

Pfister. Roman (Salis, 2011)
Die Sache mit Hans hatte ihn mitgenommen, ihn erschreckt, hatte Schwegler an den Tod erinnert, dem Metzger Schwegler einen Todesschrecken versetzt. Hans war tot, umgebracht worden in Schweglers Land, in Schweglers Fantasie, in Schweglers Kabinett, in Schweglers Idylle war der Tod eingedrungen, ohne Schwegler zu fragen, hatte Schwegler umgangen, war ohne Schweglers Einverständnis in die Schlachterei eingedrungen. Das war allerhand. Das nagte an Schweglers Fundamenten. Das liess ihn beinah an seine Exfrau denken, liess ein wenig Sehnsucht hochkommen. Kurzum, Schwegler fühlte sich betrogen und einsam. Und im Weiteren, der Tod von Hans, die Gleichgültigkeit der Schweglauer, wen würde das nicht bedrücken, die Auflösung jeder Sicherheit, jeden Vertrauens.
Schwegler wurde der Gewalt gewahr, die sich an ihm vorbei abspielte, erschrak über die Rohheit des Verkehrs, der an diesem roten, wahrscheinlich toten Männlein vorbeiraste, es nicht beachtete, nur Augen hatte für das lockende Grün in seinem eigenen Gesichtsfeld. Schwegler aber musste sich das rote, tote Männlein anschauen, wie es auf der anderen Straßenseite an der Ampel klebte, alle Viere von sich gestreckt. Dazu trug er die Plastikfleischtasche mit dem toten Frischfleisch in der Hand, darauf sein Name, seine Adresse. Sapperlot, das war ihm neu, dieses Totgefühl an einem sonnigen, grilligen Sommertag.
Schwegler spürte, wie sein eigenes Fleisch in dieser, seiner Haut drin verpackt war, dieser Haut, die bei der kleinsten Gewichtsabnahme faltig wurde, ja, auch trockener und rissiger war als früher. Das Altern konnte einem richtig einfahren, einen richtig aufrütteln.
Und das Männchen wurde grün und lebendig. Schwegler schaute nach links und rechts, zwei Kolonnen bildeten sich. Er ging, achtete darauf, bei jedem Schritt ein Stück gelben Zebrastreifen unter seinen Gummisohlen zu treten, diesen dicken, neuen Streifen zu schätzen, zu benutzen. Dann bemerkte er eine Schweinerei im Bereich dieses neuen, so strahlend gelben, so besonders dicken Streifens. Da lagen Fetzen einer Einkaufsstasche herum, gummiertes Grünzeug, ausgedrückte Zahnpasta ohne Tube, Shampoo mit Behälter und noch gebrauchstauglich. Schwegler überlegte, ob er das Shampoo an sich nehmen sollte, verwarf das aber, nicht seine Marke, nicht sein Geruch, nein.
Und dann entdeckte er vor sich und etwas angelehnt am Randstein einen kleinen Fleischpacken, darauf angeheftet einen Kassenzettel mit seinem Namen »Metzgerei Schwegler«. Da lagen doch tatsächlich zwei Kalbsschnitzel, Preis: 11.50, Datum: heute, Zeit: vor knapp zwei Stunden. Schwegler fröstelte. Langsam bückte er sich, fasste den kleinen Packen vorsichtig an, fürchtete sich, zu entdecken, dass die zwei Schnitzel womöglich beschädigt sein könnten, zerdrückt, zermalmt, zerbrochen, zerfallen trotz oberflächlicher Unversehrtheit und Lagerung im etwas kühlenden Schatten des Randsteins. Sogar der Kassenzettel war weiß geblieben, zeigte noch immer die Rundung, die Kassenzettel so zeigen, wenn sie sich von der Rolle gelöst haben, die auch noch ihre Herkunft zeigen, wenn sie schon bedruckt und abgetrennt in der Welt herumgetragen werden, falls sie nicht frühzeitig zerknüllt und weggeworfen in irgendeinem stinkenden Abfalleimer landen, was beinahe jeden Kassenzettel erwartet, irgendwann.
Lesung
Die Gewinner des OpenNet 2013, des traditionellen Schreibwettbewerbs der Solothurner Literaturtage, sind bekannt.
Die 36. Solothurner Literaturtage finden statt vom
30. Mai – 1. Juni 2014.
Zum Programm der: 35. Solothurner Literaturtage 2013

Hier finden Sie die Literaturtermine 2013.
Das Plakat 2013, gestaltet von Blanc de Titane, Zürich