philippe Toussaint et Ivan Farron
    • En deux langues avec Mustapha Benfodil, Daniel de Roulet, Anne Weber
    • Für ein CH-Literaturinstitut mit Silvio Huonder, Ursula Krechel, Guy Krneta, Verena Stössinger
    • Was ist ein Nachlass wert? Mit Michel Contat, Eveline Hasler, Charles Lindsmayer, Thomas Feitknecht
    • Klassiker bearbeiten für Kinder. Mit Barbara Kindermann, Jürg Schubiger, Hans ten Doornkaat
  • Übersetzungsatelier mit Giovanni Orelli und Christoph Ferber

  • Lyrikmatinée mit Massimo Daviddi, Jürg Halter, Davide Monopoli, Caroline Schumacher
  • Kinder- und Jugendliteratur: 6 Lesungen im Stadttheater mit Gabrielle Alioth, Max Huwyler, Barbara Kindermann, Jürg Schubiger, Anita Siegfried, Bettina Wegenast
  • Hommage an Undine Gruenter mit Julia Glaus und Sabine Graf
  • 4 Filme im Uferbau: L’année dernière à Marienbad (1961), La belle captive (1983) de Alain Robbe-Grillet, Berlin 10h46’ (1994), La Patinoire (1999) de Jean-Philippe Toussaint
  • Literatur querbeet auf dem Friedhofplatz: 70 Kurzlesungen und zwei Buchpräsentationen
  • Buchpräsentation: Gotthelf lesen
  • Ausstellung in der Galerie ArteSol: Bodoni Poesie Blätter; auf dem Friedhofplatz: www.lyrikplakate.ch
  • Kurzlesungen der OpenNet-GewinnerInnen
  • Bücherstand vor dem Landhaus


Ausser Haus

  • Installation im Jura-Saal: 5000 Liebesbriefe von Mats Staub und Barbara Pulli
  • „Sommers oder so“, szenisch-choreografisches Kammerspiel von Nelly Büttikofer mit Texten von Gerhard Meier im Stadttheater
  • “Soll sich der Mond nicht heller scheinen”. Lieder von Brahms, Granados, Berio und Gershwin 

  • “Vom Fallen und Fliegen”. Uraufführung des Stücks von Renata Burckhardt
im Stadttheater
  • Führungen durch das Kabinett für sentimentale Trivialliteratur
  • GägäWärt. Mundartnacht in der Kulturfabrik Kofmehl


Programmkommission
Walter Breitenmoser, Ivan Farron, Sabine Graf, Deta Hadorn-Planta, Christoph Kuhn, Charles Linsmayer, Bettina Spoerri, Liliane Studer