

Zählen, erzählen – compter, raconter – contare, racontare.
Die Wissenschaftler sind misstrauisch – mit guten Gründen: Sie haben festgestellt, dass die Forschungen, die mit Elektronenmikroskop, Compteranimation oder DANN-Analyse gemacht werden, für Schriftsteller von heute kaum noch von Interesse sind. Die Dichter, so konstatieren die Wissenschafter, sprechen bestenfalls noch von den Wissenschaften, mit denen sie in der Schule flüchtige Bekannschaft geschlossen haben, und es käme ihnen nicht in den Sinn, hin und wieder eine Fachzeitschrift zu öffnen, in der die Welt mit mathematischen Formeln erklärt wird. Und falls in der Literatur Wissenschaftler als Personen auftauchen, so wird von ihren Herzensangelegenheiten, ihren moralischen Skrupeln oder ihren Machtkämpfen erzählt. Was dagegen die Wissenschaft von heute umtreibt, dringt zu den Schriftstellern nur in vulgarisierter Form: als Gerücht oder Anekdote.
Aber auch die Schriftsteller sind misstrauisch, aus ebenso guten Gründen: Sie stellen fest, dass die Naturwissenschaftler die Literatur von heute gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen, ihren letzten Roman mit 18 gelesen haben und glauben, die Bücher zu kennen, wenn sie das Porträt des Autors in ihrer Tageszeitung überflogen haben. Ansonsten, so sehen es die Schriftsteller, haben die Wissenschaftler alle Hände voll damit zu tun, die Folgen ihrer eigenen Arbeit in den Griff zu kriegen. Mit dem Wissen, das sie zur Anwendung frei gaben, haben sie schliesslich die Meere in Kloaken verwandelt, die Böden vergiftet, den Himmel durchlöchert und in unsere Teller gespuckt. Sie waren angetreten, die Welt zu erklären und die Wunder der Natur zu ergründen, aber sie haben sie mit ihren beschränkten Ideen nur ausgebeutet.
So sind heute die Schriftsteller fest davon überzeugt, dass die Wisssenschaftler nicht mehr von der Welt erzählen können, sie können sie nur noch buchhalterisch zählen.
Das war nicht immer so. Zur Zeit der Enzyklopädisten arbeiteten Wissenschaftler und Literaten an ein und demselben Projekt: der Produktion eines umfassenden Wissens, einer unteilbaren Kultur. Diese Erbschaft trug auch im folgenden Jahrhundert Früchte: Goethe und seine Farbenlehre, Flaubert und seine Chirurgie, Manzoni und seine wissenschaftliche Erforschung der Sitten. Das erschien als Königsweg: zählen und erzählen waren komplementär, sie ergänzten sich gegenseitig.
Tempi passati? Jede dieser beiden Kulturen, die wissenschaftliche wie die literarische, bestellt nur das eigene Feld, eingesperrt ins Gefängnis der je eigenen Methode und Weltsicht. Jede dieser beiden Kulturen fühlt sich autonom und ignoriert die andere souverän. Von Zeit zu Zeit betätigt sich eine verirrte Seele als Überläufer oder Grenzgänger. Ein Wissenschaftler gibt bekannt, dass er mit seinen Forschungen in einer Sackgasse gelandet sei und ab sofort nur noch Gedichte publiziere (in der Regel schlechte). Oder ein Schriftsteller verkündet, er schildere in seinem nächsten Roman die Welt der Wissenschaft (in der Regel als Klischee). Die Grenzgänger rücken die Distanz zwischen den beiden Welten nur schmerzlich ins Bewusstsein. Für eine Versöhnung ist es zu früh. Trotzdem sollten wir sie im Blick behalten. Es ist Zeit, von den Grenzkonflikten zwischen Wissenschaft und Literatur zu sprechen.
Das Motto „Zählen, erzählen – compter, raconter – contare, racontare“ versucht Grenzen zu öffnen. Neben der traditionellen Werkschau der Schweizer Literatur treten dieses Jahr in Solothurn zahlreiche Schriftsteller und Schriftstellerinnen auf, die die Grenzkonflikte zwischen Zählen und Erzählen, Wissenschaft und Literatur verkörpern und in ihren Werken gestalten.
Daniel de Roulet, für die Programmkommission
PK 2000:
Donata Berra, Jean-Bernard Billeter, Sibylle Birrer, Bernadette Conrad, Daniel de Roulet, Beat Mazenauer, Felix Schneider
Lesungen
16 Einzellesungen (ca 30 Minuten, anschliessend Diskussion mit dem Publikum):
Lukas Bärfuss, Christina Buchmüller, Eva Burkard, Catalin Dorian Florescu, Ingrid Fichtner, Sam Jaun, Mariella Mehr, Pascal Mercier, Rolf Niederhauser, PM, Henrik Rhyn, Brigitte Schär, Jörg Steiner, Raphael Urweider, Peter K. Wehrli, Emil Zopfi
6 Lectures:
Sylviane Dupuis, Asa Lanova, Janine Massard, Jérôme Meizoz, Guy Poitry, Pierre Voélin
3 Lesungen italienisch-deutsch: Pietro De Marchi, Anna Felder, Fabio Pusterla
1 Lesung rätoromanisch-deutsch:
Ursicin G.G. Derungs (viersprachige Text-Broschüre)
12 Lesungen ausländischer GastautorInnen:
Samhita Arni (Indien), Melitta Breznik (A), Anne Duden (GB/D), Franzobel (A), Lavinia Greenlaw (GB), Norbert Gstrein (A), Denis Guedj (F), Miljenko Jergović (Zagreb) mit seinem Übersetzer Klaus Detlef Olof (A), Hermann Kinder (D), Anna Mitgutsch (A), Gerhard Roth (A), Gerhard Staguhn (D)
Die weiteren Veranstaltungen
Ausser Programm
Die Schweiz im Zwielicht. Podiumsgespräch mit den Autoren Michel Vinaver aus Frankreich, Anna Mitgutsch, Franzobel, Gerhard Roth, (Oesterreich), Sylviane Dupuis (Schweiz). Gesprächsleitung und Übersetzung: Felix Schneider
Ausser Haus
Programmkommission
Donata Berra, Jean-Bernard Billeter, Sibylle Birrer, Bernadette Conrad, Daniel de Roulet, Beat Mazenauer, Felix Schneider
Die Gewinner des OpenNet 2013, des traditionellen Schreibwettbewerbs der Solothurner Literaturtage, sind bekannt.
Die 36. Solothurner Literaturtage finden statt vom
30. Mai – 1. Juni 2014.
Zum Programm der: 35. Solothurner Literaturtage 2013

Hier finden Sie die Literaturtermine 2013.
Das Plakat 2013, gestaltet von Blanc de Titane, Zürich