Christian de Simoni

Christian de Simoni
Christian de Simoni

Rückseitenwetter. Roman (Poetenladen Berlin, 2011)
(Auszug)

Seit ich die Pille danach genommen habe, ist mein Eisprung immer bei Vollmond, erklärt Elgin.
Es ist mitten in der Nacht!
Sie kichert.
Dass ich das Telefon überhaupt gefunden habe, grenzt an ein Wunder.
Du hast keine Ahnung von Frauen, nicht?
Nein, sage ich, da hast du wohl Recht. Sehe verschiedenfarbige Tiere vorbeitanzen, den Rest habe ich vergessen.

Das Telefon, schon wieder.
Ich habe Gurken gekauft, sagt sie, Weinblätter. Hast du schon gegessen?
Nein, sage ich, was der Wahrheit entspricht. Ich liege ja noch im Bett.
Also, sie, ich komme vorbei.
Ich, überfordert: In einer halben Stunde.
Sie: O. k.
Das Telefon zurückgestellt, durchgeatmet. Dann schnell unter die Dusche, frische Kleider, rasieren. Flaschen weggeräumt, die Kaffeemaschine angeworfen, auf die Uhr geblickt: Erst zehn Minuten vergangen. Es bleibt etwas Zeit. Also kurz hinlegen. Ob ich etwas vorbereiten sollte, Kerzen? Zu früh wird sie nicht eintreffen, nimmt es mit der Zeit nicht so genau. Noch ein paar Minuten liegen bleiben. Gerade als es mir gelungen ist, meinen Herzschlag auf eine normale Frequenz hinunterzuatmen, klingelt’s. Hundertachtzig. Mindestens. Sie stürmt herein, trägt eine Tüte mit Essen, wirbelt in die Küche. Ich hinterher.
Hallo, sag ich, geht es gut?
Elgin öffnet das Fenster, den Schrank, reißt eine Pfanne hervor, gießt Wasser hinein, sortiert und wäscht mein Geschirr, putzt, wirft Abfall weg, ist nicht ansprechbar.
Soll ich helfen, frage ich. Sie lächelt.
Du kannst Zwiebeln schneiden, wenn du möchtest.
O. k.
Weißt du, fragt sie mich bei Kaffee und Zigarette auf dem Balkon, weshalb ich bei Männern so erfolgreich bin?
Nein, sage ich.
Es ist wegen meiner Figur. Ich bin schlank, das mögen die Männer.
Aha, sage ich. Sie hat Recht.
Die wollen alle mit mir schlafen. Heute im Zug, zum Beispiel. Setzt sich einer zu mir und spricht mich an. Dann am Bahnhof wieder einer. So geht das die ganze Zeit. Ich war auf dem Markt, hab ich das schon erwähnt? Auf dem Weg über die Brücke pfeift mir einer aus dem Autofenster nach. Und dein Hauswart; sie schüttelt den Kopf; testosterongesteuerte Idioten!
Ich sage nichts.
Wenn ich mich, fährt sie nach ein paar hastigen Zügen fort, etwas aufreizender kleiden würde, ich könnte mich kaum noch retten. Leider hab ich alles weggeworfen. Typen, sagt sie und macht eine wegwerfende Geste, haben das manchmal nicht ganz raus. War ich mit Bruno im Kickboxen, schlägt der volle Pulle. Rolf hat mir das Regal in der Küche installiert, ist ja nett, danke, aber wie der da mit dem Hammer draufschlug, stellte ich mir vor, wir hätten Sex; nein, danke. Manche haben das echt nicht so raus.
Also, sage ich, bin ich dir wohl auch zu grob?

Am nächsten Samstag klingelt sie um fünf. Diesmal bin ich vorbereitet, habe bereits eingekauft, die Wohnung geputzt, bin frisch geduscht und habe sogar die Post geholt und die Pflanzen gegossen. Sie stürmt zur Tür herein, hat Sekt mit, ich suche Gläser, der Korken fliegt, doch nur wenig schwappt über. Elgin hat die Flasche sorgsam getragen.

Lesung