
Auch wenn die Zeit ihre Spuren hinterliess, sind sich die Literaturtage im Kern treu geblieben: ein lebendiges Betriebsfest der Schweizer Literatur an den Ufern der Aare. Zum 30. Mal gehen in diesem Jahr die Solothurner Literaturtage (2.–4. Mai) über die Bühne. Das vor drei Jahrzehnten ins Leben gerufene «Forum für die aktuelle Schweizer Literatur» hat seither allen Stürmen getrotzt.
Die Solothurner Literaturtage sind eine Solothurner Geschichte. Ihre Anfänge verbinden sich mit den Namen Otto F. Walter, Peter Bichsel, Rolf Niederhauser und Fritz H. Dinkelmann – mit Solothurner Autoren also, die freilich nicht die Region im Sinne hatten, als sie vor dreissig Jahren eine Schweizer Tradition begründeten. Auf ihre Initiative hin wurde am 25. August 1978 der Verein Solothurner Literaturtage ins Leben gerufen, neun Monate später fand der Anlass erstmals am Wochenende nach Auffahrt statt.
Das erste Programmheft begrüsste die Besucher mit kaum überbietbarer Nüchternheit. «Laut ihrer Zweckbestimmung sind die Solothurner Literaturtage ein Forum für aktuelles Literaturschaffen in der Schweiz», lautete der einleitende Satz.
Die Anfänge
Die zwei gefalteten A4-Bätter wiesen auf das schmale Budget von rund 20000 Franken hin, die für diese erste Austragung zur Verfügung standen. Doch nicht Stars und Attraktionen waren das Ziel, sondern das vertiefende Gespräch sowie der Abbau von «Distanz, Befremden, Stummheit» zwischen Publikum und Literatur.
Gegen dreissig Autorinnen und Autoren, darunter einige unbekannte Neulinge, präsentierten sich in Gruppen zu viert oder sechst im Saal des Restaurants Kreuz. Daneben gab es Textwerkstätten von schreibenden Arbeitern und Frauen, und gemeinsam mit dem Publikum entwickelte Franz Hohler die Kurzgeschichte von einem Pfarrer, der zu spät zur Messe kam, weil er vom Meer geträumt hatte.
Den im Nachhinein umstrittenen Höhepunkt bildete im Landhaus die Abschlussdiskussion mit dem deutschen Gast Franz Xaver Kroetz «darüber, was in der Literatur fortschrittlich sei und was reaktionär, was demokratisch, was bürgerlich». Ein echauffierter Kritiker zeterte in der Zeitung «24 heures» über einen «entehrenden Tag, einmal mehr, für die Linke, die nicht aufhört, sich das Monopol der Misere und der ,richtigen‘ Ideen zuzusprechen».
Leisere Kritik erregte auch die Tatsache, dass nach den Lesungen kaum kritisch nachgefragt und diskutiert worden sei. Die Ankündigung eines literarischen Forums hatte offenkundig Erwartungen geweckt, die vorerst nicht erfüllt wurden. Insgesamt fiel das Urteil über die ersten Literaturtage dennoch positiv aus, sodass einer Zweitauflage nichts im Wege stand.
Die Literaturtage von 1980 knüpften an die erfolgreiche Premiere an. Der Gast Martin Walser erwies sich nicht mehr als umstrittener Provokateur, sondern als «brillanter Erzähler und Formulierer». Neu gab es ein übergreifendes Thema, «Literatur und Autobiographie», das die Vielfalt der Lesungen etwas bündeln sollte. Allerdings mit geringem Erfolg – periodisch haben sich seither die Diskussionen über Sinn und Unsinn solcher Themensetzungen wiederholt.
Die Resonanz blieb wohlwollend, und so tauchte bereits im Programmheft der 3. Literaturtage das Wort «Tradition» auf. Ein logisch leicht verunglückter Satz rechtfertigt diesen Sachverhalt im Programmheft: «Und eben darum, weil Literatur in der Schweiz nicht selbstverständlich ist und Literaten noch weniger, wird sich eine Programmkommission gegen selbstverständliche Solothurner Literaturtage wehren.» Wehren oder NICHT wehren? Die fehlende Verneinung ist ein unwillkürliches Signal dafür, dass der Erfolg der Solothurner Literaturtage die Macher selbst zu überraschen und ein wenig auch peinlich zu berühren schien.
