Solothurner Solothurner Literaturtage 2006 - Editorial

 

In diesem Jahr ist alles anders. Das gute alte Landhaus wird umgebaut und so sind die Wege zu den Lesungen, Diskussionen und Ateliers der 28. Solothurner Literaturtage etwas weiter, sie führen ins Alte Spital und in den Konzertsaal. Das heisst: mehr Zeit unterwegs, vielleicht um sich ein paar Gedanken zu machen. Etwa zum Wesen und zur Rolle der Literatur heutzutage.

«Hier dein Tisch, Papier geschichtet in Bogen, Maschine und Schreibstift – Werkzeug, das Unwägbare zu tun.» Walter Gross, der gerade wieder dem Vergessen entrissene Ostschweizer Poet, hat das noch so materialistisch gesehen. Im Titel seines Gedichtes aus den fünfziger Jahren steht «Lust und Verantwortung». Welch schöne Definition einer Literatur, die sich nicht vergeudet als Luxus der gebildeten Stände, als Inszenierung oder als wohlfeiler kultureller Event.

Eine allseits vermutete Verantwortung der Literatur und der Schriftstellerinnen und Schriftsteller gegenüber der Gesellschaft war das heimliche Motto bei der Programmierung dieser Literaturtage. Was also lag näher, als eine der diesbezüglich pointiertesten Stimmen der Weltliteratur einzuladen, den Literaturnobelpreisträger 2003, John Maxwell Coetzee. Seine wohl bekannteste Romanfi gur Elizabeth Costello sagt einmal: «Ich bin eine alte Frau. Ich habe keine Zeit mehr zu sagen, was ich nicht meine.» Der letztere Satz redet wohl auch für den Sprachwissenschaftler Jean Starobinski, ein wahrlich rares Beispiel eines universellen Geistes.

Relevanter Realismus ist eine Formel, die – wenn der Griff in die Mottenkiste der Literaturgeschichte erlaubt ist – auch engagierte Literatur heissen könnte. Was tut Not? Sollen die Schriftstellerinnen und Schriftsteller wieder vermehrt «Flagge zeigen»? Darüber wird ausgiebig diskutiert werden.

Eine extreme Form der Kritik an der Gesellschaft ist das Verbrechen. Auch davon wird in Solothurn die Rede sein, nicht im Kriminalroman, sondern in autobiographischen Versuchen von Ludwig Lugmeier, der in den siebziger Jahren Geldtransporte überfi el und im Gefängnis zu schreiben begann.

Der «Fall» Daniel de Roulet ist erst vor kurzem von den Medien durchgehechelt worden und kann nun in Ruhe noch einmal betrachtet werden. So wird die Tat zur Fiktion.

Keine Fiktion ist der erste Bundesrat, der die Solothurner Literaturtage mit seiner Präsenz beehren wird. Moritz Leuenberger verteilt die Preise eines Schreibwettbewerbs, in dem sich junge Menschen in Geschichtenform Gedanken gemacht haben über die Energiezukunft der Schweiz. Literarische Versuche also, die sich um den Zustand der Gesellschaft kümmern.

Insbesondere hat die Programmkommission ihren ureigentlichen Auftrag, eine Werkschau der Schweizer Literatur, sehr ernst genommen. Selbstverständlich ist es unmöglich, sämtliche Schweizer Autorinnen und Autoren aller vier Landessprachen mit ihren aktuellen Werken einzuladen. Doch auch diesmal ist es eine repräsentative Auswahl, die in Solothurn liest, von arrivierten Schriftstellerinnen und Bestsellerautoren bis hin zu wirklich sehr jungen Debütantinnen und Erstveröffentlichern.

Die Lesungen für Kinder und Jugendliche samt Diskussion über neue Männlichkeitsentwürfe in der Jugendliteratur, Hörspiel und Theater-Texte und der übliche OpenNet-Wettbewerb ergänzen das Programm zu einer umfassenden Literaturschau.

Auf dem Wege zum Alten Spital wird übrigens das sogenannte Blindenzelt stehen. In absoluter Dunkelheit kann man sich bei geführten Besichtigungen ganz auf sein Ohr konzentrieren.

Gute Wege in Solothurn wünscht im Namen der Programmkommission

 

Wolfgang Bortlik