

Er lebt seit über vierzig Jahren in Paris, aber er verleugnet seine Walliser Ursprünge nicht. „Einer Region eher angehören als einer anderen, heisst notwendigerweise etwas, auch wenn es einem überall wohl sein kann.“ Am wohlsten ist es Jean-Luc Benoziglio im Schreiben. Die Akrobatie seiner Sprache, genährt durch einen soliden schwarzen Humor, entzaubert die Welt und mit ihr unsere Art über sie zu sprechen. In seinem jüngsten Roman, Louis Capet, suite et fin, 2005 mit dem Preis Michel-Dentan ausgezeichnet und dieses Jahr auch auf Deutsch erschienen, entrinnt Ludwig XVI. dem Tod und kommt in die Schweiz ins Exil. Der Roman zeigt voll treffender Sarkasmen eine Schweiz, die den Eindruck weckt, die Guillotine sei für den abgesetzten König die mildere Strafe gewesen, als ein Aufenthalt am Genfersee es geworden wäre.

Wenn ihre Leidenschaften – Journalismus, Malerei, Reisen, Sprachen – Corinne Desarzens nicht daran gehindert haben, zwischen 1989 und 2006 siebzehn Bücher zu veröffentlichen – eines pro Jahr – , dann deshalb, weil ihr Schreiben sich von ihren Neigungen nährt, statt dass es sich von ihnen verschlingen lässt. Sie lässt sich von ihren Reisen in fünf Kontinente inspirieren, entdeckt mit uns das Engadin und Rätoromanisch, erzählt von der Malerei, teilt aber auch ihre Familiengeschichte mit. Le verbe être et les secrets du caramel, im letzten Jahr veröffentlicht, gibt Einblick in das, was ihrem ertragreichen Schreiben zugrunde liegt: es gilt das Brodeln der Blasen eines werdenden Caramels zu erfassen und das zu sein, was man sieht, und sei es auch nur in einem Detail, das uns ein grösseres Ganzes erahnen lässt.

Claire Genoux sagte einmal, sie liebe den „Akt des Schreibens“, die Bewegung der Hand, die auf dem Papier Linien zieht. Die junge Autorin aus dem Waadtland schreibt Lyrik und Erzählprosa. Sie gibt dem Körper eine Stimme, oft um ein Leiden anzusprechen, und wirft existentielle Fragen auf. In ihrem Gedichtband Saisons du corps, der 1999 mit dem Prix Ramuz ausgezeichnet wurde, hat sie eine sinnliche Sprache gefunden, um „im Schweigen zu schreien“. Ihre jüngste Erzählsammlung, Ses pieds nus, erkundet den Bezug der Frau zu ihrem Körper und zur Verführung. In einer körper- und naturnahen Sprache bewegen sich ihre Texte zwischen Realität und Traumwelt. Sie mischen Sinnesreize, von der Mutter-Kind-Beziehung bis zur sexuellen Eroberung, um geheimen Schmerz herausdringen zu lassen.

Das weibliche Schreiben existiert, „so wahnsinnig anders, so sehr es selbst“. Anne-Lise Grobéty kennt keine Schminke und kein Tabu. Seit ihren ersten Publikationen (vor allem ihrem Roman Pour mourir en février, den sie als 20-Jährige veröffentlichte) schürft die Neuenburger Romancière, die im Jahr 2000 mit dem Grand Prix C-F Ramuz ausgezeichnet wurde, an der Schale des Ichs. Ihr jüngster Roman, La corde de mi, den sie vor neun Jahren zu schreiben begann und im Jahr 2006 veröffentlichte, ist ein bedeutendes Werk über Vater-Tochter- bzw. Tochter-Vater-Beziehungen. Ein Spiel der Widerklänge über die Unfähigkeit miteinander zu sprechen und vor allem einander zu lieben. Vieles ergibt sich hier erst aus der Art, wie es gesagt wird. Ein Netz verschiedener Perspektiven widerspiegelt, jenseits der Worte, die Beziehungskonflikte einer Patchwork-Familie. Ein neuer und brillanter Versuch, eine Antwort auf die ästhetische Grundfrage zu finden, wie sich ein Leben schreiben lässt.

Antoine Jaccoud hat Humor und wirft einen scharfen Blick auf die Gesellschaft und ihre Wirrungen. Er hat sein Auge im Milieu des Films geschult, in dem er sich schon lange bewegt. Vor fünfzehn Jahren hat Antoine Jaccoud, Soziologe und Journalist, sich dem Theater zugewandt, um die Ängste und Verblendungen der Gegenwart zu beobachten. Seine Sprache hat Biss und ist mitunter ironisch, ob er nun das Leben des Pornostars Lolo Ferrari, die Vogelgrippe oder das Massaker von Srebrenica zum Thema macht und unser Alltagsleben befragt. „Das Theater ist nötig, weil es einen Raum der Diskussion schafft. Einen Raum zum Nachdenken. (…) Das Theater stellt Probleme ins Zentrum: es kann dem Leiden und der Auflehnung Raum geben, die die Gesellschaft nicht sehen will“, sagte Antoine Jaccoud jüngst in einem Interview mit einer Wochenzeitung. Mit seinen Geschichten enthüllt er ohne Larmoyanz die Übel der Gegenwart.

