E. Y. Meyer

E. Y. Meyer

E. Y. Meyer, Wandlung (S. 35-37)

Um Punkt dreizehn Uhr dreizehn hatten sich dreizehn Männer, die alle, bis auf einen, um die fünfzig Jahre alt waren, am 13. August 1993 im historischen Fischer- und Weinbauernstädtchen Erlach vor dem Hotel du Port versammelt.
Eine gute Stunde lang waren sie über den Heidenweg marschiert, wie der von Schilf und Buschwerk gesäumte Landstreifen genannt wird, der seit der Juragewässerkorrektion eine schnurgerade Verbindung zum sich bewaldet aus dem Wasser erhebenden Inselhügel bildet und diesen so zu einer Halbinsel gemacht hat.
Ein heisser Sommertag.
Drückend. Düppig. Schwül.
Mit blendend weissen Quellwolken, die sich über dem Jura aufzutürmen begannen und für den Abend oder die Nacht ein Gewitter versprachen.

Nach der im Schatten alter Bäume auf dem Uferweg erfolgten Umrundung der Insel rissen sich einige von ihnen bei der Schiffsanlegestelle auf der Südseite, wo auf einem kleinen Platz im Auengehölz auf einer Säule eine Bronzebüste von Rousseau stand, die Kleider vom Leib und stürzten sich in den Badehosen, die sie mitgebracht hatten, oder einfach in den Unterhosen ins grünblaue Wasser des Sees.
Danach hatten sie sich ins ehemalige Inselkloster begeben, das in den Wiesen gelegen war, die sich hinter der Anlegestelle ausbreiteten.
Ein zweistöckiges, mit einem Walmdach und einem Türmchen versehenes Gebäude, in dem jetzt ein Restaurant und ein Hotelbetrieb untergebracht waren.
Einst ein Cluniazenserpriorat, im zwölften Jahrhundert erbaut, das dem damaligen Eiland, das zuvor ein prähistorischer Siedlungsplatz, ein römischer Kultort und ein burgundisches Machtzentrum gewesen war, den Namen gegeben hatte. Den des Apostels Petrus, des Hauptpatrons des Ordens.
Sie hatten das Rousseau-Zimmer besichtigt, den bis heute erhalten gebliebenen, bescheiden eingerichteten niedrigen Raum, in dem der Genfer Schriftsteller, Philosoph und Gesellschaftskritiker während seiner achtjährigen Exilzeit im Herbst 1765 während sieben Wochen Zuflucht gefunden hatte.
Im Innenhof der hufeisenförmigen Anlage hatten sie Fisch gegessen, Fische aus dem See. Eglifilets fritiert oder meunières mit Salzkartoffeln. Und dazu hatten sie Inselwein getrunken.
Ihr Diskussionsthema war:
Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu reinigen?
Die Frage, die schon 1749 von der Académie von Dijon als Preisfrage gestellt worden war.
Eine Frage, die, wie die Männer fanden, inzwischen nichts von ihrer Brisanz eingebüsst hatte
Nein, so hatte die eindeutige, die klare Antwort gelautet, die Rousseau, den Vorstellungen vieler Intellektueller der Zeit vehement widersprechend, auf die Frage gegeben hatte.
Ein Nein, das ihm nicht nur den ersten Preis eingebracht hatte, sondern ihn auch über Nacht europaweit bekannt werden liess.
Denn in seiner Abhandlung über die Wissenschaften und Künste, wie er seine Antwort nannte, sah er die nach Luxus strebende zeitgenössische europäische Gesellschaft klar und deutlich in die sittliche Dekadenz abgleiten.
...
Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, womit er sich abmüht unter der Sonne?
Für mich war die Insel in meiner Jugend zunächst als reiner Naturort ein Zufluchtsort gewesen.
Später auch als philosophischer Ort.
Der Stoff einer meiner ersten Erzählungen.
In einer Zeit, in der das Restaurant im ehemaligen Inselkloster noch eine alte, etwas verkommene Beiz gewesen war.
Ein Ort, der noch nicht Geschichte dargestellt, sondern Geschichte geatmet hatte.
Wo alte Fischer ihren Weisswein getrunken hatten.
Wo oft Ruhe geherrscht hatte. Stille.

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