21. Solothurner Literaturtage 14. – 16. Mai 1999

Zeiten und Altern – Les temps et les âges lautet das Thema der 21. Und letzten Solothurner Literaturtage in diesem Jahrhundert. Schreiben in der Zeit, Schreiben aus der Zeit, Schreiben über die Zeit. Vom langen Atem der Literatur ist die Rede wie von ihrer Atemlosigkeit, Rückblick steht neben Momentaufnahme, Erfahrung neben Experiment. Die Literaturtage nehmen Spuren auf und stellen Fragen dazu: Wer schreibt seit wann und noch immer, welche Tendenzen prägten die letzten Jahrzehnte, und was hält ihnen unsere Gegenwart entgegen? Wie prägt eine Epoche ein Buch, wie entwickelt sich ein literarisches Werk, und wie verändert es sich in der Wahrnehmung über die Jahrzehnte hinweg? Wie lange schliesslich überdauert und besteht ein literarischer Text?

Der Doyen der Deutschschweizer Literatur, Otto Steiger, feiert dieses Jahr seinen 90. Geburtstag, sein Erstling erschien 1942. An den Literaturtagen liest er aus seinem neuesten Werk, einem Erinnerungsbuch, und er beleuchtet in einem Gespräch mit dem Literaturkritiker Werner Weber die Zeit des Kalten Krieges. Seit über einem halben Jahrhundert publizieren auch Yvette Z’Graggen, Jean-Georges Lossier und Giorgio Orelli. Sie stellen die Verbindung her zu Werken der Schweizer Literatur, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts erschienen sind, in ihrer Zeit zwar wahrgenommen wurden, aus unterschiedlichen Gründen aber vergessen gingen. Die Ausstellung Den Büchern eine zweite Chance geben will diese Generation von Autorinnen und Autoren erneut ins Licht der Aufmerksamkeit rücken.

Zeiten und Alter: Natürlich sind auch jüngere Generationen an den Literaturtagen mit ihren Werken präsent. Allen voran jene der sogenannten 78-er, die im Nachgang der 68-er Bewegung der Literatur wieder lustvolle Direktheit und unpathetische Ironie einflössen wollen. Matthyas Politycki, Ralf Rothmann und Kathrin Schmidt vertreten diese Stimme. Literatur wie Rockmusik. Dagegen stellt sich, um beim Klischee zu bleiben, die jüngere 89-er Generation, die an den Literaturtagen unter anderen vertreten wird von Judith Hermann. Ob solche Etikettierungen stimmen, wird sich möglicherweise an den diesjährigen Literaturtagen weisen. Vier Generationen haben das ort. Dabei fällt das biographische Alter längst nicht immer mit dem literarischen zusammen, eine interessante Tatsache. Es gibt keinen gesetzmässigen Zeitpunkt, wann jemand zu publizieren beginnt: Die 86-jährige Laure Wyss schreibt seit rund zwanzig Jahren literarische Texte, Julien Burri dagegen hat im Alter von 19 schon mehrere kleine Einzelpublikationen aufzuweisen. Demnach stammen die literarischen Erstlinge, die 1999 in grosser Zahl in Solothurn vorgestellt werden, nicht alle von jungen Schreibenden.

Zeiten und Alter, das sind auch Begegnungen und Wiederbegegnungen. Reni Mertens und Walter Marti schufen 1973 ein filmisches Porträt von Walter Matthias Diggelmann. Als Hommage an den vor zwanzig Jahren verstorbenen Schriftsteller und als Wiederbegegnung mit den Themen, die ihn umtrieben, zeigen wir diesen Film, und das Schweizerische Literaturarchiv präsentiert einen kleinen Teil seiner geplanten Diggelmann-Auzsstellung.

Und schliesslich hat unser Thema auch mit Verstehen zu tun. Deshalb legen wir an den diesjährigen Literaturtagen ein besonderes Gewicht auf die Mehrsprachigkeit: alle Texte der nichtdeutschsprachigen Autorinnen und Autoren werden erstmals in der Originalsprache und in Deutsch vorgetragen. Überdies liegen Ausschnitte der Originaltexte und ihrer Übersetzungen in einer Broschüre vor, und sie sind auf Internet abrufbar. Eine Einladung also an Leserinnen und Leser, sich über die Sprachgrenzen hinweg mit neuen Namen und neuer Literatur vertraut zu machen.

