Franz Dodel

Franz Dodel. Foto: Beat Schweizer

Nicht bei Trost. Mikrologien, Z.: 20001-20148

    es ist nicht einfach
    den Anfang eines Textes
    überzuführen
    in einen Textteil der sich
20005 kaum unterscheidet
    der wieder ein Anfang ist
    um ein Geringes
    nur weiter geschoben auf
    der Achse der Zeit
20010 den Dingen wende ich mich
    wieder zu nicht als
    Denkender der sie nur als
    etwas Gedachtes
    und so Vergleichbares denkt
20015 ich werde neben
    ihnen unauffällig mich
    hinsetzen und sie
    mit einer Art Sprechgesang
    begleiten darin
20020 müsste ich mich und sie sich
    wiedererkennen
    ein Unterfangen ohne
    bestimmbares Ziel
    ohne Sinn den man zügig
20025 ansteuern könnte
    jedoch was sich zeigt ist das
    Unaufhaltsame
    im Ganzen1  eine Einsicht
    getränkt mit herber
20030 Sinnlichkeit süß und bitter
    bei flackerndem Licht
    was wir sehen blickt uns an2 
    und nicht nur dies
    es beginnt zugleich auch ein
20035 oft langatmiges
    ausuferndes Erzählen
    von unmöglichen
    und möglichen Geschichten
    aus der Zukunft
20040 von längst schon Vergangenem
    diese mit Blumen
    geschmückte Glocke die noch
    nicht im Turm hängt die
    im Schatten eines Baumes
20045 regungslos wartet
    was berichtet sie jetzt schon
    was wird sie später
    verkünden hoch über dem
    Kopfsteinpflaster der
20050 kleinen slowenischen Stadt3 
    den Fischen die im
    Oberlauf unterwegs sind
    der Sava träumend
    vom Zusammenfluss mit der
20055. Donau und von der 
    Mündung ins Schwarze Meer
    ununterbrochen
    stell ich Anderes mir vor
    und wiederhole
20060 Eigenes in der Hoffnung
    dass im Gesagten
    stets etwas ungesagt bleibt4 
    was zur Sprache kommt
    ist die Widerständigkeit
20065 der Dinge die sich
    zwar ereignen doch zugleich
    auch sich verweigern
    mein Reden bezeichnet die
    Übergänge und
20070 markiert Niederlassungen 
    nicht bewohnbare
    wo das Einzelne fremd bleibt
    und unbegreiflich
    während das Ganze vielleicht
20075 doch einen Sinn hat 
    der ab und an aufleuchtet
    so dass ich meine
    zu verstehen sei möglich 
    zum Beispiel dass ich
20080 zwar unterwegs bin doch nicht
    auf einer Reise
    die mich weit weg führt sondern
    nur weil ich mich zu 
    einigen Botengängen 
20085 verpflichtet habe
    zwischen den braunfleckigen
    Blättern die Nüsse
    ich lese sie auf löse
    sie aus den grünen
20090 fasrig-fleischigen Hüllen
    im warmen Zimmer
    lege ich sie auf den Tisch
    bis die hölzernen
    Schalen trocken und hell sind
20095 auch meine Mutter
    hat stets Nüsse gesammelt
    und sie im Winter
    aufgebrochen zerkleinert
    und vor dem Fenster
20100 den frierenden Spatzen und
    Meisen verfüttert
    diese unerwarteten
    Wiederholungen
    bilden die wertvollste Form
20105 des Gedächtnisses
    sie sind auch ein Vergessen
    (der Ursprünge) und
    Pflicht auf andere Weise
    neu zu beginnen5 
20110 mit dem Verteilen von Licht
    und Schatten mit der
    Neueinbettung der Felsen
    ins Wasser um so
    Flussläufe umzulenken
20115 kleinere Seen
    trockenzulegen oder
    noch unbenannte
    Mulden zu fluten vielleicht
    gelingt es sogar
20120 eine der Wasserscheiden
    leicht zu verschieben
    die Winterproduktion von
    Eiszapfen gilt es
    sicherzustellen6  damit
20125 das Unfassbare
    erstarrt in glasklarer Form
    ein Verfahren das
    sich vielleicht übertragen
    lässt um kurzfristig
20130 vorbeihuschendes Leben
    ruhig zu stellen
    bevor es sich wieder in
    Bewegung setzt als
    erfahrbare endlose
20135 Ausfaltung Gottes
    eine explicatio7 
    an der die Sprache
    teilhat weil sie sie antreibt
    schon das erste Wort
20140 hat ein Universum aus
    dem Wolkendunkel
    hervorgeholt8  in dem Gott
    sich lange verbarg9 
    dieses Wort fand sich weil es
20145 niemand gesucht hat
    (überhaupt könnte es sein
    dass finden ohne
    zu suchen besser gelingt)

 120027: Georg Christoph Lichtenberg berichtet in einem Brief (vom 21. April
1786 an Gottfried Hieronymus Amelung) von seinen Eindrücken auf rauer See:
„Das Unaufhaltsame im ganzen, die menschliche Verwegenheit und der Geist,
der sich hierin zeigt, verbunden mit dem Donner der Wogen, was man aus der
Ferne hört, haben mir in Wahrheit Tränen, ich weiß nicht, wie ich sie nennen
soll, der Andacht, des Entzückens oder der Demütigung vor dem großen Urheber
ausgepresst. […] Es ist kein größerer Anblick in der Natur …" : Ders.,
Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 490.

 220032: Titel eine Buches von Georges Didi-Huberman: Was wir sehen blickt
uns an [Ce que nous voyons, ce qui nous regarde], München 1999.

320041-20050: [Foto:] Marijanka Globocnik: „Novi zvon", Radovljica 2006.

 420060-20062: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, München 1984,
S. 58: „… wenn etwas gesagt werden soll, so darf es nie ganz gesagt sein."

  520102-20109: a.a.O., S. 88: „… eine Tradition, das heißt laut Husserl: das
Vergessen der Ursprünge, die Pflicht, auf andere Weise neu zu beginnen, der
Vergangenheit nicht ein Überleben zu verleihen …, sondern die Wirksamkeit
einer Wiederaufnahme oder einer ‚Wiederholung', welche die edle Form des
Gedächtnisses ist."

620122-20124 [Bild]: Roberto Donetta (1865-1932): Produzione di ghiaccio; in:
Roberto Donetta. Pioniere della fotografia nel Ticino di inizio secolo, Firenze
1993, S. 51.

  720133-20136: Ein zentraler Gedanke bei Nikolaus von Kues, wobei Gott nicht
nur als Ausfaltung (explicatio) der Welt, sondern auch als deren Einfaltung zum
absoluten Einen (complicatio) verstanden wird. Siehe z. Bsp.: Nikolaus von
Kues, De docta ignorantia, (Buch 2, Kp.3): „Deus ergo est omnia complicans in
hoc, quod omnia in eo. Est omnia explicans in hoc, quod ipse in omnibus."
(„Gott ist die Einfaltung von allem insofern, als alles in ihm ist, er ist die
Ausfaltung von allem insofern, als er in allem ist.")

  820139-20142: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, hg. von Claude
Lefort, München 1984, S. 121: „Die erste Malerei inauguriert eine Welt, das
erste Wort eröffnet ein Universum."

  920141-20143: Erstes Buch der Könige, 8,12: „Der Herr hat gesagt, dass er
wohnen will im Wolkendunkel."

 Lesung