Die Stilfigur der argumentativen Spitzkehre kennzeichnet diese Gründerjahre. Veränderungen wurden eingeführt und postwendend wieder verworfen. Eine dieser Neuerungen betraf 1981 die parallele Ansetzung von Lesungen: «Es tut sicher gut, einmal feststellen zu können, dass jemand ,etwas‘ verpasst hat, und damit Literatur meint. Literatur verpassen wegen Literatur – nicht wegen Derrick», hiess es im Programmheft.
Die Reklamationen liessen nicht auf sich warten, weshalb im Jahr darauf alle Veranstaltungen auf Video aufgenommen und zeitverzögert abgespielt wurden – ohne Resonanz allerdings. Deshalb blieb das Experiment singulär, 1983 verzichtete die Programmkommission ohnehin auf parallele Lesungen unter dem Motto «Reduktion, Vertiefung, Offenheit». 1984 dagegen standen auf einmal sogar drei Parallellesungen auf dem Programm, was die Kommission zwei Jahre später nicht hinderte, abermals resolut darauf zu verzichten, «mit Literatur Literatur zu konkurrenzieren». Schliesslich haben sich Parallelveranstaltungen durchgesetzt.
Tage der Begegnung
Trotz solchem Hüst und Hott hatten einige Neuerungen Bestand. Vor allem stabilisierte sich der Kreis der Sponsoren. Tauchten 1980 noch das «Amt für Kulturpflege» und Möbel Pfister auf der Liste der Donatoren auf – Letzterer als Spender eines Teppichs, der (vergeblich) das Knarren des Bodens im «Kreuz»-Saal abdämpfen sollte – , sorgten ab 1981 Pro Helvetia sowie Stadt und Kanton Solothurn für das finanzielle Fundament der Literaturtage. Neben weiteren Geldgebern standen 1985 erstmals auch die einander befehdenden Autorenverbände SSV und Gruppe Olten traulich nebeneinander auf dieser Liste.
Konzeptionell sind die Literaturtage bis heute ein «Forum für aktuelles Literaturschaffen in der Schweiz» geblieben, das Schreibende, Lesende und Vermittelnde auf der offenen Bühne zwischen Restaurant Kreuz und Landhaus zusammenführt.
Rund 650 Autorinnen und Autoren aus allen Landesteilen – dazu beinahe 250 aus allen Weltregionen – haben bis dato in Solothurn gelesen. Die Zahl der Besucher und Besucherinnen ist seit den Anfängen kontinuierlich gestiegen, weshalb 1992 der «Kreuz»-Saal vom grossen Landhaus-Saal als zentrale Lesestätte abgelöst wurde.
Damit einhergegangen ist eine stetige Zunahme der Lesungen und der Rahmenveranstaltungen. Der seit 1987 gültige Stundenraster ist heute proppenvoll, und die Zahl der Lesungen lässt sich nur durch neue Spielstätten noch steigern.
Seit 1987 gilt das Prinzip der Einzellesung. Damit wurde – notabene ohne nähere Erläuterung im Programmheft – eine elementare Zäsur gezogen, die der Individualität des Autors und der Autorin Rechnung trägt. Vielleicht nicht ganz zufällig fiel dieser Wechsel zusammen mit der Präsentation einer Umfrage über die «materielle Situation der Schreibenden». Auf einem Beiblatt zum Programmheft resümierte Otto F. Walter die Resultate unter der Überschrift «Die Freiheit, die WIR meinen». Auch wenn diese kulturpolitische Initiative von Autorenseite wenig direkten Erfolg zeitigte, gab sie doch ein Signal dafür, dass sich Kreativschaffende selbst kulturpolitisch einmischen müssen, um ihre Interessen zu vertreten. Gerade heute ist dies wieder aktuell mit Blick auf das neue Kulturfördergesetz, das gelinde gesagt sehr zweifelhafte Paragrafen beinhaltet.
Die Schreibwerkstätten von Arbeiter- und Frauenkollektiven verschwanden schon 1981 aus dem Programm, an ihre Stelle traten ab 1983 zuerst Autorenwerkstätten, danach sporadisch auch Übersetzungswerkstätten.
Letztere repräsentieren mustergültig den Anspruch der mehrsprachigen Schweiz, denn kaum je wird präziser über literarische Feinheiten diskutiert wie in der direkten Auseinandersetzung mit einem Text und zwei Sprachen. Die Übersetzung ist seit den Anfängen ein zentrales Anliegen der viersprachigen Solothurner Literaturtage. Sie erfüllen so einen wichtigen Beitrag zum binnenschweizerischen Dialog, auch wenn sich die Kluft zwischen den Sprachen zuweilen als tief und breit erweist.
