Friederike Kretzen

Friederike Kretzen

Natascha, Véronique und Paul, Roman (Stroemfeld, 2012)


Es war Winter geworden. Eine andere Zeit hatte angehoben. Die Ära des „Jeder Mensch ist ein Sender“ war angebrochen. Politiker flogen in Kriegsgebiete mit ihren Fernsehstudios und Ehefrauen und zeigten keine Furcht. Oder sie schlachteten Lachse vor laufender Kamera und zeigten ihren Kindern, wie man sie unfehlbar mit einem Hieb zu Tode brachte. Damit warben sie für sich und ihr Ressentiment.  Empfindungen von Scham blieben denjenigen, die nicht auf Teufel komm raus sendeten und sich selbst zu Sendungen machten. Viele von ihnen, überwältigt von ihren Empfindungen, gingen im Mittelmeer unter.
Auf den Dächern lag eine feine Schicht Schnee. Es war bereits das Jahr 2010, und wie sollte je ein Mensch wissen, was mit ihm in seiner Zeit geschehen war. Am Vorabend, kurz vor Mitternacht, als Véronique aus einem lärmigen Lokal, in dem sie mit ein paar Freundinnen gesessen hatte, auf die Strasse trat, schneite es in feinen, schuppenartigen Plättchen, und sie sprang in die Höhe und rief: Es schneit, es schneit. Sofort fühlte sie sich wie in einem Film, und wäre Natascha dagewesen, hätte sie gewusst, in welchem. Sie hätten zusammen auf dem breiten Bürgersteig unter dem vom Schneefall leicht gewordenen Himmel mit übertriebenen Gesten getanzt, als wären sie Bärinnen. Die Stassenlampe hätte zugeschaut, die Welt wäre gross gewesen und hätte sich in leicht ruckenden Bruchteilen von Sekunden um die eigene Achse gedreht. Denn was wir für Zeit hielten, waren diese winzigen Momente, die einander ablösten, ohne zu vergehen, und dazwischen war das kaum merkliche Rucken zu spüren, mit dem sich die Erde in unendlich vielen Zeiten immer um die eigene Achse drehte. Und alles, was wiedergekommen war, war auch wieder gegangen, und das war sein Wiederkommen gewesen; dieses Weggehen und Weitergehen.
Diesmal war ich es, die Paul anrief, und ich sagte:
Wir sind noch da.
Wer?
Die Freunde des Sommers, unsere Liebe, die Theater, ihre Bühnen und Hinterhöfe, alte Kohle- und Briketthandlungen, die Küche von Natascha, der Neusser Wall und seine Bäume im Wind, New York, die Bowery. Erinnere dich.
Du meinst wir? sagte Paul.
Ich meine die Zeiten, die Tage, das Land, was wir Geschichte nennen, die wir kennen, und doch haben wir das Gefühl, noch nie dagewesen zu sein. Dieses Land, das in der Zeit liegt, dem wir als Wanderschauspieler über Wiesen, Hochländer, an Bahnlinien vorbei im Staub entgegenziehen.
Ja, die Jugend, Véronique, sagte Paul. Das Zögern.
Kommen und Gehen, das ist unsere Musik, Paul.
Nein, Véronique, wir kommen wieder.
Nein, Paul, wir sind geblieben. Ich schliesse die Augen und sehe uns vor mir. Deine Schulter an meiner, darüber unsere Köpfe, in denen die Augen auf- und zugehen. Und wie du sagtest: Also dann. Oder du sagtest: Tränen, und meintest die der Freude.
Sieh doch, sagte Paul, da sind Natascha und Véronique, sie denken an Natascha und Véronique. Sie warten auf Paul, der angerufen hat und jeden Moment auftauchen wird. Er wird, ganz wie es seine Art ist, an Paul denken und sein Lied singen. Und dann wäre der Sommer da und sänge: „Ne me quitte pas“.

Lesung