Huang Beijia

geboren 1955, lebt in Nanjing (China)

Die Huang-Beijia-Lesung findet im Stadttheater statt.

Schule ist ja ganz toll, ohne Mathe wär sie noch toller! Jin Ling wird es beim bloßen Anblick der Zahlen schwindelig, wie soll sie da einen klaren Kopf behalten? Den bräuchte sie aber dringend, denn die Prüfung in die Mittelschule steht an und Mathe gehört zu den Hauptfächern. Zum Glück gibt es auch Abwechslung, zum Beispiel wenn ein großer Fisch vor der Tür steht, oder die Seidenraupen keine Maulbeerblätter mehr haben, und eines Tages lernt Jin Ling eine freundliche alte Dame kennen, die helfen will ... Wie Kinder in China ihren Schulalltag meistern, mag fremd anmuten, doch ihre Gefühle dabei sind nicht anders als bei uns. Gespickt mit eigenen Erfahrungen und mit viel Humor gibt die Autorin einen eindrücklichen Einblick in die moderne chinesische Gesellschaft.

Zhao Huizi schob das Aufsatzheft von sich und sah Jin Ling äusserst erstaunt an: „Wann ist dein Vater denn je nach Shenzhen gegangen? Und wann ist er auch noch superreich geworden? Haben wir hier in unserer Familie jemals einen Haufen von 200’000 Yuan gesehen?”
Jin Ling antwortete gleichgültig: „Ich habe einen Aufsatz geschrieben.”
Zhao Huizi sagte: „Aber auch in einem Aufsatz darf man keinen Unsinn erzählen!”
„Ist Literatur nicht Erfindung? Du hast das doch immer gesagt.”
„In einem Roman schreibt man etwas Ausgedachtes, in einem Aufsatz darf man nur schreiben, was wirklich passiert ist.”
„Das stimmt nicht. Ein Aufsatz ist auch Literatur!”

(Aus: Seidenraupen für Jin Ling, Baobab 2008)

Als meine Tochter von der Grundschule auf die Mittelschule wechselte, kämpfte ich gemeinsam mit ihr, dass sie bei der Aufnahmeprüfung einen Platz in einer guten Mittelschule erreichen konnte. Als die Prüfung vorüber war und ich alles Übungsmaterial aufräumte, hatte ich auf einmal einen etwas bitteren Nachgeschmack. Die Geschichte meiner Tochter ist eigentlich die Geschichte von vielen chinesischen Kindern im sechsten Schuljahr. Warum müssen unsere Kinder einen so harten Weg einschlagen? Warum müssen sie eine so beinahe unmögliche, lebensfeindliche Hürde überwinden, um in der Gesellschaft ihren Platz zu finden?
(Huang Beijia in ihrem Nachwort in „Seidenraupen für Jin Ling“)
 
Die Autorin Huang Beijia ist 1955 im Kreis Rugao in der Provinz Jiangsu in China geboren. Nach Beendigung der Schulzeit ging sie aufs Land und arbeitete in einer landwirtschaftlichen Produktionsgruppe, wie die meisten jungen Chinesen der damaligen Zeit. Nach bestandener Aufnahmeprüfung studierte sie ab 1977 an der chinesischen Fakultät der Pekinguniversität, wo sie 1982 auch ihr Examen ablegte. Seit 1973 ist Huang Beijia schriftstellerisch tätig und hat zahlreiche Werke für Erwachsene, Kinder und Jugendliche veröffentlicht. Einige ihrer Bücher wurden fürs Kino oder fürs Fernsehen verfilmt, oder als Theaterstücke realisiert.
 
 

 

mit ihrer Übersetzerin Barbara Wang