Katharina Geiser

Katharina Geiser

Diese Gezeiten  (Jung und Jung, 2011)

Ganz nach der Regel der Wunder geschieht das Wunder.
    Lohse entriegelt die Tür. Er streckt sein seekrankfarbenes Gesicht in Lucys Zelle und sagt dumpf, als müsste er sich gleich danach übergeben: Bald werden Sie draußen sein und ich im Gefängnis drin. Er zieht
die Tür so sachte ins Schloss wie nie zuvor.
    Träume ich oder bin ich völlig durchgedreht? Oder er spielt mir einen Streich. Muss ich die Falle verstehen, um nicht hineinzugeraten?
    Doch später am Tag hört Lucy ein feines Klopfen und bemerkt, wie die Klappe sich öffnet. Suzannes Hand erscheint. Erstmals. Elfenhand aus Elfenbein, diese wie ein Bild gerahmte Hand, die Zeige- und Mittelfinger zu einem V spreizt. Ein einziges Wort: Paris!
    Schon ist die Klappe wieder zu.
    Und wenn es wahr ist? Paris befreit? Frei? Frei! Das Victory-Zeichen. Suzanne irrt sich nie. Die Besatzer besiegt. Wie an die Freunde in Paris denken? Phönix aus der Asche.
    Lucy holt tief Luft, leicht fällt einem das Aufstehen, wenn man schwerelos wird. Sie dreht sich um sich selbst mit erhobenen Armen: Ich denke an euch in Paris. An euch alle zusammen zuerst. Und die ganze Nacht durch werde ich an jeden Einzelnen von euch denken.
    Die Tränen laufen ihr übers Gesicht. Sie wischt sie über die mageren Wangen, sie steigt auf die Pritsche, sie hält sich am Fenstergitter fest. Und Töne brechen aus ihr heraus, ein zunächst zögerndes und falsches Singen, das schnell an Sicherheit gewinnt. Und Verse kommen ihr in den Sinn, fügen sich zu einem Liedtext: Misstrau den Sternen, dass sie Feuer sind, misstrau
der Sonne, dass sie sich bewegt, misstrau der Wahrheit, aber zweifle nie an meinem Stern und daran, dass ich liebe – but never doubt I love. Lucy improvisiert Tonlagen, es ist ein altes Lied, das lebendig wird, ein Insellied, ein Lied aus der Zeit, da die Sonne sich bewegte und Lucy die Sonnenuntergangssentimentalität entdeckte und sich dafür nicht zu schade war und ihr fortan restlos treu blieb, und da sie, Lucy, auf der Fluchttreppe kauerte und sich ein unverschämtes Rot aus den Wolkenschlieren nahm und damit einen nackten Bob, nein, eine freudig erregte Suzanne ausmalte. Lucy singt die Verse immer wieder, für die Freunde in Paris, für Suzanne, für sich selbst und für die Brüder und Schwestern im Gefängnis, und sie singt schließlich derart laut, dass Otto seine Faust dreimal auf die Tür fallen lässt und ihr befiehlt, Ruhe zu geben.

Lesung