

Nicht bei Trost. Mikrologien, Z.: 20001-20148
es ist nicht einfach
den Anfang eines Textes
überzuführen
in einen Textteil der sich
20005 kaum unterscheidet
der wieder ein Anfang ist
um ein Geringes
nur weiter geschoben auf
der Achse der Zeit
20010 den Dingen wende ich mich
wieder zu nicht als
Denkender der sie nur als
etwas Gedachtes
und so Vergleichbares denkt
20015 ich werde neben
ihnen unauffällig mich
hinsetzen und sie
mit einer Art Sprechgesang
begleiten darin
20020 müsste ich mich und sie sich
wiedererkennen
ein Unterfangen ohne
bestimmbares Ziel
ohne Sinn den man zügig
20025 ansteuern könnte
jedoch was sich zeigt ist das
Unaufhaltsame
im Ganzen1 eine Einsicht
getränkt mit herber
20030 Sinnlichkeit süß und bitter
bei flackerndem Licht
was wir sehen blickt uns an2
und nicht nur dies
es beginnt zugleich auch ein
20035 oft langatmiges
ausuferndes Erzählen
von unmöglichen
und möglichen Geschichten
aus der Zukunft
20040 von längst schon Vergangenem
diese mit Blumen
geschmückte Glocke die noch
nicht im Turm hängt die
im Schatten eines Baumes
20045 regungslos wartet
was berichtet sie jetzt schon
was wird sie später
verkünden hoch über dem
Kopfsteinpflaster der
20050 kleinen slowenischen Stadt3
den Fischen die im
Oberlauf unterwegs sind
der Sava träumend
vom Zusammenfluss mit der
20055. Donau und von der
Mündung ins Schwarze Meer
ununterbrochen
stell ich Anderes mir vor
und wiederhole
20060 Eigenes in der Hoffnung
dass im Gesagten
stets etwas ungesagt bleibt4
was zur Sprache kommt
ist die Widerständigkeit
20065 der Dinge die sich
zwar ereignen doch zugleich
auch sich verweigern
mein Reden bezeichnet die
Übergänge und
20070 markiert Niederlassungen
nicht bewohnbare
wo das Einzelne fremd bleibt
und unbegreiflich
während das Ganze vielleicht
20075 doch einen Sinn hat
der ab und an aufleuchtet
so dass ich meine
zu verstehen sei möglich
zum Beispiel dass ich
20080 zwar unterwegs bin doch nicht
auf einer Reise
die mich weit weg führt sondern
nur weil ich mich zu
einigen Botengängen
20085 verpflichtet habe
zwischen den braunfleckigen
Blättern die Nüsse
ich lese sie auf löse
sie aus den grünen
20090 fasrig-fleischigen Hüllen
im warmen Zimmer
lege ich sie auf den Tisch
bis die hölzernen
Schalen trocken und hell sind
20095 auch meine Mutter
hat stets Nüsse gesammelt
und sie im Winter
aufgebrochen zerkleinert
und vor dem Fenster
20100 den frierenden Spatzen und
Meisen verfüttert
diese unerwarteten
Wiederholungen
bilden die wertvollste Form
20105 des Gedächtnisses
sie sind auch ein Vergessen
(der Ursprünge) und
Pflicht auf andere Weise
neu zu beginnen5
20110 mit dem Verteilen von Licht
und Schatten mit der
Neueinbettung der Felsen
ins Wasser um so
Flussläufe umzulenken
20115 kleinere Seen
trockenzulegen oder
noch unbenannte
Mulden zu fluten vielleicht
gelingt es sogar
20120 eine der Wasserscheiden
leicht zu verschieben
die Winterproduktion von
Eiszapfen gilt es
sicherzustellen6 damit
20125 das Unfassbare
erstarrt in glasklarer Form
ein Verfahren das
sich vielleicht übertragen
lässt um kurzfristig
20130 vorbeihuschendes Leben
ruhig zu stellen
bevor es sich wieder in
Bewegung setzt als
erfahrbare endlose
20135 Ausfaltung Gottes
eine explicatio7
an der die Sprache
teilhat weil sie sie antreibt
schon das erste Wort
20140 hat ein Universum aus
dem Wolkendunkel
hervorgeholt8 in dem Gott
sich lange verbarg9
dieses Wort fand sich weil es
20145 niemand gesucht hat
(überhaupt könnte es sein
dass finden ohne
zu suchen besser gelingt)
120027: Georg Christoph Lichtenberg berichtet in einem Brief (vom 21. April
1786 an Gottfried Hieronymus Amelung) von seinen Eindrücken auf rauer See:
„Das Unaufhaltsame im ganzen, die menschliche Verwegenheit und der Geist,
der sich hierin zeigt, verbunden mit dem Donner der Wogen, was man aus der
Ferne hört, haben mir in Wahrheit Tränen, ich weiß nicht, wie ich sie nennen
soll, der Andacht, des Entzückens oder der Demütigung vor dem großen Urheber
ausgepresst. […] Es ist kein größerer Anblick in der Natur …" : Ders.,
Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 490.
220032: Titel eine Buches von Georges Didi-Huberman: Was wir sehen blickt
uns an [Ce que nous voyons, ce qui nous regarde], München 1999.

320041-20050: [Foto:] Marijanka Globocnik: „Novi zvon", Radovljica 2006.
420060-20062: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, München 1984,
S. 58: „… wenn etwas gesagt werden soll, so darf es nie ganz gesagt sein."
520102-20109: a.a.O., S. 88: „… eine Tradition, das heißt laut Husserl: das
Vergessen der Ursprünge, die Pflicht, auf andere Weise neu zu beginnen, der
Vergangenheit nicht ein Überleben zu verleihen …, sondern die Wirksamkeit
einer Wiederaufnahme oder einer ‚Wiederholung', welche die edle Form des
Gedächtnisses ist."

620122-20124 [Bild]: Roberto Donetta (1865-1932): Produzione di ghiaccio; in:
Roberto Donetta. Pioniere della fotografia nel Ticino di inizio secolo, Firenze
1993, S. 51.
720133-20136: Ein zentraler Gedanke bei Nikolaus von Kues, wobei Gott nicht
nur als Ausfaltung (explicatio) der Welt, sondern auch als deren Einfaltung zum
absoluten Einen (complicatio) verstanden wird. Siehe z. Bsp.: Nikolaus von
Kues, De docta ignorantia, (Buch 2, Kp.3): „Deus ergo est omnia complicans in
hoc, quod omnia in eo. Est omnia explicans in hoc, quod ipse in omnibus."
(„Gott ist die Einfaltung von allem insofern, als alles in ihm ist, er ist die
Ausfaltung von allem insofern, als er in allem ist.")
820139-20142: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, hg. von Claude
Lefort, München 1984, S. 121: „Die erste Malerei inauguriert eine Welt, das
erste Wort eröffnet ein Universum."
920141-20143: Erstes Buch der Könige, 8,12: „Der Herr hat gesagt, dass er
wohnen will im Wolkendunkel."
Lesung
Die Gewinner des OpenNet 2013, des traditionellen Schreibwettbewerbs der Solothurner Literaturtage, sind bekannt.
Die 36. Solothurner Literaturtage finden statt vom
30. Mai – 1. Juni 2014.
Zum Programm der: 35. Solothurner Literaturtage 2013

Hier finden Sie die Literaturtermine 2013.
Das Plakat 2013, gestaltet von Blanc de Titane, Zürich