
Es war Anfang der 80er Jahre, als ich zum ersten Mal an den Literaturtagen war. Ich ging seit wenigen Wochen in Solothurn zur Schule. Es war wie selbstverständlich, dass mein bester Freund Peter und ich uns an diesem Freitag nach der Schule Richtung Kreuzsaal aufmachten (schliesslich lag der quasi auf dem Nachhauseweg, zwischen Schule und Bahnhof) und uns in die erstbeste Veranstaltung setzten: „Workshop mit Franz Hohler“. Franz Hohler stand in dunkelbraunen Manchesterhosen vor uns, strich sich über den Bart und fragte, ob wir Lust hätten, mit ihm zu spielen und zum Schluss eine Kollektivgeschichte zu verfassen. Bestürzt schauten wir uns an. „Lass uns abhauen“, sagte ich zu Peter. Als alle aufstanden und sich für ein Sprach-Aufwärmspiel in den Kreis setzten, schlichen wir uns davon. Später sassen wir vor dem Kreuz, eine Cola vor uns, und schauten herum.
Hier draussen war uns behaglicher. Wir blätterten das Programmheft durch und suchten an den Nebentischen nach realen Entsprechungen der Fotos. Sobald wir fündig wurden, lasen wir uns die Titel der Bücher vor, die jene unbekannten Gesichter aus dem Programmheft respektive am Nebentisch verfasst hatten. Wir waren elektrisiert, wir waren begeistert. Was für schöne Titel! Das mussten grosse Schriftstellerinnen, grosse Schriftsteller sein! Die Titel prangten an ihren abgetragenen Jacken wie Orden.
Ich glaube nicht, dass ich hätte schreiben müssen, wenn es die Literaturtage nicht gegeben hätte. Ohne einen Ort, wo die Literatur physisch spürbar war, hätte mir das Lesen genügt. Es ist, wie wenn einer Fussball nur vom Fernsehen kennt. Wer nie einen Fussballplatz, wer nie ein Stadion betritt, wird kaum Fussballer. Es braucht den Geruch und es braucht eine Tradition. Die Literaturtage existieren nicht für sich selbst, sie stehen im Dienst der Literatur. Ich und viele andere Autoren verdanken den Literaturtagen viel. Die Literatur hat es nicht leicht, weil sie in einer visuellen Welt unsichtbar zu werden droht.
Die Partner der Literaturtage helfen, der Literatur eine Plattform zu geben und Begegnung zu ermöglichen. Sie helfen, den Mythos Literatur, dem alle verfallen sind, die je mit Genuss und Hingabe ein Buch gelesen haben, Gestalt annehmen zu lassen. Ich danke Ihnen, dass Sie die Literatur in der Schweiz unterstützen.
Franco Supino
Schriftsteller, Solothurn

Plakat 2010 gestaltet von Reto Wahlen, Solothurn
Die 33. Literaturtage finden statt vom 3. bis 5. Juni 2011, wie immer am Auffahrtswochen-
ende.
Hier finden Sie die wichtigsten Literaturtermine.
OpenNet, der tradi-
tionelle Schreibwettbe-
werb der Solothurner Literaturtage