Theres Roth Hunkeler, für die Programmkommission

PK 99:
Bernadette Conrad, Daniel de Roulet, Markus Hediger, Beat Mazenauer, Mevina Puorger, Theres Roth-Hunkeler, Irene Weber


Lesungen

15 Einzellesungen (ca 30 Minuten, anschliessend Diskussion mit dem Publikum):
Ruth Erat, Zsuzsanna Gahse (H/CH), Judith Giovannelli-Blocher, Ernst Halter, Lukas Hartmann, Heinrich Kuhn, Alexandrea Lavizzari, Pascal Mercier*(CH/Berlin), Clemens Mettler, Adolf Muschg, Franco Supino, Alain Claude Sulzer, Otto Steiger, Aglaja Veteranyi (Rumänien/CH), Alfred Wälchli, Sabine Wen-Ching Wang, Laure Wyss*

3 Lyrik-Lesungen:
Leta Semadeni (rätoromanisch-deutsch), Armin Senser, René Sommer

8 Lectures:
Julien Burri, Raphaël Kalmy, Pascal Laplace, Jean-Georges Lossier, Françoise Matthey, Pascal Rebetez, Madeleine Santschi, Yvette Z’Graggen (zweisprachige Text-Broschüre)

1 Lesung italienisch-deutsch: Giorgio Orelli

11 Lesungen ausländischer GastautorInnen:
Colette Fellous (F), Judith Hermann (D), Günter Herburger (D), Ahmadou Kourouma (Côte d’Ivoire), Reiner Kunze (D), Peter Kuzeck (D), Marie Le Drian (F), Claudio Magris (I), Matthias Politycki (D), Ralf Rothmann (D), Kathrin Schmidt (D)


Die weiteren Veranstaltungen

  • Freiheit verteidigen. Ein Gespräch mit Werner Weber und Otto Steiger über die Schweiz, die Literatur und die Epoche des Kalten Krieges
  • Sprachlos. Eine Komposition für Stimme und Blockflöten von und mit Peter Bichsel und Conrad Steinmann
  • NETZetera – Mundarten und Akkorde. Beat Sterchi und Adi Blum (CH) begegnen den NETZ-Gruppe- AutorInnen Julia Franck, Joachim Helfer, Steffen Kopetzky (D) und Händl Klaus (A)
  • Die Selbstzerstörung des Walter Matthias Diggelmann. Film-Porträt von Reni Mertens und Walter Marti, 1973. Einführung von Klara Obermüller
  • Inszenierung von Wirklichkeit. Ausstellung Bilderbücher von Jörg Müller, Jörg Steiner. Podiums-gespräch mit den Autoren und Gerda Wurzenberger
  • Den Büchern eine zweite Chance geben. Ausstellung von Charles Linsmayer im Jurasaal, 14. -16. Mai. Podiumsgespräch mit Yvonne-Denise Köchli, Renate Nagel, Malcolm Pender, Charles Linsmayer, Theres Roth Hunkeler
  • Ofaire, Loos, Spreng, Guggenheim & Co. Szenische Lesung im Stadttheater. Textcollage zur Ausstellung. Den Büchern eine zweite Chance geben
  • L’écrivain et son traducteur. Fotoausstellung von Yvonne Böhler in der Säulenhalle, 14. – 16. Mai. Buchpräsentation mit der Herausgeberin Marion Graf (éditions Zoé)
  • Lesebazillus Schweiz präsentiert sechs Institutionen, die sich der Leseförderung widmen: Autillus, Baobab, SJW, SBJ, Arole, SJI. Ausstellung im Landhaus-Foyer
  • Offener Block
  • Bücherstand vor dem Landhaus


Ausser Programm

  • Gilbert Musy, Übersetzer zwischen Deutsch und Welsch. Film von Matthias Zschokke. Vorführungen in der Säulenhalle. Gilbert Musy, Übersetzer, Autor, Mitglied der Programmkommission, *29.4.1944, gestorben am 4.5.1999
  • Nachtgespräch zum Thema Krieg im Kosovo, 14. Mai 22.30h in der Säulenhalle


Ausser Haus
“Das verlorene Wort” von Gion Mathias Cavelty, szenische Lesung im Stadttheater


Programmkommission
Bernadette Conrad, Daniel de Roulet, Markus Hediger, Beat Mazenauer, Mevina Puorger, Theres Roth-Hunkeler, Irene Weber