
Es gibt tausend Arten, wie die Literatur Grenzen auslotet, ausweitet, überschreitet, überwindet, überspringt oder umspielt. Die Solothurner Literaturtage präsentieren und inszenieren dieses Jahr literarische Übergangszonen aller Art. Als Expertin für Zweideutigkeit gehört Brigitte Kronauer, Grande Dame der deutschen Literatur, zu den prominenten Gästen. An ihrer Lesung wird man miterleben können, wie sich die Dinge unter ihrem Blick auffächern, wie sie mit der Präzision und Fantasie ihrer Sprache Grenzen auflöst, bis sich die kleinsten Zwischenräume zu visionären Welten ausweiten.
In Diskussionen, Werkstattgesprächen und Performances wird über die fliessenden Grenzen zwischen den Genres nachgedacht, auch über Text und Musik, Text und Bild – hier ist der französische Autor und Illustrator Frédéric Pajak zu entdecken, der übrigens aus der Schweiz stammt. Ausserdem ist der Prozess des Übersetzens ein Thema, oder die Verwandtschaft zwischen Literatur und Literaturkritik, zwischen Schreiben und Reisen. Und immer wieder führen alle Wege nach Afrika.
«Die Schweizer schätzen wohl nicht besonders das Doppel- und Zweideutige. Sie nehmen die Dinge wörtlich …» – was Brigitte Kronauer in einem Essay über die Schweiz beobachtet, mag für die alltägliche Kommunikation zutreffen; in der Literatur, die dieses Jahr in einer umfangreichen Werkschau vertreten sein wird, ist es gerade das Mehrdeutige, Vielschichtige, das die Autorinnen und Autoren fasziniert; Hanna Johansen zum Beispiel oder Christina Viragh, Eleonore Frey und Elisabeth Binder, Friederike Kretzen. Und nicht zuletzt Charles Lewinsky, der in seinem neuen Kinderbuch unter wildem Gelächter lehrt, die Welt – oder sagen wir: die Schweiz – mit den Augen eines Marsbewohners zu sehen. Dass Lewinsky die 29. Solothurner Literaturtage mit einer Lesung für alle Generationen eröffnet, darf man ruhig programmatisch verstehen. Schliesslich besitzt die Schweiz mit ihrer poetischen und verspielten Kinderliteratur eine verborgene Schatztruhe voller Geheimtipps – auch für Erwachsene, die sich nicht vor Grenzüberschreitungen fürchten.
Für die Programmkommission
Christine Lötscher
Plakat 2012, Nora Fluri und Alice Kolb, Bern
Die 34. Literaturtage finden statt vom 18. bis 20. Mai 2012, wie immer am Auffahrts-
wochenende.
OpenNet, der tradi-
tionelle Schreibwettbe-
werb der Solothurner Literaturtage