
Zwischen „Kreuz“ und Landhaus
In Solothurn verwandelt sich einmal im Jahr die kurze Strecke vom Palais Besenval bis zum „Kreuz“ und zum Landhaus in eine literarische Landschaft. Diese kurze Strecke wird verblüffend lang, denn sie ist mit einer Art weltvergrösserndem Stoff angereichert, es ist, als geselle sich zur Materie des Strassenbelags, der Häuser, der Tische, der Stühle und Stände die Antimaterie der Sprache, der Ideen, der Träume, und bringe Raum und Zeit durcheinander. Die paar Schritte vom „Kreuz“ ins Landhaus können, wie im Nô-Theater, zu einer Reise werden, weil man unterwegs auf Gedanken prallt, weil Worte wie Starenschwärme niedergehen, weil man in den Schatten von Fragezeichen gerät und sich von direkter Rede umstellt sieht, und dann sind mittendrin, das macht die Landschaft noch unsicherer, soviele Leibhaftige da, die einem das Jahr hindurch nur in ihrem sprachlichen Astralleib begegnen.
So kann es durchaus sein, dass man vom „Kreuz“ zu einer Lesung ins Landhaus aufbricht, ohne jemals dort anzukommen.
Habe ich vor dem „Kreuz“ nicht soeben noch Niklaus Meienberg und Otto F.Walter an einem Tischchen sitzen sehen, nachdem sie sich öffentlich über Meienbergs „Subrealismus“-Rüge zerzaust hatten, und habe ich sie nicht gefragt damals, ob sie jetzt wieder miteinander sprächen, denn der eine blickte mit hochrotem Kopf auf seinen Aschenbecher, in dem er die nicht ganz fertig gerauchte Zigarette ausdrückte, und der andere starrte mit dem Blick eines Raubvogels auf weitere Opfer in der Szene. Beide beteuerten ihre Dialogfähigkeit, die aber wenig später wieder zerfiel, als Meienberg die Summe nannte, die Otto F.Walter vom Schweizerischen Literaturarchiv für seinen Nachlass bekommen hatte, oder bekommen haben sollte.
Und habe ich nicht beim Anblick von Claude Simon zugeben müssen, dass ich ihn bereits für tot gehalten hatte, weil ich so lange nichts von ihm gehört, geschweige denn gelesen hatte, und von Ismail Kadare, dem Albaner, wusste ich auch nicht sicher, ob er überhaupt existierte oder ob er als General einer toten Armee unter den Legenden abzubuchen sei, doch die Hand, die ich ihm drückte, war echt, und zu sagen hat man sich manchmal erstaunlich wenig. Trotzdem erliege ich fast jedes Jahr wieder der Gravitationskraft der unendlichen Strecke zwischen „Kreuz“ und Landhaus, vielleicht sehe ich heuer am Meienberg-Walter- Versöhnungstischchen Gottfried Keller mit Thomas Hürlimann über Europa streiten, und Gottfried Keller wäre ohnehin etwas verärgert, weil sein Vorschlag, Theodor Storm als ausländischen Gast einzuladen, von der Frauenmehrheit in der Programmkommission abgelehnt worden wäre, zugunsten von Bertha von Suttner und ihrem Antikriegsroman “Die Waffen nieder!”, und Mariella Mehr wirft am Nebentisch dem verdutzten C.F.Meyer vor, das Zigeunerklischee nicht hinterfragt zu haben, und ihr grosser Hund knurrt bedrohlich unter dem Tisch hervor, während an der engen Bartheke im „Kreuz“ Friedrich Glauser jeden, der vorbeigeht, um etwas Stoff bittet, Peter Bichsel sagt ihm, er habe keinen, aber er kenne jemanden, der ihm da vielleicht weiterhelfen könne, während ihn Adolf Muschg besorgt fragt, ob er sich nicht bei „Pro Helvetia“ um ein Entzugsprogramm kümmern solle, das man vielleicht als Werkbeitrag deklarieren könnte, und zuäusserst auf einer Bank sitzt C.F.Ramuz im Gespräch mit Monique Laederach und Anne Cunéo, und kein Deutschschweizer dabei, und ich nehme mir schon jetzt vor, ihn zu fragen, nach welchen Prinzipien er in seinen Romanen vom Imperfekt ins Perfekt und Präsens wechsle, wenn ich auf dem Weg zu einer Lesung im Landhaus nur kurz bei ihm stehen bleiben werde.
Vielleicht schaff ich’s aber doch noch in einen Workshop oder eine Diskussionsrunde, denn da werden immer wieder die Fragen gestellt, die gerade jetzt gestellt werden müssen: Kann Literatur? Darf Literatur? Soll Literatur? Muss Literatur?
Keine Krise, die nicht im Gemeinderatssaal oder in der Säulenhalle benannt, erkannt und eloquent analysiert, wenn nicht gar niedergerungen wurde, die Krise der Lyrik, die Krise des Theaters, die Krise des Romans, die Krise der Kritik, die Krise der Mundartliteratur.