Die Höhepunkte
Mit Recht widerstehen die Literaturtage seit jeher dem Hang zur Effekthascherei. Dies freilich will nicht heissen, dass ihre Geschichte arm an Höhepunkten wäre. Das bis heute wohl unbestrittene Glanzlicht setzte ihnen der legendäre Auftritt von Max Frisch 1986 auf, anlässlich einer Feier zu seinem 75. Geburtstag. Frisch bedankte sich mit einer beeindruckenden Rede:
«Ja, vieles ist schiefgelaufen! Am Ende der Aufklärung also steht nicht, wie Kant und die Aufklärer alle hofften, der mündige Mensch, sondern das Goldene Kalb, bekannt schon aus dem Alten Testament.»
Im Kern hat diese brillante Kanzelpredigt bis heute kaum an Eindringlichkeit verloren – ausser dass es den Bankverein nicht mehr gibt, der sich darin auf «Optimismus, Freisinn ... Sichersein» reimte. Sie hat nicht zuletzt deshalb ihre Frische bewahrt, weil der Autor schonungslos, ehrlich auch mit sich selbst ins Gericht ging und die enttäuschten Hoffnungen eines «alten Mannes» bilanzierte, der sich davor fürchtet, dass er die Hoffnung gar ganz widerrufen und preisgeben könnte.
Im Voraus angesagte Höhepunkte waren in Solothurn meist mit den Namen von ausländischen Gästen verbunden. In den ersten Jahren galt die Regel, dass ein (deutschsprachiger) Gast aus dem Ausland eingeladen wurde. Doch 1992 erhielten «auf dem Hintergrund der europäischen Grenzöffnungen» erstmals mehrere Gäste eine Einladung nach Solothurn. Seither haben speziell die Auftritte von Nobelpreisträgern wie Claude Simon (1995), Wole Soyinka (1996), Günter Grass (1998) und J. M. Coetzee (2006) den Literaturtagen Glanz verliehen und den Medien Anlass zur Berichterstattung geboten. Letzteres ist wichtig. Schon 1980 vermisste ein Kritiker «den Funken, das Spritzige, die ,Höhepunkte‘» – was handkehrum Otto F. Walter erst recht in seiner kritischen Haltung gegenüber den auswärtigen Gästen bestärkt haben dürfte. Dadurch würden Stars produziert, doch in Solothurn sollte es um das Kollektiv der «Schweizer Literatur» gehen.
Mangels oberflächlicher Sensationen sind es an den Literaturtagen üblicherweise individuelle Erfahrungen, die für persönliche Höhepunkte sorgen. Dies können lebhafte Debatten sein oder anregende Lesungen, auch Gespräche beim mittäglichen Essen, beim abendlichen Zusammensein oder beim spätabendlichen Wein draussen vor oder drinnen im «Kreuz». Überhaupt das «Kreuz»! Schon 1979 fällte das «Börsenblatt» das bis heute gültige Verdikt: «Ihre Küche ist vorzüglich . . .»
Auf die eigene Mitarbeit in der Programmkommission zurückblickend, sind mir selbst zwei Veranstaltungen besonders im Gedächtnis haften geblieben. Zum einen ein 1999 kurzfristig angesetztes Nachtgespräch zum tagesaktuellen Thema «Krieg in Kosovo», das für mich als Moderator nicht ohne Blössen zu bewältigen war. Trotz Kritik aber hat sich die kontroverse Debatte gelohnt, weil sie auf einem spontanen Bedürfnis beruhte.
Zum anderen ist es die Begegnung im Jahr 1999 zwischen dem Autor Otto Steiger und dem Literaturkritiker Werner Weber, die vor Publikum einen alten Streit aus den Jahren des Kalten Kriegs beilegten. Webers Angriffe 1956/57 in der NZZ an die Adresse Steigers wegen dessen UdSSR-Reisen hatten zur Folge, dass Steiger auf Jahrzehnte hinaus in der Schweiz praktisch totgeschwiegen wurde. In Solothurn rührten Weber und Steiger erstmals gemeinsam an diese alten Wunden. Dabei redeten sie den Konflikt keineswegs klein, sondern legten nochmals ihre damalige Position dar. Deshalb war die Versöhnung am Ende auf bewegende Weise echt und nicht die Folge einer gnädig verbleichenden Erinnerung.
