

Wandern und Wohnen. Vom Schreiben zwischen Sprachen, Ländern, Kulturen – vom Schreiben auf der Suche nach einem eigenen Ort.
I’m going home. That roof is where I live. (Michael Hambuger)
In einem Brief an Max Brod, der von den „Unmöglichkeiten“ des Schreibens handelt, sagt Franz Kafka, jede Literatur, die in Regionen am Rande grosser Nationalsprachen entstehe, sei „eine Zigeunerliteratur“, da sie kein bestimmtes Territorium ihr eigen nenne. Zu den 20. Solothurner Literaturtagen haben wir Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern eingeladen, deren Texte veranschaulichen, wie aktuell ist, was Kafka 1918 umschrieb. Am Anfang des Jahrhunderts liess sich erst ahnen, wie sehr Vertriebene und Flüchtlinge, Heimatlose und Reisende, Sprachwanderer und Übersetzer die literarische Welt prägen würden. Dazu kommen heute Mobilität und Globalisierung: wenn alles überall ist, in eins fällt, ist erst recht Kein Ort. Nirgends. Die Literatur beschreibt hier zwei Dinge: das Erinnern an verlorene Heimat und das Suchen und Finden von realen und fiktiven Orten.
Am Freitagabend liest der Franzose Robert Bober aus seinem Roman Quoi de neuf sur la guerre? und präsentiert seine Dokumentarfilme En remontant la rue Vilin und Récits d’Ellis Island. Zusammen mit dem Schriftsteller Georges Perec ergründet Bober in Récits d’Ellis Island die Diaspora am Beispiel der Immigration nach Amerika. Im Film sagt Perec: „Ellis Island ist für mich der eigentliche Ort des Exils, das heisst, der Ort der Ortlosigkeit, der Nichtort, das Nirgendwo.“ Am Samstagabend lesen und diskutieren der in Österreich lebende Bosnier Dževad Karahasan, die zur Zeit in Paris lebende Türkin Emine Svegi Özdamar und die in Deutschland lebende Rumänin Herta Müller. Auzs England kommen: der 1933 aus Berlin emigrierte Michael Hamburger, er liest Gedichte über das Unterwegs; der Sudanese Tajjib Salich, er stellt den Roman Zeit der Nordwanderung vor, der dreissig Jahre nach Erscheinen nun endlich auf Deutsch vorliegt; Liselotte Marshall, die ihre Kindheit in einer Schweizer Tb-Klinik verbringen musste und so die Shoah überlebte, sie liest aus ihrem Roman über ein Leben ohne Vaterland und Muttersprache. Aus Paris erwarten wir Paul Nizon, der in seinem neuen Buch Hund. Beichte am Mittag einen Stadtstreicher erzählen lässt. Mit Radka Donnell, Kathy Zarnegin und Chriostian Uetz treffen drei zusammen, die Lyrik zwischen Fremd- und Muttersprache schreiben bzw. die Muttersprache „bespielen“. Yusuf Yesilöz lebt als türkischer Kurde seit Jahren in der Schweiz – er liest aus seiner ersten Erzählung, einem Protokoll von Kindheitserinnerungen.
Die Literatur, die ruhelos Fremdes und Eigenes aufeinander bezieht, ist die nomadische Erfahrung der Welt par excellence. Sie umkreist einen Ort, wo sich „wohnen“ liesse, kommt an kein Ende – oder wie Franz Kafka es sagte: „übersiedeln kann ich nicht, nur hin und her gehn“.
Reto Sorg, für die Programmkommission
PK 98:
Corina Caduff, François Conod, Franziska Hirsbrunner, Theres Roth-Hunkeler, Reto Sorg, Christine Tresch, Christian Viredaz
Lesungen
14 Einzellesungen (ca 30 Minuten, anschliessend Diskussion mit dem Publikum):
Gabrielle Alioth, Eleonore Frey, Christoph Geiser, André Vladimir Heiz, Franz Hohler, Friederike Kretzen, Guy Krneta, E.Y. Meyer, Paul Nizon, Erica Pedretti, Margrit Schriber, Bruno Steiger, Lukas Stuber, Yusuf Yesilöz (Türkei/CH)
3 Lyrik-Lesungen: Radka Donnell (Bulgarien/CH), Christian Uetz (CH), Kathy Zarnegin (Persien/CH)
1 Lesung italienisch-deutsch: Fernando Grignola (Textheft französisch-deutsch)
1 Lesung rätoromanisch-deutsch: Göri Klainguti
6 Lectures:
Helen Araujo (Colombie/CH), Jacques-Etienne Bovard, Françoise Choquard, Ivan Farron, Markus Hediger, Daniel Maggetti
7 Lesungen ausländischer GastautorInnen:
Robert Bober (F), Gianni Celati (I), Günter Grass (D), Michael Hamburger (D/GB), Felicitas Hoppe (D), Liselotte Marshall (D/GB), Tajjib Salich (Sudan/GB)
Die weiteren Veranstaltungen
Otto F. Walter (1928-1994), Verleger, Schriftsteller. Ausstellung im Palais Besenval, 17. Mai – 14. Juni. Eingerichtet von Armin Heusser, mit Veranstaltungszyklus:
Ausser Haus
Buch-Vernissage: „Küsse und eilige Rosen. Die fremdsprachige Schweizer Literatur“, Hrsg.: Chudi Bürgi, Anita Müller, Christine Tresch. Lesung von Yusuf Yesilöz im Alten Spital
Programmkommission
Corina Caduff, François Conod, Franziska Hirsbrunner, Theres Roth-Hunkeler, Reto Sorg, Christine Tresch, Christian Viredaz
Die Gewinner des OpenNet 2013, des traditionellen Schreibwettbewerbs der Solothurner Literaturtage, sind bekannt.
Die 36. Solothurner Literaturtage finden statt vom
30. Mai – 1. Juni 2014.
Zum Programm der: 35. Solothurner Literaturtage 2013

Hier finden Sie die Literaturtermine 2013.
Das Plakat 2013, gestaltet von Blanc de Titane, Zürich