
Wie der Filmtage-Direktor Ivo Kummer die Literaturtage sieht. Der Text erschien im neuen Solothurn-Buch “Leben am Jurasüdfuss” im GAB-Verlag.
Die graue Solothurner Winterzeit verabschiedet sich langsam. Vom Hausberg, dem Weissenstein, strahlen manchmal noch ein paar weisse Flecken ins Mittelland. Aber es wird Zeit. Der Frühling, manchmal bereits der Frühsommer, hat begonnen. Ein untrüglicher Termin dafür ist das Wochenende nach der Auffahrt. Seit bald 30 Jahren treffen sich Schreibende und Lesende an diesem Datum an den Solothurner Literaturtagen zum Reden und Zuhören.
Mein liebster Platz während diesen Tagen ist das runde Tischchen draussen vor dem Eingang der Genossenschaftsbeiz "Kreuz" - falls es das Wetter zulässt. Da tröpfeln die herbeigereisten Literaturinteressierten und einige bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller langsam ein. Ein wunderbarer Steglauf von Intellektuellen, meist in bunten Kleidern ganz im Gegensatz zu uns, dem Filmtagepublikum, wo Schwarz schon fast uniformen Charakter hat. Wenig Lederjacken, dafür viele Sandalen. Und immer wieder Mappen aus Naturleder. Einige sind ortskundig und streben gezielt ins "Landhaus", andere verweilen unschlüssig und verunsichert, versuchen sich zu orientieren und steuern auf den grossen Büchertisch zu. Schreiben und Lesen sind einsame Angelegenheiten. Es braucht Zeit, sich plötzlich an die vielen Menschen zu gewöhnen. Und dem eingeladenen Gast, der seine neueste Prosa oder auch Lyrik vorstellen darf, ringt es einiges ab. Schreiben ist das eine, Vortragen etwas anderes.
Wie die Solothurner Filmtage waren die Literaturtage in den Anfängen ein Anlass für Eingeweihte. Bei den 1. Literaturtagen lasen insgesamt 26 Autorinnen und Autoren, bei den 27. waren es schon 79. Beide Veranstaltungen sind jedoch ihrem Grundsatz treu geblieben: Uns interessierten die "eigenen Angelegenheiten", etwa das Verhältnis des Films oder der Literatur zur Gesellschaft, in der wir leben. Wir verstehen uns als Kulturvermittler und wollen Brücken bauen zwischen den kreativen Kunstschaffenden und der interessierten Öffentlichkeit. Die Filmtage entwickelten sich immer mehr in die Breite, nicht nur, was den Publikumszuwachs anbelangt. Die Literaturtage sind ebenfalls stärker besucht und suchen inhaltlich die Öffnung. Während den ersten Jahren wurde jeweils nur ein ausländischer Schriftsteller als Ehrengast eingeladen, heute können es mehrere sein. So sind nebst Schweizer Literatur auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Albanien, Kirgisien, Kuba oder Nigeria zu Gast. Eine willkommene und inspirierende Bereicherung, die jedoch anfänglich umstritten war, weil die Literaturtage sich primär für das schweizerische Literaturschaffen engagieren wollten.
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