

Zeiten und Altern – Les temps et les âges lautet das Thema der 21. Und letzten Solothurner Literaturtage in diesem Jahrhundert. Schreiben in der Zeit, Schreiben aus der Zeit, Schreiben über die Zeit. Vom langen Atem der Literatur ist die Rede wie von ihrer Atemlosigkeit, Rückblick steht neben Momentaufnahme, Erfahrung neben Experiment. Die Literaturtage nehmen Spuren auf und stellen Fragen dazu: Wer schreibt seit wann und noch immer, welche Tendenzen prägten die letzten Jahrzehnte, und was hält ihnen unsere Gegenwart entgegen? Wie prägt eine Epoche ein Buch, wie entwickelt sich ein literarisches Werk, und wie verändert es sich in der Wahrnehmung über die Jahrzehnte hinweg? Wie lange schliesslich überdauert und besteht ein literarischer Text?
Der Doyen der Deutschschweizer Literatur, Otto Steiger, feiert dieses Jahr seinen 90. Geburtstag, sein Erstling erschien 1942. An den Literaturtagen liest er aus seinem neuesten Werk, einem Erinnerungsbuch, und er beleuchtet in einem Gespräch mit dem Literaturkritiker Werner Weber die Zeit des Kalten Krieges. Seit über einem halben Jahrhundert publizieren auch Yvette Z’Graggen, Jean-Georges Lossier und Giorgio Orelli. Sie stellen die Verbindung her zu Werken der Schweizer Literatur, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts erschienen sind, in ihrer Zeit zwar wahrgenommen wurden, aus unterschiedlichen Gründen aber vergessen gingen. Die Ausstellung Den Büchern eine zweite Chance geben will diese Generation von Autorinnen und Autoren erneut ins Licht der Aufmerksamkeit rücken.
Zeiten und Alter: Natürlich sind auch jüngere Generationen an den Literaturtagen mit ihren Werken präsent. Allen voran jene der sogenannten 78-er, die im Nachgang der 68-er Bewegung der Literatur wieder lustvolle Direktheit und unpathetische Ironie einflössen wollen. Matthyas Politycki, Ralf Rothmann und Kathrin Schmidt vertreten diese Stimme. Literatur wie Rockmusik. Dagegen stellt sich, um beim Klischee zu bleiben, die jüngere 89-er Generation, die an den Literaturtagen unter anderen vertreten wird von Judith Hermann. Ob solche Etikettierungen stimmen, wird sich möglicherweise an den diesjährigen Literaturtagen weisen. Vier Generationen haben das ort. Dabei fällt das biographische Alter längst nicht immer mit dem literarischen zusammen, eine interessante Tatsache. Es gibt keinen gesetzmässigen Zeitpunkt, wann jemand zu publizieren beginnt: Die 86-jährige Laure Wyss schreibt seit rund zwanzig Jahren literarische Texte, Julien Burri dagegen hat im Alter von 19 schon mehrere kleine Einzelpublikationen aufzuweisen. Demnach stammen die literarischen Erstlinge, die 1999 in grosser Zahl in Solothurn vorgestellt werden, nicht alle von jungen Schreibenden.
Zeiten und Alter, das sind auch Begegnungen und Wiederbegegnungen. Reni Mertens und Walter Marti schufen 1973 ein filmisches Porträt von Walter Matthias Diggelmann. Als Hommage an den vor zwanzig Jahren verstorbenen Schriftsteller und als Wiederbegegnung mit den Themen, die ihn umtrieben, zeigen wir diesen Film, und das Schweizerische Literaturarchiv präsentiert einen kleinen Teil seiner geplanten Diggelmann-Auzsstellung.
Und schliesslich hat unser Thema auch mit Verstehen zu tun. Deshalb legen wir an den diesjährigen Literaturtagen ein besonderes Gewicht auf die Mehrsprachigkeit: alle Texte der nichtdeutschsprachigen Autorinnen und Autoren werden erstmals in der Originalsprache und in Deutsch vorgetragen. Überdies liegen Ausschnitte der Originaltexte und ihrer Übersetzungen in einer Broschüre vor, und sie sind auf Internet abrufbar. Eine Einladung also an Leserinnen und Leser, sich über die Sprachgrenzen hinweg mit neuen Namen und neuer Literatur vertraut zu machen.
Theres Roth Hunkeler, für die Programmkommission
PK 99:
Bernadette Conrad, Daniel de Roulet, Markus Hediger, Beat Mazenauer, Mevina Puorger, Theres Roth-Hunkeler, Irene Weber
Lesungen
15 Einzellesungen (ca 30 Minuten, anschliessend Diskussion mit dem Publikum):
Ruth Erat, Zsuzsanna Gahse (H/CH), Judith Giovannelli-Blocher, Ernst Halter, Lukas Hartmann, Heinrich Kuhn, Alexandrea Lavizzari, Pascal Mercier*(CH/Berlin), Clemens Mettler, Adolf Muschg, Franco Supino, Alain Claude Sulzer, Otto Steiger, Aglaja Veteranyi (Rumänien/CH), Alfred Wälchli, Sabine Wen-Ching Wang, Laure Wyss*
3 Lyrik-Lesungen:
Leta Semadeni (rätoromanisch-deutsch), Armin Senser, René Sommer
8 Lectures:
Julien Burri, Raphaël Kalmy, Pascal Laplace, Jean-Georges Lossier, Françoise Matthey, Pascal Rebetez, Madeleine Santschi, Yvette Z’Graggen (zweisprachige Text-Broschüre)
1 Lesung italienisch-deutsch: Giorgio Orelli
11 Lesungen ausländischer GastautorInnen:
Colette Fellous (F), Judith Hermann (D), Günter Herburger (D), Ahmadou Kourouma (Côte d’Ivoire), Reiner Kunze (D), Peter Kuzeck (D), Marie Le Drian (F), Claudio Magris (I), Matthias Politycki (D), Ralf Rothmann (D), Kathrin Schmidt (D)
Die weiteren Veranstaltungen
Ausser Programm
Ausser Haus
“Das verlorene Wort” von Gion Mathias Cavelty, szenische Lesung im Stadttheater
Programmkommission
Bernadette Conrad, Daniel de Roulet, Markus Hediger, Beat Mazenauer, Mevina Puorger, Theres Roth-Hunkeler, Irene Weber
Die Gewinner des OpenNet 2013, des traditionellen Schreibwettbewerbs der Solothurner Literaturtage, sind bekannt.
Die 36. Solothurner Literaturtage finden statt vom
30. Mai – 1. Juni 2014.
Zum Programm der: 35. Solothurner Literaturtage 2013

Hier finden Sie die Literaturtermine 2013.
Das Plakat 2013, gestaltet von Blanc de Titane, Zürich