Kein Ende, das hier nicht diagnostiziert und debattiert wurde, das Ende der Innerlichkeit, das Ende der Sachlichkeit, das Ende der engagierten Literatur und das Ende des Elfenbeinturms, und wenn alles besprochen und erschöpfend behandelt worden ist und einen Moment lang niemand mehr etwas sagt, kommt ein frecher junger Kerl und fragt: Warum schweigen die Schriftsteller? Und sofort fängt alles wieder von vorne an. Als sich vor dreissig Jahren Noldi Lüthy, Hanspeter Rederlechner, Otto F. Walter, Rolf Niederhauser und Fritz H. Dinkelmann mit Vrony Jaeggi zusammensetzten, hatten sie eine Idee, und die war: wir könnten doch in Solothurn Literaturtage veranstalten. Gute Ideen sind manchmal so einfach, dass sie fast niemand sieht, obwohl sie schon lange herumliegen, oder –schweben. Es muss einfach jemand dran glauben, in Montreux und Willisau an den Jazz, in Rauris und Solothurn an die Literatur. Und inzwischen waren sie fast alle da, von Max Frisch bis zu Günter Grass, von Adelheid Duvanel bis zu Friederike Mayröcker, von Alain Robbe-Grillet bis zu Agota Kristof, von Ernst Jandl bis zu Robert Gernhardt, nur Dürrenmatt wollte nicht kommen: da sollen die jüngeren hin, sagte er, und Handke kam auch nicht, da sollen die älteren hin, sagte er.
Es waren viele da, es waren geradezu erschreckend viele da. Klaus Merz erzählte mir, als er zum ersten Mal an die Solothurner Literaturtage gekommen sei, nicht als lesender Autor, sondern als Besucher, habe er vor dem “Kreuz” alle sitzen sehen, den Marti, den Bichsel, den Steiner, die Pedretti, den Federspiel, den Walter, und sei sofort wieder umgekehrt und nach Hause gefahren, im sicheren Bewusstsein: da gehörst du nicht hin.
Ich erinnere mich auch, wie Alex Gfeller einmal aufgestanden war beim Samstagabendznacht, und sagte, er sei hierher gekommen, weil die Tage angepriesen worden seien als ein Ort der Begegnung, wo Autoren mit andern Autoren und mit Leserinnen und Lesern ins Gespräch kommen könnten, wo das Publikum hautnah in Kontakt mit den Schriftstellern käme und der Schriftsteller ebenso mit seinem Publikum; er sei nun zwei Tage dagewesen, und mit ihm habe niemand das Gespräch gesucht, niemand habe ihn angesprochen, um etwas von ihm über seine Literatur zu erfahren, niemand habe mit ihm in Kontakt kommen wollen, hautnah schon gar nicht, deshalb reise er jetzt wieder ab.
Auch das ist möglich an den Literaturtagen, auch das ist ein mögliches Bild dieser Veranstaltung, eine literarische Milchstrasse mit lauter Planetensystemen, die um sich selbst kreisen, und dazwischen ein paar Kometen, die ratlos verzischen.
Wenn eine der Hauptbeschäftigungen an den Literaturtagen die ist, sich schon zu kennen, genügt das wohl nicht ganz. Ich nehme mir jedenfalls immer vor, hier auch neue Planeten kennen zu lernen, aufgehende Gestirne, die heute noch zwischen “Kreuz” und Landhaus kreisen. Denn hier, das zeigt ein Blick auf die Gästeliste der letzten dreissig Jahre, sind viele Junge aufgetreten, die später auch zu denen gehörten, die man kannte, und Solothurn hat dazu beigetragen, sie bekannt zu machen. Die Tage sind zu einem Treffpunkt geworden von Literaturvermittlern aus dem In- und Ausland, von Verlagen, Kulturinstituten und Universitäten, zu einem Treffpunkt auch der vier Landessprachen und ihrer Literaturen, zu einer perennierenden Massnahme gegen Rösti-, Polenta- und Pizokelgräben. Und all das, weil da ein paar Leute vor dreissig Jahren eine einfache Idee hatten.
Aber eine Idee allein genügt noch nicht, es braucht Menschen, die ihre Kraft dafür einsetzen, sie zu verwirklichen, und wer je einen nicht halb so grossen Anlass organisiert hat, weiss, wieviel Zeit man vertelefoniert, wieviele Mails über den Bildschirm flackern, wieviele Telefonbeantworter besprochen werden müssen und wieviele SMS auf die winzige Handytastatur getippt werden müssen, und wir alle ahnen auch, wie der immer mühsamere Kampf um Gelder der immer sparsameren öffentlichen Hand und der privaten Sponsoren an den Kräften und oft auch an der Würde zehrt, und deshalb freut es mich enorm, dass die Literaturtage heute mit einem so schönen und nahrhaften Preis wie dem Zurlauben-Preis für Sprach- und Buchkultur“ der Zuger Kulturstiftung Landis & Gyr geehrt wird, und ich bin sicher, dass dieses Geld dafür sorgen wird, dass die kurze Strecke zwischen „Kreuz“ und Landhaus so lang und wortreich bleibt, wie sie es bisher war.
Homepage der Zuger Kulturstiftung Landis und Gyr

Plakat 2010 gestaltet von Reto Wahlen, Solothurn
Die 33. Literaturtage finden statt vom 3. bis 5. Juni 2011, wie immer am Auffahrtswochen-
ende.
Hier finden Sie die wichtigsten Literaturtermine.
OpenNet, der tradi-
tionelle Schreibwettbe-
werb der Solothurner Literaturtage