Kontinuität im Wandel
Zwei gegenläufige Kräfte prägen die Solothurner Literaturtage: einerseits die Geschäftsführung, die seit 1979 in den Händen von Vrony Jaeggi liegt (siehe das Gespräch auf Seite 3), andererseits die Programmkommission, deren Zusammensetzung gemäss Statuten alle drei Jahre wechseln muss. Beide Instanzen – vom Gründungsverein eingesetzt – ergänzen sich wechselseitig und sorgen für ein Gleichgewicht von Wandel und Kontinuität. So ist es möglich, dass die eine Kommission mit Nachdruck eine Grundsatzdiskussion («Darf Literatur unterhaltend sein?», 1983) ansetzt und die nächste mit ebensolchem Nachdruck eine «zweifelhafte Grossdebatte» (1984) verwirft. Auf diese Weise werden die Literaturtage programmatisch immer wieder neu erfunden, ohne dass sie ihren Charakter verlieren.
Seit dreissig Jahren hält sich die traditionelle Lesung – rings um sie herum aber lagern sich stetig neue literarische Vermittlungsformen an. Schon 1981 wurde der enge Literaturbegriff um Sachbuch und Journalismus erweitert, sodass etwa auch ein Niklaus Meienberg im Programm Platz finden konnte. 1982 gastierte «Poesie und Musik» mit ihrem neuen Programm in Solothurn, und 1985 stellte der Autor Urs Jaeggi im Rahmenprogramm Bilder und Zeichnungen aus.
In den letzten zehn Jahren hat sich die Palette der Veranstaltungen erst recht erweitert. Ob Poetry-Slam, Spoken Word, literarische Performances oder Hyperfiction: Alle diese experimentierfreudigen literarischen Formate haben das Solothurner Programm bereichert. Der Skepsis diesen neuen Sparten gegenüber hielt Samuel Moser schon 1982 im Programmheft entgegen: «Am Anfang waren die Sänger und Geschichtenerzähler.»
Die Liste lässt sich problemlos erweitern um Filmvorführungen, Ausstellungen, Empfänge und Preisverleihungen. Nach einem ersten Anfang 1983 gibt es seit 1999 eine eigene Programmschiene für Kinder- und Jugendliteratur. Zudem wurde der offene Block 2001 zum «Open Net» erweitert.
Angesichts dieser Vielfalt besteht die Kunst der Programmation darin, die Kontinuität nicht aus den Augen zu verlieren – was in Solothurn auf immer wieder neue Weise gelingt. Die Literaturtage sind seit 1979 ästhetisch reicher geworden, aber auch weniger programmatisch, will heissen politisch. Die Literatur muss mit der Zeit gehen, soll sie nicht zur nostalgischen Veranstaltung werden. Sie ist kein Selbstzweck, sondern schillernder Spiegel ihrer jeweiligen Epoche. Daher präsentiert sie sich heute auch an den Literaturtagen medial virtuoser, vielfältiger.
Mittlerweile tragen die Solothurner Literaturtage das Etikett «Tradition» ohne Anflug von Peinlichkeit. Sie sind eine Erfolgsgeschichte. Andere Schweizer Literaturevents haben ihnen kaum etwas anhaben können, weil Solothurn nicht nur Literatur (re)präsentiert, sondern dafür auch eine ruhige, an sonnigen Tagen unüberbietbar attraktive Kulisse anbietet. Die Kompaktheit der Kleinstadt sorgt dafür, dass sich die Gäste stets wiederfinden, auch wenn sie sich vom Kern des Geschehens entfernen. Verlaufen kann man sich in Solothurn nicht. Die reizvolle Topografie ist ein zentrales Charakteristikum der Literaturtage, die dafür weitgehend frei sind von Konkurrenz- und Wettbewerbsstress.
Der Autor ist regelmässiger Mitarbeiter des «Bund»-Kulturressorts und war von 1999 bis 2001 Mitglied der Programmkommission der Solothurner Literaturtage.
Plakat 2011 gestaltet von Reto Wahlen, Solothurn
New Swiss Writing 2011 enthält 39 Texte in der Originalsprache und in englischer Übersetzung.
Die 34. Literaturtage finden statt vom 18. bis 20. Mai 2012, wie immer am Auffahrts-
wochenende.
Hier finden Sie die wichtigsten Literaturtermine.
OpenNet, der tradi-
tionelle Schreibwettbe-
werb der Solothurner Literaturtage