Sie gesteht, dass sie gerne öffentlich liest. Und sie spricht gerne, mit grosser Eleganz, von der Liebe, von der Zwiespältigkeit des Gefühls, sie liebt es, der Liebe auf die Spur zu kommen, die Gewebe der Liebe auszubreiten, die Liebe unter verschiedenen Blickwinkeln auszuleuchten und sie spricht auch von der Trennung, immer in einer Mischung von Ironie und Ernsthaftigkeit, mit dem Blick Adolphes, der Figur des Verführers bei Benjamin Constant (Ni toi ni, moi). „Das ist mein Vorhaben, so oder so: dem Verschwinden der Liebe nachzuspüren“, kündigt sie an. Camille Laurens wurde im Jahr 2000 für Dans ces Bras-là mit dem Prix Femina ausgezeichnet. Sie lebt heute in Südfrankreich und verfolgt als Romanautorin die Reflexion über den Akt des Schreibens und des Lesens. „Das Schreiben trennt, es schafft keine Bindung ausser jener zur unendlichen Suche nach einem unmöglichen Wissen.“ Ihre Geschichten haben ihre Worte und ihr Schweigen, das Letztere ebenso ausdrucksstark wie die Ersteren.

Seit 1992 hat Michel Layaz zehn Bücher veröffentlicht, Erzählungen und Romane. 2003 wurde er mit dem Roman Les larmes de ma mère als bedeutender Autor anerkannt. Er wohnt halb in Lausanne, halb in Paris, aber sein Schreiben gilt nicht den grossen Themen, die die Welt erschüttern, sondern dem Glanz des Alltags. Schreiben heisst für ihn «nicht das Gewöhnliche abzulehnen, sondern Nuancen zu suchen, Nuancen, die es erlauben, das auszurücken, was besonders ist, was für mich besonders ist, mitten im Gewöhnlichen.“ Das zeigt er auch in Il est bon que personne ne nous voie, wenn er die Perspektive eines Heranwachsenden mit derjenigen eines Greises verbindet, der eine lernt das Leben, der andere das Sterben.

Wie schreibt man in einer „postliterarischen“ Zeit? Nicht indem man sich ihr anpasst, sagt Richard Millet, sondern indem man ihr seinen Stil und seine Themen entgegensetzt. „Ein Schriftsteller, ein echter“, sagt er, „setzt sein Leben aufs Spiel, in dem Sinn, dass er nicht lebte, wenn er nicht schriebe.“ Der Unbeugsame hat sein Lesepublikum gefunden und zählt heute zu den wichtigsten Autoren Frankreichs. Seit 1983 hat er dreissig Werke veröffentlicht: Essais, Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Und er hat ein eigenes literarisches Universum geschaffen, ein Universum der Sprache und einer halb realen, halb fiktiven Topographie, die an seine Heimat erinnert, die Corrèze, und an den Libanon, wo er von sieben bis vierzehn lebte. Er hat Anfang dieses Jahres Petit éloge de la solitude veröffentlicht, das eine Erzählung über seinen Grossvater väterlicherseits und einen Essai über Maurice Blanchot enthält.

„Als ob für Pajak die Zeichnung, das Bild das besondere Vermögen hätte, mit grösster Eloquenz und Unmittelbarkeit diese ungebundene, dunkle und unendlich fruchtbare Tonart der Seele auszudrücken, die Melancholie.“ Patrick Kéchinian, Literaturkritiker der französischen Tageszeitung Le Monde, liest mit feinem Gespür die Beziehung zwischen Zeichnung und Schrift bei Frédéric Pajak. Dieser Autor, der ständig unterwegs ist, vor allem zwischen Lausanne und Paris, schafft auf dem Papier eine neue Welt durch die Verbindung von Wort und Bild. Der Preisträger des Prix Michel Dentan 2002 hat eine neue Form des Buches geschaffen und lässt uns in Bild- und Schriftzügen sein Leben, seine Melancholie und seine Ängste sehen, lesen und meditieren. Sein Gefährte heisst Friedrich Nietzsche. Nicht Vorbild ist ihm der Philosoph, sondern Partner, und er lässt ihn in seinem jüngsten Bilderbuch, J’entends des voix, Herbst 2006, in seinem Auto Platz nehmen zum Gespräch.

Zum Journalisten ausgebildet, hat Jean-Bernard Vuillème mit dreissig beschlossen, sich hauptsächlich dem literarischen Schreiben zu widmen und sein Geld als freier Journalist zu verdienen. In zwanzig Jahren hat er dreizehn Bücher veröffentlicht: Romane, Erzählungen, Essais und historische Bücher. Sein Schreiben verbindet den distanzierten Blick des Soziologen mit dem Sinn des Schriftstellers für Spott und Absurdes. Sein jüngstes Buch, Le fils du lendemain, ist sein persönlichstes. Deshalb hat er es zuerst unter dem Pseudonym Bernard Jean veröffentlicht. Es erzählt die Geschichte eines Mannes, den seine beiden Väter verlassen haben, der echte wie der vermeintliche, und den seine Mutter in der Lüge und im Hass erzogen hat. Nur das literarische Schreiben erlaubt es ihm, in dieser verqueren Existenz eine Menschlichkeit zu bewahren, die die Verleugnung und den Abscheu überwindet.
Die Gewinner des OpenNet 2013, des traditionellen Schreibwettbewerbs der Solothurner Literaturtage, sind bekannt.
Die 36. Solothurner Literaturtage finden statt vom
30. Mai – 1. Juni 2014.
Zum Programm der: 35. Solothurner Literaturtage 2013

Hier finden Sie die Literaturtermine 2013.
Das Plakat 2013, gestaltet von Blanc de Titane, Zürich