

Das Buch, sein Autor, der Akanthus und die Übersetzerin
An einem Märztag des Jahres 2010 steht Péter Nádas in einem Park in Rom und betrachtet den Akanthus, der unter den Bäumen wächst. Er möchte ihn, sagt er, auch in seinem Garten haben, in Gombosszeg in Westungarn. Wenn die Blütezeit vorbei ist, wolle ich im Park unauffällig Samen holen, sage ich, und sie ihm schicken, wobei mir ein leiser Zweifel bleibt, ob sich diese mediterrane Pflanze, Symbol des Lebens und der Unsterblichkeit, Modell des korinthischen Säulenkapitells, an Westungarn gewöhnen kann. Ans ungarische Klima, das in jedem Sinn, meteorologisch, mental, um einiges entfernt ist von sonniger Lebensbejahung. Im dritten der neununddreißig Kapitel der Parallelgeschichten heißt es: „Der Wetterbericht hatte für den folgenden Tag ausgesprochen heiteres, warmes und sonniges Wetter angekündigt. Bei solchen Anlässen konnte man aber nie sicher sein, woran man war, vor offiziellen Feiertagen wurden die Vorhersagen meistens frisiert [...] schon am frühen Morgen des fünfzehnten März tobte ein stürmischer Nordwind über dem Land, eine Art dreitägiger Orkan, der besonders der Hauptstadt zusetzte [...] Die Quecksilbersäule des Thermometers fiel plötzlich um acht Grad, es fror fast schon wieder. Etwas Schreckliches war am Schauplatz der offiziellen Feierlichkeiten geschehen ...“
Natürlich, würde man als Ungar sagen, muss gerade am fünfzehnten März, dem Nationalfeiertag, ein schrecklicher Unfall passieren, der dieses politbürogelenkte Jahr 1961, von dem in einem großen Teil des Buchs die Rede ist, viel eher kennzeichnet als die mit der Feier beschworene Erinnerung an den Ausbruch des Freiheitskampfs der Ungarn gegen die Habsburger, 1848. Im europäischen Bewusstsein ist das Ereignis weit weniger verankert als etwa die Iden des März, an denen der berühmte Mord verübt wurde, an einem Ort, von dem der Autor der Parallelgeschichten an diesem Märztag ein paar Hundert Meter entfernt steht. Er kann ein Lied singen, und singt es auch, vom ungarischen Gefühl, in Europa nicht wirklich vorhanden zu sein. „Ich bin Ungar, sagte ich. Sie verstanden nicht, warum man sich deswegen schämen müsste ... Es hatte keine Bedeutung ... Hier gab es die verschiedensten Nationalitäten, sie aber fühlten sich mit diesen zwei großartigen Sprachen überall zu Hause. Das verleiht noch dem größten Idioten ein unglaubliches Selbstvertrauen. Glaub mir, das verstehen wir Ungarn nicht ...“
Der das sagt, ist Ágost, eine der zentralen Figuren der Parallelgeschichten, ein schillernder „schöner Mann“, von brutal karrierebewusst zu zerbrechlich depressiv, der, typisch für ihn, typisch für den Roman, diese Betrachtungen im Bett anstellt, sie seiner Geliebten ins Ohr flüstert. Die sie tatsächlich nicht versteht, sie kann nur trotzig sagen: „Ich war nie im Ausland, nirgends.“ Nein, Gyöngyvér mit dem unmöglichen Namen, sie selbst empfindet ihn so, war noch nie an einem Ort, wo eine „großartige Sprache“ das Gefühl der Beschränktheit und Einschränkung aufhebt und in Selbstsicherheit verkehrt. Ágost selber, der den Vergleich zwischen Mentalitäten und Sprachen anstellen kann, da er in der Schweiz im Internat aufgewachsen ist, klingt, während er seine Klage übers Ungarsein vorbringt, so: „Itt aztán volt mindenféle náció, de ők voltak otthon mindenütt ebben a két oriási nyelvben. Ez hihetetlen öntudatot kölcsönöz még a leghülyébbnek is. Elhiheted, ezt mi nem értjük ...“
Keine großartige Sprache, wie er meint. Aber sicher doch, würde ich als Übersetzerin erwidern und mich über die Synthetik, die Bedeutungsdichte, des Ungarischen auslassen, die großartigen Möglichkeiten dieser Synthetik, wie sie etwa im Verb „elhiheted“ stecken, „du kannst es glauben“, vier deutsche Wörter in einem ungarischen, was ich, um die Dichte nicht zu verwässern, einfach mit „glaub mir“ übersetze. Dafür füge ich ein „Ungarn“ ein, der Satz lautet im Original nur „Glaub mir, das verstehen wir nicht“, denn „wir“ auf Deutsch und auf Ungarisch ist hier nicht dasselbe, auf Deutsch kann man es so verstehen, dass nur wir beiden gemeint sind, auf Ungarisch ist es der emotional geladene Hinweis auf die kollektive Befindlichkeit.
So sind „wir Ungarn“, zwar stolz auf eine literarische Tradition, die zur Weltklasse gehört, wobei wir uns mit unserer im indoeuropäischen Kontext isolierten Sprache doch im Abseits fühlen. Der Akanthus im römischen Park ist kein Zufall. Es geht um Zentrum und Peripherie, um Verschiebung und Übertragung, einer Pflanze nach Ungarn, eines ungarischen Texts aufs europäische Feld. Aufgabe der Übersetzerin, ja, aber in erster Linie die Aufgabe, die sich der Autor gestellt und mit diesem Opus magnum gelöst hat. Das Opus magnum, die rund tausendfünfhundert Seiten umfassenden Parallelgeschichten, ist in Ungarn 2005 unter dem Titel Párhuzamos történetek erschienen, mit dem Echo, das einem großen Werk und einem bekannten Autor zusteht. Péter Nádas ist ja mit Imre Kertész und Péter Esterházy einer der im In- und Ausland meistbeachteten Autoren des heutigen Ungarn.
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In: Péter Nádas lesen. Bilder und Texte zu den Parallelgeschichten. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg, 2012.
Lesung
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